Studenten sitzen in einem Hörsaal der Universität Heidelberg | dpa

Baden-Württemberg Studium nur für Wohlhabende?

Stand: 20.11.2021 14:01 Uhr

Baden-Württemberg ist bei Studierenden aus aller Welt beliebt - wegen der vielen namenhaften Hochschulen und Universitäten. Doch die hohen Gebühren erschweren den Zugang.

Von Laura Bisch, SWR

Baden-Württemberg ist weltweit bekannt für Autos und Industrie. Unternehmen wie Daimler, Bosch und SAP haben hier ihren Sitz. Bei vielen jungen Menschen aus aller Welt ist Baden-Württemberg aber auch als renommierter Studienort bekannt. Ein dicker Nachteil für bestimmte internationale Studierende: Baden-Württemberg verlangt von allen, die aus einem Nicht-EU-Land kommen, seit dem Wintersemester 2017/2018 Studiengebühren - in dieser Form als einziges Bundesland in Deutschland.

Die Gebühren betragen 1500 Euro pro Semester. Hinzu kommen noch die üblichen Verwaltungsgebühren, die auch Studierende aus Deutschland und anderen EU-Ländern bezahlen müssen. Außerdem brauchen die internationalen Studierenden ein Visum und finanzielle Sicherheiten, die sie schon vor Studienbeginn nachweisen müssen. Und: Viele Anwärter müssen noch ein Jahr auf einem sogenannten Studienkolleg absolvieren, weil ihr heimischer Schulabschluss oft nicht für die Aufnahme an einer Uni oder Hochschule genügt.

Ohne finanzielle Hilfe geht nichts

Die Hürden für ein Studium in Deutschland seien enorm hoch, klagen die beiden Studentinnen Alma Halilović aus Bosnien und Herzegowina und Julia Veloso de Oliveira aus Brasilien. Sie haben den kompletten Prozess durchlaufen und machen gerade ihren Master in Elektrotechnik am Karlsruher KIT. Beide sagen: "Ohne finanzielle Hilfe könnte ich mir ein Studium in Deutschland nicht leisten". Veloso de Oliveira bezieht ein großzügiges Stipendium, Halilović bekommt finanzielle Unterstützung von ihren Eltern. Und obwohl beide damit privilegiert sind, müssen sie zusätzlich noch arbeiten. Sie erklären, ohne einen zusätzlichen Nebenjob kämen sie nicht über die Runden.

Dass sie trotz der Studiengebühren gerade in Baden-Württemberg studieren, liege vor allem am guten Ruf der Universität und den guten Chancen, die sich beide danach für ihre Karriere ausrechnen. Dass andere Studierende den Studienort wechseln, um die hohen Gebühren zu meiden - das haben beide zunehmend vor allem seit der Coronavirus-Pandemie beobachtet. Damit sind sie nicht alleine: Auch Angelika Weber vom Studentenbegleitprogramm für ausländische Studierende Baden-Württemberg, kurz STUBE, berichtet davon, dass Studierende aus dem Ausland innerhalb Deutschlands den Studienort wechseln - vor allem nach Bayern. "Wer nicht gutverdienend nach deutschen Verhältnissen ist, der kann sich ein Studium in Deutschland nicht leisten", erklärt Weber weiter.

Weniger Studienanfänger aus dem Nicht-EU-Ausland

Viele junge Menschen aus dem Nicht-EU-Ausland fangen seit der Einführung der Studiengebühren gar kein Studium in Baden-Württemberg mehr an. Das Statistische Landesamt verzeichnete zum Wintersemester 2016/2017 im ersten Semester 9091 Studierende, die aus dem Nicht-EU-Ausland kamen.  Ein Jahr später - zum Wintersemester (WS) 2017/2018, zu dem die Studiengebühren eingeführt wurden - waren es nur noch 7748 Erstsemester dieser Gruppe, ein weiteres Jahr 8153, im Wintersemester 2019/2020 dann 7595 und im Corona-Jahr 2020/2021 dann noch 5175 Erstsemester aus Nicht-EU-Ländern.

