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Biozide in Fassaden Umweltgefahr aus der Wand?

Stand: 15.05.2021 15:49 Uhr

Damit an gedämmten Fassaden möglichst lange keine unansehnlichen Algen, Moose und Flechten wachsen, werden häufig Farben und Putze mit Bioziden verwendet. Schadet das der Umwelt?

Von Simon Plentinger, BR

Modern, nachhaltig und umweltfreundlich zu bauen, bedeutet unter anderem, die Fassaden möglichst gut zu dämmen. Doch das bringt ein neues Problem mit sich: Bei guter Dämmung bleibt die Oberfläche der Außenfassade auch deutlich kühler als bei nicht gedämmten Gebäuden. Dadurch trocknet Feuchtigkeit, die zum Beispiel nach Regen auf der Außenwand zurückbleibt, langsamer.

Dieses zusätzliche Feuchtigkeit an Außenwänden bedeutet zusammen mit organischen Bestandteilen in Farben und Putzen beste Wachstumsbedingungen für Algen, Moose und Flechten. Das Ergebnis: Schnell kann sich die Fassade grau, braun oder grünlich verfärben. Im Wesentlichen ist das ein ästhetisches Problem - aber auch ein wirtschaftliches: Früher oder später muss die Fassade saniert werden.

Farbeimer mit Pinsel und Abstreifgitter | BR/Tom Wittmann

In vielen Fassadenfarben sind Biozide enthalten, die den Bewuchs von Algen, Moosen und Flechten verhindern sollen. Bild: BR/Tom Wittmann

Einige Biozide im Rahmen einer Übergangsregelung erlaubt

Um gegenzusteuern, werden - seitdem modern gedämmt wird - von den Herstellern Putze und Farben angeboten, in denen sogenannte Biozide beigemischt sind. Diese verhindern ein Wachstum von Algen und anderem Bewuchs. Doch dabei kommen auch Chemikalien zum Einsatz, die etwa in der Landwirtschaft als Pflanzenschutzmittel längst verboten sind.

Eine solch unterschiedliche Rechtslage kommt dadurch zustande, dass derlei Substanzen in der EU je nach Einsatzgebiet überprüft und zugelassen werden. Die Verfahren dauern viele Jahre. Manche Substanzen wurden für ihren Einsatz in der Landwirtschaft bereits vollständig überprüft und nicht mehr zugelassen. Für ihren Einsatz als Biozid in Baustoffen wurden sie aber noch nicht vollständig überprüft. Die Verwendung einiger Chemikalien ist momentan auch nur im Rahmen einer Übergangsregelung gestattet, da sie bereits auf dem Markt waren, bevor die EU Biozide mit einer Verordnung aus dem Jahr 2012 reguliert hat.

Chemikalien könnten langfristig der Umwelt schaden

Biozide sind Stoffe, die sich gezielt gegen Organismen richten - wie in diesem Fall Algen, Moose und Flechten. Gelangen sie in die Umwelt, könnten Sie auch dort eine giftige Wirkung gegen andere Organismen entfalten, so Outi Ilvonen vom Umweltbundesamt (UBA).

Gerade wurde eine Untersuchung im Auftrag des UBA abgeschlossen. Dabei wurde in zwei Neubaugebieten in Berlin gemessen, wie hoch die Konzentrationen von Bioziden in den Regenabwässern rund um die Gebäude waren. "Wir waren dann doch schockiert, wie viele Biozide aus den Neubaugebieten rausgekommen sind", so Ilvonen.

Gelangten die Biozide schließlich in Oberflächengewässer oder versickern im Boden, könnten sie dort langfristig eine Gefahr für die ökologische Qualität darstellen, meint die Expertin. Dazu komme das Problem, dass etwa Kläranlagen Biozide kaum aus Abwässern herausfiltern können.

Forschung mittels Freiland-Studie

Wie groß die Gefahren genau sind und wie viele Biozide tatsächlich - etwa durch Regen - in die Umwelt gelangen, wird seit einigen Jahren intensiv erforscht. An der Hochschule Coburg laufen beispielsweise aktuell zwei Forschungsprojekte zu biozidhaltigen Baustoffen, die auch vom bayerischen Wissenschafts- und dem Umweltministerium finanziert werden.

