Volkswagen testet autonomes Fahren

Autonomes Fahren Nickerchen hinter dem Lenkrad

Stand: 21.05.2021 15:18 Uhr

Das Auto steuert sich selbst, während der Fahrer schläft - Deutschland will Vorreiter beim autonomen Fahren werden. Bereits ab 2022 sollen nach Willen des Bundestages solche Fahrzeuge die Straßen befahren können.

Als eines der ersten Länder erhält Deutschland eine umfassende Gesetzgebung, die das autonome Fahren regeln soll. Das vom Bundestag beschlossene Gesetz soll fahrerlosen Kraftfahrzeugen der sogenannten Stufe vier die Möglichkeit eröffnen, bereits ab dem kommenden Jahr auf bestimmten festgelegten Strecken im Regelbetrieb im öffentlichen Straßenverkehr unterwegs zu sein.

Beim vollautomatisierten Fahren der Stufe vier kann der Computer in bestimmten Situationen oder für eine gewisse Zeit - auch auf längeren Strecken - vollständig die Kontrolle über das Auto übernehmen, ohne von einem menschlichen Fahrer überwacht zu werden. Das System übernimmt die komplette Fahrzeugführung. Wer im Auto sitzt, ist praktisch Passagier und könnte etwa das Smartphone bedienen oder schlafen. Er muss aber fahrtüchtig sein.

Auf dieser Stufe könne das selbstfahrende Auto hochkomplexe urbane Verkehrssituationen wie plötzlich auftretende Baustellen ohne Eingriff des Fahrers meistern, heißt es dazu bei BMW. Nur bei Bedarf - etwa bei einem Ausfall von Systemen - würde er alarmiert. In Notfällen soll die Computersteuerung das Fahrzeug am Straßenrand zum Stehen bringen, wenn der Fahrer Warnhinweise nicht beachtet.

Bislang nur mit Sondergenehmigung

Die Autoindustrie hat in besonderen Modellen bereits automatische Systeme zum Überholen, Spurwechsel oder Bremsen eingebaut. Nun soll der nächste Schritt folgen: Die Technologie könnte nach Angaben des Verkehrsministeriums etwa für Shuttleverbindungen oder bei der Güterbeförderung zum Einsatz kommen.

Denkbar seien unterschiedliche Verwendungen im öffentlichen Personenverkehr innerhalb der Kommunen, heißt es dazu im Gesetzentwurf. Dort könne mit kleineren und größeren Fahrzeugen der Bedarf auf verschiedene Weise abgedeckt werden, so die Vorstellung des Gesetzgebers.

Außerdem soll autonomes Fahren aufgrund der reaktionsschnelleren Technik laut Gesetzentwurf die Verkehrssicherheit erhöhen. Bislang waren autonome Fahrzeuge nur mit Sondergenehmigungen etwa auf Betriebsflächen als sogenannte "People Mover" unterwegs. Dabei handelt es sich um kleine, meist langsam fahrende und elektrisch betriebene Busse, die eine Gruppe von Menschen ohne Fahrer transportieren.

Auf dem Weg zum Weltmarktführer?

Tankred Schipanski, digitalpolitischer Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, erklärt dazu: "Autonomes Fahren wird perspektivisch unsere Mobilität revolutionieren und dafür braucht es die richtigen Voraussetzungen und Rahmenbedingungen." Auch der Verband der Deutschen Automobilindustrie (VDA) zeigte sich zufrieden: "Kunden, Industrie und der Standort Deutschland werden davon enorm profitieren", so VDA-Präsidentin Hildegard Müller. Die deutsche Automobilindustrie könne auf diesem Feld zum "Weltmarktführer" werden.

Damit der neue Rechtsrahmen in Kraft tritt, müssen allerdings noch die Länder im Bundesrat zustimmen.

Milliardengeschäft mit Auto-Software

Die Zeit scheint zu drängen: US-Konzerne wie Google oder Tesla sind längst dabei, ihre Technologien im Alltag umzusetzen. Apple soll dem Vernehmen nach selbst ein autonomes Fahrzeug entwickeln. Auch chinesische Hersteller positionieren sich auf dem zukunftsträchtigen Markt. Deshalb halten es deutsche Branchenvertreter für so wichtig, nicht den Anschluss zu verlieren.

Software und Digitalisierung sind für VW, Daimler und BMW die wesentliche Zukunftsthemen, die Milliardeninvestitionen erfordern. Ziel der Konzerne ist es, von den US-Tech-Riesen unabhängig zu bleiben, weil das Geschäft gigantisch ist. Die Schweizer Bank UBS prognostiziert für 2030, dass fast zwei Billionen Dollar mit Auto-Software erwirtschaftet werden.

Städte wollen "smart" werden

Experten zufolge wird sich der Individualverkehr in den kommenden Jahrzehnten wahrscheinlich stark wandeln. Pläne für "smarte Städte" sehen beispielsweise vor, die Umweltbelastung durch Verkehr und Lärm durch die digitale Steuerung des Verkehrs zu senken.

"Kein anderes Land hat derzeit vergleichbare Bestimmungen zum autonomen Fahren“, sagte Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) auf NDR Info. Damit sei Deutschland Spitze in der Welt: "Das vom Bundestag verabschiedete Gesetz schafft den Rechtsrahmen für den Schritt aus dem Labor hin zum Regelbetrieb."

Schnellladenetz wird ausgebaut

Auch zu einem weiteren Zukunftsthema der Autobranche - der Elektromobilität - hat der Bundestag Beschlüsse gefasst. Das Parlament schuf gestern die gesetzliche Grundlage zur Ausschreibung von 1000 zusätzlichen Standorten für Schnellladesäulen. Bis zum Jahr 2023 sollen sie staatlich gefördert mit einer Leistung von über 150 Kilowatt zusätzlich entstehen.

Nach Angaben des Verkehrsministeriums gibt es aktuell erst rund 800 Ladepunkte mit mehr als 150 Kilowatt. Das entspricht etwa 2,4 Prozent der gesamten öffentlich zugänglichen Ladesäulen.

Die Wirtschaft beklagt, derzeit könnten Ladesäulen noch nicht wirtschaftlich betrieben werden. Deshalb sind im Gesetz langfristige Verträge mit den Unternehmen geplant, die die "Schnellladehubs" nach einer europaweiten Ausschreibung errichten und betreiben sollen.

Rettung vor der Reichweitenangst?

"Auch längere Fahrten werden künftig problemlos möglich sein, Reichweitenangst muss nicht mehr aufkommen", sagte Reinhard Zirpel, Präsident des Autoverbandes VDIK. Jetzt müsse der Aufbau möglichst schnell beginnen. Mit dem Gesetz könne die Ausschreibung beginnen und so ein flächendeckendes Netz bis 2023 geschaffen werden.

Der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) befürchtet durch das Programm allerdings "einen Eingriff in das Marktgeschehen". Bei der Ausschreibung müsse daher sichergestellt sein, dass der privatwirtschaftliche Ausbau nicht gebremst und "keine zusätzlichen Anforderungen durch die Hintertür aufgeladen werden".

Der Verband der kommunalen Unternehmen (VKU) sieht das anders: "In Summe sorgen die Abgeordneten für fairen und lebendigen Wettbewerb", sagte VKU-Chef Ingbert Liebing. Positiv sei, dass sich nun auch mittelständische Stadtwerke an den Ausschreibungen beteiligen könnten.