Ein Tropfen hängt an der Spitze eines Insulin-Pens | picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild

1922 erstmals verabreicht Ein Jahrhundert mit Insulin

Stand: 23.01.2022 16:02 Uhr

Am 23. Januar 1922 bekam ein 13-jähriger Junge die erste Insulinspritze und überlebte - eine medizinische Revolution. 100 Jahre später ist das Leben mit Diabetes deutlich einfacher.

Von Ingrid Bertram, WDR

Emil liebt es, auf dem Spielplatz herumzutollen, die Klettergerüste zu erklimmen. In seiner Freizeit macht der Achtjährige Crossfit, eine Art Parcoursklettern. Nur manchmal, wenn es zu wild wird, fängt seine Insulinpumpe an zu vibrieren. Er merkt dann, wie seine Beine anfangen zu zittern: "Immer wenn man schön am Spielen ist, kommt die Warnung 'Achtung bei niedrigem Zucker' und dann kann man nicht mehr spielen. Ist dann schon doof." Aber es habe auch Vorteile mit Diabetes zu leben, meint der Grundschüler und grinst dabei. Im Unterricht dürfe er als einziger essen, wenn der Blutzucker mal absackt.

Ingrid Bertram

Wenn die Bauchspeicheldrüse streikt

Diese Leichtigkeit, mit der Krankheit umzugehen, gibt ihm die Insulinpumpe, die ihn Tag ein und Tag aus begleitet. Emil hat Typ-1-Diabetes. Das heißt, er hat eine genetische Veranlagung dafür, dass die Bauchspeicheldrüse plötzlich kein Insulin mehr produziert. Mit vier Jahren zeigte sich bei ihm die Autoimmunkrankheit: Er hatte plötzlich einen starken Gewichtsverlust, gleichzeitig einen enormen Durst und war sehr müde. Die Diagnose war schnell klar.

Noch im 19. Jahrhundert kam die Diagnose Diabetes Typ 1 einem Todesurteil gleich. 1921 gelang es erstmals dem kanadischen Forscher Frederick Grant Banting und seinem Assistenten Charles Best, aus der Bauchspeicheldrüse eines Hundes Insulin zu isolieren. Ein Jahr später war es bereits soweit: Am 23. Januar 1922 bekam der 13-jährige, damals lebensbedrohlich erkrankte Leonard Thompson die erste Insulinspritze verabreicht. Der Erfolg war schnell sichtbar. Er erholte sich und lebte noch 13 Jahre, bis er an einer Lungenentzündung verstarb.

Das neue Mittel wurde schnell bekannt. In Toronto entstand die erste industrielle Insulinproduktion und viele Kinder profitierten. Bereits 1923 erhielten Banting und sein Kollege John Macleod, der maßgeblich an der Erforschung des Insulins beteiligt war, für ihre Leistungen den Nobelpreis für Medizin.

Hightech-Medizin gibt mehr Sicherheit

Lange Spritzen und kompliziertes Messen des Blutzuckerspiegels sind heute schon längst Geschichte. Beim achtjährigen Emil ist die Insulinpumpe mit einem Sensor am Arm verknüpft. Die misst kontinuierlich den Gewebezuckerspiegel. Die Werte werden direkt an die Pumpe am Bauch übermittelt, so dass die Menge und der Zeitpunkt einer Injektion automatisch berechnet und über einen Katheter in den Körper injiziert wird. Gleichzeitig kann Emils Vater Timo Gendrullis über eine App die Werte von seinem Sohn verfolgen und auch rückwirkend abrufen. "Das beruhigt sehr, und die Nächte sind deutlich ruhiger geworden", sagt Gendrullis.

Diese genauen Justierungen mittels App und Sensor sind noch neu in der Anwendung. Aber Ärzte wie der Kinderdiabetologe Eggert Lilienthal von der Universitätskinderklinik Bochum versprechen sich viel davon. Denn die Glucosewerte im Blut seien deutlich stabiler. "Ich erwarte, dass die Rate der Folgeerkrankungen wie an den Augen, der Nieren oder der Nerven deutlich niedriger wird", sagt Lilienthal.

Volkskrankheit Diabetes Typ 2

Anders als vor 100 Jahren überwiegt heute der Diabetes Typ 2 deutlich. Er wird vor allem durch Ernährung und Lebensgewohnheiten ausgelöst. Dazu kommt auch eine erbliche Veranlagung, erklärt der Leiter des klinischen Forschung am St. Josef-Hospital in Bochum, Michael Nauck: Leiden Vater, Mutter oder Geschwister eines Menschen an Diabetes Typ 2, steige das Risiko, selbst daran zu erkranken, auf 50 Prozent. Mittlerweile leiden etwa neun Millionen Menschen an Diabetes Typ 2, an Typ 1 ungefähr 400.000 Menschen.

Beim Typ 2 stellt die Bauchspeicheldrüse nur zum Teil die Bildung des Hormons Insulin ein. Deswegen können viele Patienten mit einer gesunden Lebensweise, einer Ernährungsumstellung und Bewegung zu einer gesunden Stoffwechsellage erheblich dazu beitragen, dass die Insulingabe gar nicht nötig wird.

Ein Mann spritzt sich Insulin mit Hilfe eines Pens in die Bauchfalte | picture alliance / dpa

Ein Piks gegen den Zuckerschock: In Deutschland leiden knapp zehn Millionen Menschen an Diabetes. Bild: picture alliance / dpa

Neues Medikament bringt weiteren Fortschritt

Ein weiterer Meilenstein ist die Behandlung mit einer zweiten Art von Medikamenten, die per Injektion verabreicht werden: sogenannte GLP-1-Rezeptor-Agonisten, die Nauck mit seiner Forschung entscheidend mit vorbereitet hat. Damit kann zum Beispiel die noch verbleibende Hormonbildung von Insulin in der Bauchspeicheldrüse stimuliert werden und dabei trotzdem eine Unterzuckerung vermieden werden, weil GLP-1-Rezeptor-Agonisten nur wirken, solange der Blutzucker erhöht ist.

In Zukunft sollen solche Medikamente auch als Tablette zur Verfügung stehen. Mehr Typ 2-Patienten können so auf das lästige Piksen verzichten und laufen seltener Gefahr, Folgeerkrankungen wie Herzinfarkt oder einen Schlaganfall zu bekommen. Wichtig ist letztlich, dass Diabetes möglichst früh diagnostiziert und konsequent behandelt wird.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 23. Januar 2022 um 10:15 Uhr.