Innenansicht der leeren Mercedes-Benz-Arena in Stuttgart | dpa

Knappe Baustoffe Neu bauen mit gebrauchtem Material

Stand: 17.08.2021 11:09 Uhr

Baustoffe sind derzeit oft Mangelware, die Preise hoch. Das gefährdet den Boom der Baubranche. Ist die Wiederverwendung von Fensterscheiben oder Dämmwolle eine Lösung, die auch dem Klima hilft?

Von Daniela Diehl, SWR

Zollstock, Computer, Handy - mit diesen Werkzeugen will das Stuttgarter Start-up Concular die Baubranche revolutionieren. Gerade sind sie zu viert im Mercedes-Benz-Stadion, das in Teilen umgebaut werden soll. "Die oberen Stühle auf der Zuschauertribüne kommen weg und die unteren", sagt Theresa Schwinghammer, Architektin bei Concular. Wenn es nach ihr geht, wandern sie aber nicht auf den Müll. Sie und ihr Team prüfen, ob alte Baumaterialien wiederverwendet werden können.

Genaue Vermessung für die Wiederverwendung

Schwinghammer balanciert den Laptop auf einem Arm, mit der anderen Hand tippt sie. "Ich erstelle das gerade, vielleicht kann jemand vermessen oder fotografieren", sagt sie. Gemeint ist ein Prototyp für die Zuschauerstühle, ihre Kollegen fangen an auszumessen: Lehne, Sitzfläche, auch die Schwingfeder zum Klappen wird notiert. Alles, was man weiterverarbeiten oder im Original nutzen kann, wird erfasst und sofort online gestellt. Nicht nur die Stühle, auch Fensterscheiben, Schränke, Dämmwolle.

"Je weniger man Materialien für eine Nachnutzung verändern muss, desto besser", meint Anja Rosen. Sie ist Architektin, Sachverständige und Lehrbeauftragte für Nachhaltiges Bauen und forscht seit Jahren zu dem Thema. "Leider sind wir es in unserem Zeitalter der Ressourcenverschwendung gewohnt, Materialien nach der Nutzung zu entsorgen oder minderwertig zu verwerten", erklärt sie. Baumaterial zu erhalten, spart Energie. Ziegel und Beton würden beispielsweise vorwiegend als Gesteinskörnung im Straßenunterbau weiterverwertet. Dadurch gehe die ganze Energie verloren, die zur Herstellung eingesetzt wurde.

Zurück in den Produktkreislauf

Concular will etwas gegen diese Verschwendung tun. Seit März 2020 ist das Start-up am Markt. Die Idee kam Mitgründer Marc Haines während seiner Tätigkeit als Bauleiter von Großprojekten. "Ich habe mitbekommen, wie viele Materialien entsorgt werden, die man gut noch hätte woanders verkaufen können oder einbauen können. Und das ist unser der Ansatz: Wir versuchen, die Materialien wieder in den Produktkreislauf zu bringen."

Sogenannte Baustoffbörsen gebe es schon lange am Markt, erläutert Rosen. Das seien deutschlandweit organisierte Online-Plattformen. Wenn jemand Baustoffe übrig habe, könne er sie dort zur Verfügung stellen. Teilweise gebe es auch Lager in Städten.

Schnelle Erfassung mit genauen Angaben

Das Konzept von Concular baut darauf auf. Das Unternehmen hat eine eigene Software entwickelt, um Baumaterial, das weiter nutzbar ist, vor Ort zu erfassen, zu bewerten und online zu stellen. Das Start-up vermittelt die Baustoffe an Käufer und bilanziert die CO2-Einsparungen.

Zum Beispiel bei den großen Fensterbullaugen, die im Stadion des VfB Stuttgart verbaut sind. Für Architekten, die diese weiternutzen wollen, ist unter anderem der sogenannte U-Wert wichtig, sprich die Wärmedurchlässigkeit der Fenster. "Der steht hier in der Fensterscheibe, genauso wie das Herstellerdatum", sagt Haines. Doch nicht immer sind die relevanten Informationen so leicht zu finden. "Von vielen Dingen gibt es ja gar nicht mehr die originalen Datenblätter, die normalerweise den Architekten zur Verfügung stehen, damit sie diese in ihre Planungen übernehmen können. Und das arbeiten wir sozusagen jetzt nach, für diese Materialien", sagt Haines.

Innenansicht der leeren Mercedes-Benz-Arena in Stuttgart | dpa

Monate vor Beginn des Umbaus der Mercedes-Benz-Arena in Stuttgart werden alle verwertbaren Baustoffe erfasst, um für möglichst viele von ihnen Käufer und damit eine neue Verwendung zu finden. Bild: dpa

Bau und Wohnen als Klima-Faktor

Architekten oder Bauherren, können auf der Seite von Concular genau auflisten, was sie suchen, und werden dann benachrichtigt, wenn passende Baumaterialien erfasst wurden. Gerade misst das Team die Umkleiden im VfB-Stadion aus. Wie kann man die Spinde am besten weiterverwerten? Einzeln oder als Kombi? Kurze Beratung, dann geht es weiter. Jedes Objekt hat seine ganz eigenen Herausforderungen.

20.000 Tonnen Baumaterial hat Concular mittlerweile vermittelt. Und weil Altes wiederverwendet wurde, statt Neues zu produzieren, damit Tausende Tonnen CO2 eingespart. "Der Bausektor ist einer der größten Ressourcenverbraucher weltweit und gerade auch in Deutschland. Daher haben wir hier einen großen Hebel, auch gegen die Klimakrise anzukämpfen", sagt Schwinghammer.

Insgesamt 40 Prozent des CO2-Ausstoßes in Deutschland entstehen durch den Gebäudebereich, so eine Studie des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung. Zum einen durch die Nutzung von Wohn- und Nichtwohngebäuden, zum anderen durchs Bauen und Modernisieren.

Bleibt es bei der Knappheit?

In Zeiten von Corona ist die Nachfrage bei dem Start-up Concular geradezu explodiert. Hier finden Architekten Baustoffe, die neu durch die aktuellen Lieferengpässe nicht verfügbar sind. Beim Holz und bei den Baustoffen meldeten 74,4 Prozent der Händler Engpässe. Bei Metall- und Kunststoffwaren für Bauzwecke sogar 91,6 Prozent, so eine aktuelle Umfrage des ifo-Instituts. "Viele Materialien bleiben knapp und damit teuer", sagt ifo-Forscher Felix Leiss.

Theresa Schwinghammer glaubt, dass die Knappheit bleiben wird: "Die Zukunft des Bauens wird sich immer weiter auf die Wiederverwendung von Materialien fokussieren. Und genau das tun wir hier mit unserer Arbeit." Innerhalb einer Woche erfasst Concular alle verwertbaren Baustoffe im Stuttgarter Stadion des VfB und stellt sie online. Das Team hofft auf viele Käufer, bis im März nächsten Jahres der Umbau beginnt.

Über dieses Thema berichtete Bayern 2 Radio am 07. Mai 2021 um 09:05 Uhr.