Wafer Produktion bei Infineon
Hintergrund

Fehlende Halbleiter Die vielfältigen Gründe des Chipmangels

Stand: 03.08.2021 16:28 Uhr

Chipmangel - und kein Ende in Sicht: Die kleinen, technischen Bauteile sind weiterhin knapp, und Experten rechnen so bald nicht mit einer Entspannung der Lage. Dafür gibt es mehrere Gründe.

Von Samir Ibrahim, ARD-Börsenstudio

Eigentlich könnte die Welt für Konzerne wie Infineon schöner nicht sein. Der Halbleiterhersteller sieht sich einer ungeheuren Nachfrage gegenüber. Der Chip-Boom sei ungebrochen, heißt es aus dem DAX-Konzern in der Nähe von München. Allein liefern kann man nicht so wie man will. Auch Infineon kämpft mit einem Phänomen, das die gesamte Industrie rund um den Globus derzeit schmerzlich zu spüren bekommt: Lieferprobleme.

"Was das Infineon-Geschäft natürlich grundsätzlich belastet, ist der Lockdown in Malaysia", erklärt Daniel Kröger von der Fondsgesellschaft Ehrke und Lübberstedt. "Es trübt das Ganze natürlich ein bisschen ein, dass auch Lieferketten gestört sind." Im Moment kommt es eben auch darauf an, wo und was man produziert.

Ist eine EU-eigene Produktion die Lösung?

Egal, in welche Branche man schaut: Der Mangel an Chips ist allgegenwärtig. Die EU sieht sich dabei in einer fatalen Abhängigkeit von Asien und den USA und will das ändern - möglichst schnell, etwa mit einer eigenen Fabrik. Man sei mit verschiedenen Konzernen im Gespräch, heißt es aus Brüssel.

Nachvollziehbar findet das Experte Kröger - das aktuelle Probleme löse diese Idee jedoch nicht: "Wir werden nicht ein Werk sehen, das ab nächstes Jahr zu 100 Prozent ausgelastet ist, sondern das muss nach und nach hochgefahren werden", prophezeit er und erläutert die Fallstricke, die es bei der Herstellung gibt. "So ein Chip wird über eine Woche produziert, und da darf natürlich nicht in der letzten Minute noch ein Fehler passieren, sonst können Sie einen sehr teuren Chip einfach wegwerfen."

Vielfältiger Bedarf, komplexes Design

Spielekonsolen, Autos, Computer, Handys, Baumaschinen oder Fertigungsanlagen - es geht nicht mehr ohne. Der Bedarf ist riesig, doch die aktuellen Probleme sind es auch. Die Anforderungen sind so vielfältig wie die Halbleiter selbst. Ein Chip für das Elektroauto "Made in Germany" passt schlicht nicht für einen Industrieroboter. Die Produktion ist das eine, das Design für die jeweilige Anwendung das andere. Und hier, sagt Jan-Peter Kleinhans von der "Stiftung Neue Verantwortung", habe Europa Entwicklungen schlicht verschlafen: "Je nach Produktsparte hat man meistens ein bis vier Unternehmen, die sich 80 bis 90 Prozent des Weltmarktes teilen. Und diese Unternehmen sitzen nicht in Europa."

Dabei ist das Design der schwierigere Teil der Produktionskette für Chips. Doch selbst bei der Fertigung hinke man hinterher, meint Kleinhans. Chips baue man nicht mal eben so, auch nicht in einer neuen Fabrik. Der Experte sieht den Entwicklungsstand Europas etwa zehn bis 15 Jahre hinter Taiwan und Südkorea: "Das sind die beiden Produktionsstandorte mit den modernsten Fertigungsmöglichkeiten derzeit. Und in meinen Augen wäre es Geldverschwendung, wenn man jetzt hier auf Teufel komm raus versuchen würde, diese Art von Fertigung wieder in Europa zu etablieren."

Die schnelle Lösung mit eigener Produktion werde es nicht geben, so Kleinhans. Es komme auf eine langfristige Strategie an. Europa wolle ja schließlich nicht die Werkbank der Welt werden, sondern bei der Entwicklung vorne dabei sein. Da habe man noch aufzuholen. Für Unternehmen wie Infineon bedeutet das, dass man sich über die Nachfrage in nächster Zeit wohl keine Gedanken machen muss. Schätzungen zufolge könnte es auch 2023 noch heißen: Chips - verzweifelt gesucht.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 03. August 2021 um 14:35 Uhr.