Autoproduktion im Volkswagenwerk Zwickau | dpa

Zukunft der Autoindustrie Die Konkurrenz heißt Apple & Microsoft

Stand: 26.01.2021 17:11 Uhr

Künftig werde die Software des Autos wichtiger sein als die Karosserie, sagt der Wirtschaftssoziologe Hajo Weber. Er prophezeit einen dramatischen Wandel in der deutschen Autoindustrielandschaft.

tagesschau.de: Vor welchen Herausforderungen steht die Automobilindustrie aktuell?

Hajo Weber: Die Automobilindustrie steht zunächst vor der Herausforderung, die Umsatzeinbußen vom vergangenen Jahr aufgrund von Corona in diesem Jahr zu kompensieren. Darüber hinaus gibt es die großen technologischen Herausforderungen: das Ende des Verbrennungsmotors und der Umstieg zu E-Antrieben sowie das Einbinden des Autos ins Internet und damit die Möglichkeit der Fahrzeuge, selbststeuernd ihre Wege zu finden.

Bits und Bites statt Blech und Eisen

tagesschau.de: Werden da Hersteller oder Zulieferer auf der Strecke bleiben?

Weber: Der Schwerpunkt der Kompetenzen und des Produktionsspektrums lag bislang bei Teilen aus Blech und Eisen, in Zukunft werden es eher Bits und Bytes sein, die die Leistungsfähigkeit des Autos bestimmen. Da liegen aber nicht die Kernkompetenzen von vielen Zulieferern und Herstellern. Wer es nicht schafft, entsprechende Kooperationen einzugehen oder sich selbst weiterzuentwickeln, wird es in Zukunft schwer haben.

tagesschau.de: Wie sieht der Automobil-Markt der Zukunft aus?

Weber: Die Zusammensetzung der Wettbewerber in der Automobilindustrie wird sich ganz gravierend ändern. Insbesondere kalifornische Tech-Unternehmen, die bislang das Internet dominiert haben, steigen in die Automobilindustrie ein und versuchen dort, eigene Produkte unterzubringen. Wir können ein Apple-Auto ebenso erwarten wie ein Amazon-Auto oder ein Fahrzeug von Microsoft in Kooperation mit anderen Herstellern. Daran arbeiten die längst. Zu erwarten ist, dass Apple in Zusammenarbeit mit Hyundai 2024 das Apple-Auto auf den Markt bringt. Das wird die Marktverhältnisse kräftig durcheinanderbringen. Denn Apple verfügt sowohl über eine hervorragende finanzielle Ausstattung als auch über das Know-how sowie die entsprechende Infrastruktur.

Hajo Weber | Hajo Weber
Zur Person

Hajo Weber ist Sozialwissenschaftlicher Wirtschaftsforscher und Wirtschaftssoziologe. Er leitet das IMO-Institut zur Modernisierung von Wirtschafts- und Beschäftigungsstrukturen in Mainz. Einer seiner Forschungsschwerpunkte ist die Automobilwirtschaft.

"Ein Smartphone auf vier Rädern"

tagesschau.de: Künftig wird die Software des Autos also wichtiger sein als die Karosserie?

Weber: Wir können uns das Auto der Zukunft als Smartphone auf vier Rädern vorstellen. Das charakterisiert es ganz gut. Die Smartphone-Hersteller wie Google und Apple versuchen das gesamte Betriebssystem des Autos zu bestimmen. Damit werden die traditionellen Fahrzeughersteller zum Lieferer des Blechs, während die Tech-Unternehmen die Software liefern, mit der auch die weiteren Geschäftsmodelle entwickelt werden. Das Auto wird ähnlich wie gegenwärtig das Smartphone eine zentrale Quelle von Daten sein.

tagesschau.de: Daten als neue Währung auch der Autoindustrie?

Weber: Die spannende Frage ist: Wer ist der Herr über die Daten? Das Bestreben der Tech-Konzerne ist natürlich, die Daten für sich zu gewinnen und auch wirtschaftlich nutzen zu können. Die traditionellen Automobilhersteller wehren sich dagegen und versuchen ebenfalls, den Markt für sich zu gewinnen. Das ist im Grunde der harte Konflikt. Wer wertet welche Daten aus? Es geht darum, das Fahrzeug, vor allem natürlich den Fahrer als Adressat von Werbung zu nutzen.

Dramatischer Wandel in der Autoindustrie?

tagesschau.de: Wer wird in diesem ganzen Prozess, der der Branche bevorsteht, am Ende die Nase vorn haben?

Weber: Wenn man davon ausgeht, dass künftig die größere Komplexität in der Beherrschung der Software der Fahrzeuge liegt, dann spricht manches dafür, dass die bisherigen Tech- und Software-Unternehmen die Nase vorn haben - und die bisherigen klassischen Automobilhersteller das Nachsehen. Wir müssen mit einem dramatischen Wandel in der Landschaft der Automobilindustrie rechnen; ähnlich dem Moment, als die Postkutsche durch das Automobil ersetzt wurde.

Deshalb versuchen die deutschen Autohersteller, mehr oder weniger in Kooperation mit Tech-Konzernen die Zukunft zu bewältigen. Allein haben sie weder das Know-how, noch das Personal, noch die finanziellen Ressourcen, um das aufzubauen.

tagesschau.de: Was heißt das alles für die Autoindustrielandschaft in Deutschland?

Weber: Für die Industrielandschaft hat das zur Konsequenz, dass sich ihre Marktposition reduzieren wird. Der ein oder andere Hersteller wird vermutlich zum Zulieferer von diesen Tech-Konzernen werden - und ob diese dann auf Dauer am Produktionsstandort Deutschland festhalten, das wird man dann noch sehen müssen. Es ist auch denkbar, dass Autos demnächst von Konzernen in Asien hergestellt werden, die sich bislang auf die Produktion von Smartphones spezialisiert haben.

Das Interview führte Johanna Wahl, SWR