Chinesische Trägerrakete vom Typ "Langer Marsch" | dpa
Interview

"Langer Marsch 5B"-Absturz "Wird wohl keinen Menschen treffen"

Stand: 08.05.2021 10:19 Uhr

Die Zentralstufe der chinesischen Rakete "Langer Marsch 5B" wird wohl dieses Wochenende in die Erdatmosphäre eintreten. Die Besonderheiten des unkontrollierten Absturzes erklärt Ex-Astronaut Ulrich Walter im Interview mit tagesschau.de.

tagesschau.de: Herr Walter, das Wichtigste zuerst: Müssen wir uns Sorgen machen, dass die Rakete auf Deutschland niedergeht?

Ulrich Walter: Nein. Wir können absolut ausschließen, dass die Rakete über Deutschland herunterkommt, höchstens über Süditalien. Das ist der Bereich, den die Rakete tatsächlich überfliegt. Sie überfliegt nicht Deutschland. Die Rakete fliegt eine Bahn, die so geneigt ist, dass sie am nördlichsten Punkt maximal in Rom herunterkommt und am südlichsten in Kapstadt. Den genauen Ort und den Eintrittszeitpunkt können wir nicht berechnen.

Der Grund liegt in unserer Atmosphäre mit ihren Winden und ihren sich ändernden Höhen. Die Oberkante der Atmosphäre ist sehr ungenau berechenbar. Darum ist selbst eine ungefähre Eintrittsbahn sogar nur einen Tag vor dem Absturz nicht berechenbar. Momentan umfliegt die Rakete alle anderthalb Stunden die Erde.

Raktenteile meist Jahrzehnte im All

tagesschau.de: Im Mai 2020 waren nach dem ersten Flug des Raketentyps "Langer Marsch" schon einmal Trümmerteile auf der Erde gelandet. Sie haben nach lokalen Berichten mehrere Häuser in Dörfern der Elfenbeinküste beschädigt.

Walter: Die gute Nachricht ist: Da die Erde zu 71 Prozent aus Wasser besteht, nämlich die Ozeane, ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass sie in einem Ozean herunterkommt. Und selbst wenn sie auf Land stürzt, wird sie wahrscheinlich keinen Menschen treffen, weil sie in einer unbewohnten Gegend aufschlägt.

Wir haben - grob gesagt - 50 bis 60 große Müllteile von Raketen und Satelliten, die jährlich die Erde treffen, und bislang ist noch nie ein großer Schaden passiert. Es gibt immer wieder große Weltraumteile, die auf die Erde fallen. Aber dieses Mal ist es eben etwas Besonderes, weil diese Rakete bereits kurz nach ihrem Start wieder herunterkommt. Alte Satelliten und herkömmliche Raketenteile kommen erst nach 20 oder 30 Jahren wieder herunter.

Weltraum-Historie

Bereits im Mai 2020 stürzte eine chinesische Trägerrakete auf die Erde. Es war das größte Teil Weltraumschrott seit dem Absturz des US-Raumlabors Skylab 1979. Die Raumstation stürzte vor allem in den Indischen Ozean, Teile gingen über Australien nieder.

Jährlich 100 Tonnen Weltraummüll

tagesschau.de: Aber die Rakete wird nicht am Stück herunterkommen, oder? 

Walter: Insgesamt fallen etwa 100 Tonnen Weltraummüll pro Jahr auf die Erde. Diese Raketenstufe wiegt etwa 20 Tonnen. Die Erfahrung sagt, dass davon ungefähr fünf Tonnen auf der Erde aufschlagen, allerdings nicht insgesamt als ein Brocken, sondern in vielen Stücken. Durch den großen Luftwiderstand und die Hitze zerbricht die Rakete in kleine Teile. Ich denke, es könnten vielleicht 50 kleine Teile sein, verteilt über einige Hundert Quadratkilometer.

tagesschau.de: Da dieser Raketentyp nun schon zum zweiten Mal kurz nach dem Start auf die Erde stürzt, stellt sich die Frage: Ist da wieder etwas schief gegangen, oder ist das bei dieser Rakete normal?

Walter: Diese chinesische Rakete ist tatsächlich anders gebaut als andere Raketen, etwa die europäische Ariane. Tatsächlich hat sie nur eine zentrale Stufe und vier Booster, das sind seitlich angebrachte Raketen. Das liegt daran, dass diese Rakete nicht in große Höhen muss, sondern nur in 300 bis 400 Kilometer Höhe, weil dort die chinesische Raumstation hinkommt. Darum kann man sich eine Raketenstufe sparen.

Das wiederum ist der Grund, warum diese Zentralstufe sofort wieder zurückkommt. Andere Raketen haben Oberstufen, die sehr lange im Weltraum bleiben.

US-Kritik an chinesischer Raketenbauweise

tagesschau.de: Warum baut China denn überhaupt eine solche Rakete, bei der sozusagen eingepreist ist, dass sie wieder zurück auf die Erde fällt?

Walter: Das haben die Chinesen nicht gesagt. Ich vermute mal, aus Kostengründen.

Die Amerikaner haben sich darüber aufgeregt und gesagt: Warum habt ihr die Rakete nicht so gebaut, dass ihr diese Zentralstufe gezielt abstürzen lasst, etwa im riesigen Pazifischen Ozean, wo wirklich nichts passieren kann? Das machen nämlich andere Hersteller. Das haben die Chinesen nicht gemacht und das kann man ihnen mit Recht vorwerfen.

tagesschau.de: Werden die Chinesen diesen Raketentyp auch in der Zukunft nutzen?

Walter: China nutzt diese Trägerrakete, um ihre neue Raumstation aufzubauen. Ich gehe davon aus, dass diese Rakete noch mehrfach fliegen wird.

tagesschau.de: China gehört ja neben Russland und den USA zu den großen Weltraumnationen. Müssen wir befürchten, dass die Raumfahrt gefährlicher wird?

Walter: Nein, es ist wirklich nur dieser eine Raketentyp, der diese Eigenschaft hat, wieder zurück zur Erde zu kommen.

Aber eines möchte ich noch sagen: Nehmen wir Elon Musk - der baut ja jetzt etwa 12.000 Satelliten, die alle in den Weltraum kommen - und zwar gar nicht so weit oben -, und jeder hat ein Gewicht von 260 Kilogramm. Die werden in den nächsten 15 Jahren alle herunterkommen. Das wären pro Jahr 800 Abstürze mit jeweils etwa 50 Kilogramm, die auf der Erde ankommen. Dagegen sind diese Raketenstufen vernachlässigbar.

Das Interview führte Ute Spangenberger, SWR

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 05. Mai 2021 um 16:48 Uhr.