Mann steckt Ladekabel in eine Ladesäule in Hamburg | picture alliance / Lukas Schulze/dpa
FAQ

Klimaziele und Verkehr Worüber beim Mobilitätsgipfel zu reden ist

Stand: 10.01.2023 14:51 Uhr

Heute sprechen Vertreter der Bundesregierung, der Länder und Kommunen, Gewerkschaften und Wissenschaft sowie der Automobilwirtschaft über die sogenannte Mobilitätswende. Woran hakt es?

Von Thomas Spinnler, tagesschau.de

Was hat sich die Regierung bezüglich der Elektroautos vorgenommen?

Die Bundesregierung will bis 2030 mindestens 15 Millionen vollelektrische Pkw auf Deutschlands Straßen bringen. Aktuell liegt der Bestand Berechnungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) zufolge bei einer Million reiner Elektroautos. Zum Vergleich: In Deutschland erreichte die Zahl der zugelassenen Pkw Anfang 2022 rund 48,5 Millionen. Im Jahr 2012 waren es noch rund 43 Millionen. Die Zahl steigt also zwar langsam, aber stetig an. Auf Deutschlands Straßen wird es dementsprechend immer enger.

Laut Verband der Internationalen Kraftfahrzeughersteller (VDIK) wurden 2022 in Deutschland wurden 470.600 reine Elektro-Pkw zugelassen. Hier ließ sich zuletzt eine große Dynamik beobachten, denn laut Kraftfahrzeugbundesamt (KBA) kamen allein im vergangenen Dezember mehr als 104.000 reine Elektroautos dazu. Das sind etwa doppelt so viele wie im Vorjahresmonat. Ergänzt man sie um die ebenfalls zugelassenen fast 70.000 Plug-in-Hybride, so sind nach Angaben des KBA über 55 Prozent der im Dezember neu zugelassenen Fahrzeuge reine Elektroautos oder Plug-in-Hybride.

Im Ergebnis steigt zwar die Zahl der Elektroautos, aber die Gesamtzahl der Fahrzeuge dürfte ebenfalls zulegen, sodass davon auszugehen ist, dass wohl auch 2030 noch mehr als 30 Millionen Pkw mit Verbrennermotor die Straßen frequentieren - selbst wenn die Bundesregierung ihr ambitioniertes Ziel erreicht.

Warum ist es fraglich, ob sich die Dynamik fortgesetzt?

Diese starke Entwicklung lässt sich möglicherweise nicht einfach fortschreiben. Laut VDIK sorgte der Umweltbonus für die jüngste Zulassungswelle; viele Kunden hätten sich noch die höhere Förderung sichern wollen. VDIK-Präsident Reinhard Zirpel betonte: "Im kommenden Jahr wird die Dynamik deutlich nachlassen. Wir rechnen mit nur noch rund 800.000 neuen E-Fahrzeugen 2023. Leider werden sich die steigenden Strompreise und die niedrigere Förderung ungünstig auf die Attraktivität von Elektroautos auswirken“, so Zirpel.

Denn seit dem 1. Januar dieses Jahres wird nur noch der Erwerb eines rein elektrisch betriebenen Fahrzeuges gefördert; für Plug-in-Hybride läuft die Förderung aus. Statt wie bisher mit 6000 Euro werden reine Elektrofahrzeuge mit einem Nettolistenpreis bis zu 40.000 Euro nur noch mit 4500 Euro bezuschusst. Fahrzeuge mit einem Preis zwischen 40.000 und 65.000 erhalten statt 5000 Euro nur noch 3000 Euro Förderung.

Wie stehen Verbraucher zum Thema Elektroauto?

Eine aktuelle Verbraucherumfrage der Unternehmensberatung Deloitte zeigt tatsächlich, dass der Umstieg auf Elektroautos von steigenden Kosten und fehlender Infrastruktur gebremst wird. Trotz wachsender Modellauswahl würden nur 16 Prozent der Befragten beim nächsten Autokauf einen reinen Stromer nehmen, so die Deloitte-Experten. Ende 2021 lag der Anteil bei 15 Prozent.

Niedrigere Betriebskosten und staatliche Kaufprämien seien in Deutschland wesentliche Argumente für den Kauf eines E-Autos. "Nun schießen die Stromkosten in die Höhe, während die Förderung sukzessive zurückgefahren wird und 2025 sogar ausläuft. Das wird dazu führen, dass künftig weniger Elektroautos verkauft werden", sagte Branchenexperte Harald Proff.

