Hände halten Humus. | picture alliance/dpa

Landwirtschaft Handel mit dem Klimaretter Humus

Stand: 25.06.2022 14:51 Uhr

Der Aufbau von Humus in der Landwirtschaft hilft dabei, mehr CO2 zu speichern - als Schritt gegen den Klimawandel. Um Bauern dafür zu entlohnen, werden spezielle "Humus-Zertifikate" verkauft. Doch das ist umstritten.

Von Christiane Kretzer, BR

Humus, die oberste Bodenschicht, ist ein kostbares Gut: Er ernährt die Pflanzen, speichert Wasser und nimmt über die Photosynthese den Kohlenstoff aus der Atmosphäre auf. Der Boden ist zusammen mit den Weltmeeren der größte CO2-Speicher. Allein dem oberen Meter landwirtschaftlich genutzter Böden in Deutschland bescheinigt das Thünen-Institut die Speicherung von rund 2,5 Milliarden Tonnen organischem gebundenem Kohlenstoff.

Dabei gilt: Ein Humuszuwachs von 0,1 Prozent pro Hektar entspricht etwa fünf bis sechs Tonnen gebundenem CO2 - unter optimalen Bedingungen. Aber das "Carbon Farming" in der Landwirtschaft erfordert ein ausgeklügeltes Management, große Sachkenntnis und häufig eine Umstellung der Betriebsabläufe.  

Für einen besseren "CO2-Fußabdruck"

Wie soll man Landwirte für diese Leistung entlohnen? Zum Beispiel mit Humus-Zertifikaten: Unternehmen bezahlen dabei pro Tonne gespeichertes CO2 eine bestimmte Summe, von der der Landwirt einen Anteil erhält. Damit können die Firmen in der Außendarstellung ihren "CO2-Fußabdruck" verbessern, der Landwirt wird mit fruchtbareren Böden und einem zusätzlichen Betriebseinkommen belohnt.

Aber genau das sorgt für Kritik: Humusaufbau sei zu befürworten, aber "die Kompensation von Treibhausgasemissionen anderer Sektoren durch Humusaufbau via CO2-Emissionszertifikaten wird (…) abgelehnt", heißt es in einem gemeinsamen Positionspapier von NABU, BUND, WWF und mehr als 20 weiteren Organisationen. Humus lasse sich durch ein falsches Management auch wieder abbauen, die CO2-Speicherung sei also nicht nachhaltig.

Und: Es handle sich um ein unfaires System, weil nicht jeder Boden die Voraussetzungen für nennenswerten Humusaufbau mitbringe. Da die Landwirtschaft selbst jährlich insgesamt rund 106 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente emittiere, dürfe eine solche Kompensation nicht an andere Branchen verkauft werden.  

Zertifikate nach TÜV-geprüfter Methode  

Für die Landwirte Christoph Uhl und Herbert Ullrich aus Unterschneidheim ist Carbon Farming ein neues Betriebsstandbein geworden. Sie sind Vertragspartner der Firma CarboCert bei Lindau am Bodensee, die mit Humus-Zertifikaten handelt. Rund 1125 Tonnen CO2 speichern Uhl und Ullrich auf ihren 250 Hektar Ackerfläche derzeit jährlich und verdienen damit pro Tonne 30 Euro. Regionale Unternehmen können diese Speicherleistung dann in Form von Zertifikaten bei CarboCert erwerben, sie bezahlen 50 Euro pro Tonne.

Der Rest deckt die Kosten von CarboCert: Alle drei bis vier Jahre entnimmt sie GPS-gesteuert an den gleichen Stellen Bodenproben auf den Feldern, deren Humusgehalt im Labor analysiert wird. Hat der Humusgehalt zugenommen, lässt sich aus der Differenz die Menge an gespeichertem CO2 nachweisen beziehungsweise errechnen. Für dieses Verfahren hat sich CarboCert eine TÜV-Zulassung gesichert. 

Für Humusaufbau gibt es kein Patentrezept  

Für fruchtbarere Böden und gleichzeitig für die CO2-Speicherung bezahlt zu werden - das klingt für jeden Landwirt erst einmal gut. Aber: Für Humusaufbau gibt es kein Handbuch. Jeder Betrieb, jeder Boden ist anders. Uhl und Ullrich arbeiten nach den Methoden der regenerativen Landwirtschaft, die sie ständig weiterentwickeln. Die Eckpfeiler: Vielfältige Fruchtfolgen und ganz bestimmte Untersaaten, die als Pflanzengemeinschaft einen "Wiesentyp" auf dem Acker nachstellen.

Der Anbau im Dammsystem, also auf kleinen Hügeln, sorgt für Licht- und Wärmeeinfall und regt das Wurzelwachstum an. Das wiederum begünstigt ein vitales Bodenleben, das schließlich den Kohlenstoff verstoffwechseln soll. Zusätzlich kommen Komposttee und Mikroorganismen zum Einsatz. Positiver Nebeneffekt: Mineral- oder Wirtschaftsdünger werden in diesem System überflüssig, Bodenleben und Pflanzen ernähren sich gegenseitig.  

Ackerbauern im Vorteil

Christoph Uhl und Herbert Ullrich sind reine Ackerbauern. Gegenüber Grünlandbetrieben sind sie klar im Vorteil: Die deutschen Äcker haben derzeit einen Humusanteil von etwa drei bis fünf Prozent. Bei Grünland kann er 20 Prozent und mehr betragen. Das Aufbaupotenzial auf Äckern ist also deutlich höher. Humus kann zwar auch auf dem Acker nicht unendlich aufgebaut werden, aber: Bei einer Ackerfläche von 11,7 Millionen Hektar in Deutschland ist das CO2-Speicherpotenzial groß. "Carbon Farming" als wirksames Instrument gegen den Klimawandel liegt also nahe.

Dafür muss die Landwirtschaft aber nachhaltig sein. Vitales Bodenleben, ein optimales Zusammenwirken von Pflanzen und Mikroorganismen - das lässt sich nicht mit einer Bewirtschaftung aufbauen, die einseitig auf die Optimierung des Ertrags ausgerichtet ist. Um Landwirte für einen klimafreundlichen Ackerbaus zu motivieren, muss man ihnen einen Ausgleich anbieten für den höheren Aufwand und den geringeren Ertrag. Ob das besser über Humus-Zertifikate oder mögliche neue Fördermodelle geschieht, darüber wird noch gestritten. 

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 09. Mai 2021 um 19:05 Uhr.