Die Zahlen zeigen: Es kommen weniger Studierende aus dem Nicht-EU-Ausland nach Baden-Württemberg, seit diese Gruppe wieder Studiengebühren bezahlen muss - die Coronavirus-Pandemie hat die Zahl wohl noch zusätzlich gedämpft. Das baden-württembergische Wissenschaftsministerium hält an den Gebühren aber weiter fest. Und noch mehr: Auf eine SWR-Anfrage hieß es, das Thema stehe zwar nicht auf der Agenda des Ministeriums; der Finanzausschuss des baden-württembergischen Landtages habe aber die Landesregierung gebeten, "eine Erhöhung der Studiengebühren für internationale Studierende um mindestens zehn Prozent zu prüfen". Diese Prüfung laufe noch.

"Wir wollen mehr Internationalisierung, nicht weniger"

Das baden-württembergische Wissenschaftsministerium erklärte auf Anfrage, man wolle nicht, dass im Bereich der Wissenschaft gespart werde. Dabei seien die Studiengebühren eine Hilfe, hieß es. Wissenschaftsministerin Theresia Bauer betonte, ihr Ministerium wolle weiter mehr Internationalisierung in den Unis und Hochschulen, nicht weniger. "Internationale Studierende tun unserem Land gut. Aber gleichzeitig brauchen diese Studierenden auch eine bessere Betreuung, um ihr Studium erfolgreich abzuschließen", so die Grünen-Politikerin. "Der Anteil der Studienabbrecher in dieser Gruppe ist weit höher als bei einheimischen Studierenden. Eine bessere Betreuung in diesem Bereich kostet aber zusätzliches Geld."

Dass das Geld den Gebührenzahlenden aber tatsächlich zugutekommt, bezweifeln die beiden Studentinnen Halilović und Veloso de Oliveira. Sie fühlen sich durch die Gebühren ungleich behandelt und diskriminiert. Beide sind sich einig: Ihnen fällt kein einziger Vorteil ein, den sie gegenüber den Studierenden haben, die keine Gebühren zahlen. Was ihnen dagegen einfällt, sind mehrere Nachteile, die ihre Nationalität mit sich bringt: Sie können kein BAföG beziehen und müssen viel Geld mobilisieren, um ihren Traum vom Studienabschluss in Deutschland überhaupt realisieren zu können.

GEW nennt Studiengebühren diskriminierend

Auch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Baden-Württemberg reiht sich in diese Argumentation ein. Von der Gewerkschaft hieß es: "Die GEW Baden-Württemberg wertet das als Diskriminierung von internationalen Studierenden aus Nicht-EU-Ländern." Die GEW-Landesvorsitzende Monika Stein macht deutlich, die Lage der internationalen Studierenden in Baden-Württemberg sei besonders prekär. "Ohne Nebenjob und ohne Aussicht auf schnelle und unbürokratische Unterstützung in Pandemiezeiten bedeutet das für viele internationale Studierende wohl das Aus für ihr Studium", so Stein.

Für Julia Veloso de Oliveira und Alma Halilović sieht die Realität trotz Fachkräftemangels in Deutschland anders aus: Sie hoffen, dass die erneute Coronavirus-Welle nicht dazu führt, dass ihre Prüfungen verschoben werden und sie ihren Masterabschluss erst ein Semester später machen können. Denn dann stünden sie vor der Frage, wie sie ein weiteres Mal die Kosten für ihre Ausbildung zusammenbekommen können.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk "Campus & Karriere" am 17. Dezember 2016 um 14:30 Uhr.

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KOMMENTARE

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schiebaer45 20.11.2021 • 22:59 Uhr

22:17 von Nettie @schiebaer45, 21:41

Natürlich muss es das. Die sind für das Funktionieren der Gesellschaft nicht weniger wichtig als gute Akademiker. Oder überhaupt alle, die mit ihrer Leistung - auf welche Weise auch immer - aktiv dazu beitragen. # Das haben Sie gut beschrieben.Ohne sie alle vom Müllmann bis zum Oberarzt,sie Alle sind mit ihrer Arbeit ein wichtiger Baustein in unseren Gesellschaft System.Ohne diese fleißigen Bürger funktioniert die Gesellschaft nicht !