Hochspannungskabel und Masten in Frankreich. | picture alliance / NurPhoto

Nach Preisturbulenzen Ist ein Eingriff in den Strommarkt nötig?

Stand: 02.09.2022 18:21 Uhr

Der starke Anstieg beim Strompreis hängt wiederum mit den Rekordpreisen für Gas zusammen - aber auch andere Faktoren spielen eine Rolle. Besteht nun Handlungsbedarf am Strommarkt?

Noch zu Jahresbeginn wurde an der Europäischen Strombörse in Leipzig noch knapp 114 Euro für eine Megawattstunde Strom fällig zur Lieferung in einem Jahr. Ende August schnellte der Preis auf beinahe 1000 Euro je Megawattstunde hoch - nur um wenige Tage danach wieder auf 550 Euro zu fallen. Was sich derzeit an der Strombörse abspielt, hat auch mit den gestiegenen Gaspreisen zu tun, aber nicht nur.

Während sich Stadtwerke oder größere Unternehmen zu großen Teilen schon Jahre im voraus mit Strom eindecken, müssen sie bei kurzfristigen Änderungen im Bedarf am sogenannten "Spot-Markt" einkaufen - für den nächsten oder sogar für den gleichen Tag. Für die Bildung dieses Strompreises spielt das sogenannte "Merit-Order-Prinzip" eine wichtige Rolle, bei dem der teuerste Stromanbieter - der noch benötigt wird, um die Nachfrage zu decken - den Börsenpreis für alle anderen bestimmt.

"Es geht beim billigsten Anbieter los mit Solarenergie, Windenergie, dann kommt Kohle und irgendwann landen wir beim Gas, was jetzt momentan mit am teuersten ist in der Produktion", sagt Michael Blumenroth, Rohstoffanalyst der Deutschen Bank. Der Strompreis selbst ergebe sich dann aus dem Preis, den der teuerste Anbieter für den nächsten Tag anbieten könne.

Gaspreis treibt Strompreis

Der Anteil erneuerbarer Energien am Strommix in Deutschland betrug im ersten halben Jahr 2022 rund 49 Prozent. Doch um den gesamten Strombedarf - und vor allem um die Spitzen - abzudecken, sind jedoch nach wie vor mit Gas betriebene Kraftwerke notwendig. Der Preis für den fossilen Brennstoff ist seit dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine aber in die Höhe geschnellt, da die Gaslieferungen nach Europa massiv gedrosselt wurden. Für den Strompreis sei der Gaspreis also ein ganz entscheidender Treiber, sagt Mirko Schlossarczyk vom Energieberatungshaus Enervis.

In den vergangenen Wochen sei der Strompreis jedoch viel stärker als der Gaspreis gestiegen, so Schlossarczyk. Mit dem Gaspreis allein ließen sich die Preissteigerungen also nicht erklären. Am Markt herrsche eine unglaubliche Nervosität und Hysterie. Das paare sich mit der Befürchtung einiger Marktteilnehmer, die offene Liefermengen haben. Diese müssten sie decken und "natürlich zu jedem Preis in den Markt reingehen".

Hinzu kommt, dass in Frankreich knapp die Hälfte aller Atomkraftwerke stillsteht wegen Instandhaltungsmaßnahmen und fehlendem Kühlwasser. Die Mangellage am europäischen Strommarkt verschärft sich damit. Frankreich zählt eigentlich zu den wichtigsten Stromexporteuren Europas und musste aufgrund der Lage sogar Strom importieren.

Wann landen Preissteigerungen bei Haushalten?

"Diese enorme Preissteigerung kommt zwangsläufig beim Verbraucher an", sagt Schlossarczyk. Nicht sofort, aber im kommenden - allerspätestens aber im übernächsten Jahr - treffen sie den Endverbraucher. Dabei werden die Großhandelspreise aber nicht eins zu eins auf die Haushalte umgewälzt. Knapp 40 Prozent des Preises für Endverbraucher bestehen aus Steuern, Abgaben und Umlagen. 22 Prozent werden für Netzentgelte und Zähler fällig. 38 Prozent entfallen für den Stromeinkauf, Service und Vertrieb, die vom Markt abhängig sind.

Am Markt ist die Meinung darüber, ob die Turbulenzen am Strommarkt weitergehen gemischt. In der Politik werden nun bereits Maßnahmen diskutiert, wie der europäische Strommarkt reformiert oder reguliert werden könnte. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen sagte bereits, dass die in die Höhe schießenden Strompreise die Grenzen des jetzigen Strommarktdesigns aufzeigten. "Deshalb arbeiten wir jetzt an einer Notfallmaßnahme und an einer Strukturreform des Strommarktes." Auch Robert Habeck hat bereits angekündigt, den Strom- vom steigenden Gaspreis zu entkoppeln.

Energiepreisdeckel in Deutschland?

In anderen EU-Ländern ist man bereits vorgeprescht. In Spanien etwa gilt bis Mai nächsten Jahres ein Energiepreisdeckel bei der Verwendung von Gas in der Stromproduktion. Direkt nach Einführung verbilligte sich der Strompreis. Ein Modell auch für Deutschland? Aus sozial- und gesellschaftspolitischer Sicht sei es natürlich ein Problem, dass die Energiepreise weiter steigen, so Schlossarczyk. Er warne jedoch mit Schnellschüssen in den Markt einzugreifen - vor allem, weil es sich um einen europäischen Markt handle.

In Spanien habe das dazu geführt, dass vergleichsweise günstig Strom aus Gaskraftwerken produziert werde. Dieser günstige Strom fließe dann nach Frankreich. "Das heißt, dort finden keine Einsparungseffekte statt." Stattdessen werde sogar noch mehr Gas verstromt. "Und das ist natürlich ein absoluter Fehlanreiz." Zumal das Grundproblem - die Knappheit an Strom - nicht behoben würde, so Energieexperte Schlossarczyk.

Andere Überlegungen gehen dahin, die Profiteure der hohen Strompreise zur Kasse zu bitten. Dazu zählen unter anderem Wind- und Solarkraftbetreiber, die günstiger Strom erzeugen. Wenn deren Gewinne abgeschöpft werden, fehlen sie aber auf der anderen Seite für die dringend benötigten Investitionen in erneuerbare Energien. Gerade die wären aber wichtig, um Gaskraftwerke aus dem Strommix zu verdrängen und den Preis langfristig nach unten zu bringen. Je schneller man vom Gaspreis wegkomme, desto besser, sagt dazu Blumenroth von der Deutschen Bank. Die erneuerbaren Energien so schnell wie möglich ausbauen, sei das Thema der Stunde.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 10. August 2022 um 05:22 Uhr.