Gerade geht für eine Studie ein Freiland-Versuchsaufbau in Betrieb. Auf einem Parkplatz in der Nähe der Hochschule hat eine Gruppe von Forscherinnen und Forschern eine ganze Reihe von etwa kniehohen Betonsteinen aufgestellt. Auf die senkrechte Fläche der Steine wurden unterschiedliche Putze und Farben aufgebracht, die auch beim Hausbau verwendet werden. Sie sollen echte Fassaden mit modernen Anstrichen simulieren. Die Steine sollen dort für ein Jahr bei jeder Witterung im Freien stehen. Das Ablaufwasser der Mini-Fassaden wird aufgefangen und im Labor analysiert.

Miniatur-Test-Fassaden liegen aufgereiht für ein Experiment | BR/Jochen Schlawne

Freiland-Experiment mit Miniatur-Test-Fassaden der Hochschule Coburg. Bild: BR/Jochen Schlawne

Biozide werden langfristig ausgewaschen

Anhand der Analysen kann das Forscherteam herausfinden, welche Konzentrationen von Bioziden tatsächlich aus den Fassaden ausgewaschen werden und wie das mit den Regenmengen zusammenhängt. Auch wird im Labor getestet, wie sich das Ablaufwasser auf ein Stück Boden auswirkt, wie schnell sich die Chemikalien abbauen, ob sie sich im Boden anreichern und ob möglicherweise noch giftigere Zerfallsprodukte entstehen.

Schon jetzt weiß das Team um Professor Stefan Kalkhof, dass die Biozide nicht in der Wand bleiben. Denn um zu wirken, müssen sie sich Stück für Stück aus der Farbe lösen. Besonders durch Schlagregen - also Regen, der durch Wind gegen die Fassade geweht wird - können sie dann auch im Laufe der Zeit ausgewaschen werden.

Umweltbundesamt setzt auf Aufklärung

Auch wenn dabei geringere Konzentrationen frei werden, als wenn man die Stoffe als Pflanzenschutzmittel einsetzt, sieht das Umweltbundesamt Handlungsbedarf. Expertin Ilvonen geht zwar davon aus, dass einige der Stoffe in den kommenden Jahren noch verboten werden könnten, wenn ihre Bewertung abgeschlossen ist. Bis dahin setzt das UBA auf Aufklärung und stellt Informationsmaterialien etwa für Architekten zur Verfügungen. Denn es gibt Alternativen.

Biozideinsatz nicht immer notwendig

Die meisten Farbhersteller haben sowohl biozidhaltige als auch biozidfreie Produkte im Angebot. Nicht immer ist ein Biozideinsatz wirklich notwendig. Es gibt Farben, die Algen, Moose und Flechten auf andere Weise fernhalten oder auch Biozide zumindest möglichst gut in der Wand festhalten. Maler und Farbhändler können einschätzen, was in welchem Fall sinnvoll ist. Und auch schon bei der Bauplanung lässt sich einiges machen: Ein überstehendes Dach wie bei klassischer Bauweise hält mehr Regen von der Fassade fern, die so weniger feucht wird.

Und man könnte auch noch weiterdenken: Laut Klaus Kümmerer, Professor für Nachhaltige Chemie und Stoffliche Ressourcen an der Leuphana Universität Lüneburg, stellt sich die grundsätzliche Frage, wie viel Dämmung tatsächlich notwendig ist. Durch etwas mäßigeres Heizen - also eine etwas geringere Raumtemperatur oder indem man nicht jeden Raum voll aufheizt - könnte genauso viel CO2 eingespart werden wie durch Dämmung. In der Folge müssten aber weniger Chemikalien eingesetzt werden.

Außerdem sollten Biozide von vornherein so entwickelt werden, dass sie sich möglichst schnell und vollständig in der Umwelt abbauen. Und: Kümmerer hat auch noch einen ganz praktischen Vorschlag: Letztlich bleiben Algen, Moose und Flechten an Fassaden im Wesentlichen ein ästhetisches Problem. Eine Lösung könnte also auch sein, von vornherein einen dunkleren Farbton zu wählen, auf dem ein Bewuchs kaum sichtbar ist.