Ein weiterer Faktor, der das Interesse der Verbraucher beeinträchtigt ist das Thema Infrastruktur. Als größte Bedenken führten sie die Reichweite an: Mit 57 Prozent wurde sie am häufigsten genannt, gefolgt von einer fehlenden öffentlichen Ladeinfrastruktur mit 47 Prozent, der Ladezeit und der nicht vorhandenen Lademöglichkeit im eigenen Zuhause mit je 45 Prozent.

Welche Pläne hat die Bundesregierung zur Ladeinfrastruktur?  

Entscheidend für einen Umstieg auf Elektrofahrzeuge ist laut Bundesregierung auch der "beschleunigte Ausbau einer flächendeckenden und bedarfsgerechten Ladeinfrastruktur". Das Ziel sind eine Million öffentlich und diskriminierungsfrei zugängliche Ladepunkte bis 2030. Auch hier ist 2030 also das entscheidende Datum. Der Fokus liege dabei auf der Schnellladeinfrastruktur, heißt es weiter.

Dieses Ziel liegt noch in weiter Ferne. Laut Daten der Bundesnetzagentur von Anfang November 2022 wuchs die Zahl der Ladepunkte binnen eines Jahres um rund 17.000 auf insgesamt 72.000. Ginge es in diesem Tempo weiter, wäre das Ziel von einer Million Ladepunkte rein rechnerisch erst im Jahr 2077 erreicht.

Nach Angaben der Bundesnetzagentur gebe es bislang rund 12.000 Ladestellen, die ab einer Ladeleistung von mehr als 22 Kilowatt als Schnellladepunkte definiert sind. Rund ein Viertel davon erreicht die höchste Leistungsklasse von über 300 Kilowatt. 

Dieser Mangel ist von der Regierung erkannt worden. Um das Tempo des Ausbaus zu erhöhen, hat die Bundesregierung im Oktober den "Masterplan Ladeinfrastruktur" beschlossen und will dafür 6,3 Milliarden Euro in die Hand nehmen. Er umfasst 68 Maßnahmen in den Bereichen Förderung, Befähigung von Kommunen, Flächenverfügbarkeit, Stromnetzintegration, Laden an Gebäuden sowie schwere Nutzfahrzeuge und soll auch private Investitionen mobilisieren.

Was sind die Alternativen zum Elektroauto?

Bei den alternativen Antriebstechniken spielt auch die Brennstoffzellentechnologie eine wichtige Rolle. Wasserstoff und Brennstoffzellen sind dabei Schlüsseltechnologien für die Elektrisierung der Verkehrsantriebe, heißt es beim Ministerium für Digitales und Verkehr. Eine aktuelle Studie des Europäischen Patentamts EPA mit der Internationale Energieagentur IEA zeigt, dass in keinem anderem EU-Land so viele Wasserstoffpatente zugelassen wurden, wie in Deutschland.

Viele Wasserstoffpatente liegen bei Unternehmen aus der Auto- und Chemiebranche, die sich schwerpunktmäßig mit Elektrolyse- und Brennstoffzellen-Technologien befassten. Zu den führenden Firmen gehören der Studie zufolge auch die deutschen Konzerne Linde, Siemens, Bosch und BASF.

Der Automobilsektor rage bei der Innovationstätigkeit heraus, dort würden Unternehmen insbesondere im Brennstoffzellen- und Elektrolysebereich aktiv, so EPA-Präsident Antonio Campinos. Aus der Automobilindustrie melden danach allerdings besonders japanische und koreanische Unternehmen viele Patente an - etwa Toyota, Hyundai und Honda.

Auch Biosprit könnte künftig eine Rolle spielen, gerade angesichts der voraussichtlich im Jahr 2030 immer noch hohen Anzahl von Fahrzeugen mit Verbrennermotoren. Elmar Baumann, Geschäftsführer beim Verband der Deutschen Biokraftstoffindustrie (VDB), unterstreicht: "Biokraftstoffe können den großen Fahrzeugbestand und Neufahrzeuge mit Verbrennungsmotor klimafreundlicher machen. Ein Verzicht auf Biokraftstoffe würde das Ziel vereiteln, schnell den Verbrauch fossiler Energie im Straßenverkehr herunterzufahren."