Drei Fläschchen Corona-Impfstoff der Firma Biontech stehen auf einem Tisch, davor liegt eine Nadel. | imago images/Laci Perenyi

Streit über Vakzinproduktion Pharmaindustrie widerspricht Politik

Stand: 04.01.2021 16:57 Uhr

Seit Tagen tobt in Deutschland der Streit über eine Ausweitung der Impfstoffproduktion. Politiker fordern, anderen Pharmakonzernen Lizenzen zum Nachproduzieren zu gewähren. Ist das realistisch?

Von Notker Blechner, tagesschau.de

Die USA preschen vor: Der künftige US-Präsident Joe Biden will die Impfstoffherstellung massiv ankurbeln. Mit dem "Gesetz zur Militärproduktion" sollen Firmen verpflichtet werden, Rohmaterialien herzustellen, die für die Impfstoffproduktion nötig sind.

Was in den USA geht, soll auch in Deutschland möglich sein. Mehrere Politiker haben zum Jahreswechsel die Bundesregierung aufgefordert, die Impfstoffproduktion hierzulande deutlich hochzufahren. Das Tempo müsse massiv verstärkt werden, verlangte Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU). "Wir brauchen eine Krisenproduktion", sagte FDP-Chef Christian Lindner. Die Regierung solle mit der Pharmaindustrie prüfen, wo es noch Kapazitäten gebe, die genutzt werden könnten für die Impfstoffherstellung.

Ruf nach "Krisenproduktion" in der Pharmaindustrie

Die SPD-Fraktion regte einen Pharma-Gipfel an. Bei einem Treffen mit allen in Deutschland produzieren Pharma-Unternehmen solle Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) klären, welche Produktionsstätten kurzfristig nutzbar gemacht werden können, sagte der Parlamentarische Fraktionsgeschäftsführer Carsten Schneider.

Der Linke-Gesundheitspolitiker Achim Kessler schlug gar eine Zwangslizenzierung vor. Gemäß dem Bevölkerungsschutzgesetz könne das Bundesgesundheitsministerium Unternehmen zwingen, anderen Firmen eine Lizenz zum Nachproduzieren zu gewähren.

Doch die Chancen dafür stehen schlecht. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn von der CDU lehnt die Forderungen von SPD, Linker und FDP ab. "Eine Produktion für einen Impfstoff ist hoch anspruchsvoll und hochkomplex, die baut man eben nicht mal in drei Tagen in einer beliebigen Halle, auch nicht eines Pharmaunternehmens auf", sagte er. "Eine Pillenproduktion lässt sich leider nicht einfach auf Impfstoff umstellen."

Standorte für die Entwicklung von Covid-19-Impfstoffen

"Nicht einfach, von Aspirin auf Impfstoff umzuschalten"

Das bestätigen die Impfstoffhersteller. "Es ist ja nicht so, als stünden überall in der Welt spezialisierte Fabriken ungenutzt herum, die von heute auf morgen Impfstoff in der nötigen Qualität herstellen könnten", sagte BioNTech-Chef Ugur Sahin im "Spiegel". Er verwies auf die Komplexität bei der Herstellung von mRNA-Impfstoffen. "Da kann man nicht einfach umschalten, so dass statt Aspirin oder Hustensaft plötzlich Impfstoff hergestellt wird." Der Prozess brauche jahrelange Expertise und eine entsprechende bauliche und technologische Ausstattung.

Selbst der Pharmariese Pfizer, der zentrale Partner von BioNTech, hat mehrere Monate gebraucht, um in den USA die Anlagen zur Produktion des Impfstoffs "Comirnaty" aufzubauen. Deshalb kann man sich vorstellen, wie aufwändig es für einen Generika-Hersteller wäre, das BioNTech-Impfmittel zu "kopieren". Nach Einschätzung von Pharmaexperten würde es mindestens ein Dreiviertel Jahr dauern, um die nötigen Geräte zu beschaffen und die Impfstoffproduktion vorzubereiten. Einfacher wäre es für einen Generika-Hersteller, einen klassischen Impfstoff wie den von der chinesischen Sinopharm in Lizenz zu produzieren. Noch hat Sinopharm aber keine Zulassung in Europa beantragt.

Auch in der Pharmaindustrie stoßen die Forderungen nach einer verstärkten Beteiligung an der Impfstoffproduktion auf Unverständnis. "Ich sehe keinen Anlass, warum wir kurz nach Impfbeginn mit symbolischen Diskussionen über Patente und Lizenzen anfangen sollten statt auf Strukturen zu bauen, die schon in Kürze Impfungen in größerem Stil erlauben", erklärt Han Steutel, Präsident des Verbands forschender Arzneimittelhersteller (vfa), gegenüber tagesschau.de. Überall in Deutschland würden derzeit die Produktionskapazitäten für den Corona-Impfstoff hochgefahren, erklärt er. Steutel nennt sechs Standorte, wo der Covid-19-Impfstoff aktuell oder in Kürze hergestellt wird: Mainz, Idar-Oberstein, Marburg, Laupheim, Dessau, Brehna und Tübingen. "Und jeder weitere Hersteller, der eine Zulassung erhält, wird mit vorproduzierten Chargen ebenfalls schnell im Markt sein."

Pharmakonzerne haben kaum zusätzliche Kapazitäten

Die deutschen Pharmakonzerne sehen ohnehin momentan kaum Kapazitäten für eine Ausweitung der Impfstoffproduktion. Merck betont zwar, in eine Vielzahl von Impfstoffprojekten eingebunden zu sein. "Unsere Teams weltweit arbeiten hart rund um die Uhr, um die benötigten Produkte zur Impfstoffherstellung so schnell wie möglich zu produzieren", teilte das Unternehmen mit. Aber der Aufbau von neuen Produktionsstätten zur Impfstoffherstellung sei sehr komplex und zeitintensiv. Noch eindeutiger äußert sich Bayer. Der Leverkusener Konzern betont, derzeit überhaupt keine Vakzine herzustellen.

Der Pharma-Verband vfa hält das Aussetzen von Patenten für keine gute Idee. Nicht Patentaufhebung und Zwangslizenzen, sondern Kooperationen seien der gangbare Weg zum zügigen Ausbau der Produktionskapazitäten, erklärt Präsident Stetel gegenüber tagesschau.de.

BioNTech will Kooperationen ausbauen

Tatsächlich setzen die Impfstoffhersteller auf Partnerschaften. "Wir versuchen neue Kooperationspartner zu gewinnen, die für uns produzieren", sagte BioNTech-Chef Sahin. BioNTech hat Verträge mit fünf Herstellern in Europa geschlossen. Weitere Verträge seien in Verhandlung, erklärt eine Sprecherin des Unternehmens gegenüber tagesschau.de. Zu den Partnern von BioNTech gehören Rentschler Biopharma, Dermapharm, die österreichische Auftragsfertiger Polymun sowie der Schweizer Pharmazulieferer Siegfried.

Bis Ende Januar wird BioNTech entscheiden, "ob und wie wir die Produktionskapazität erhöhen können". Bisher ist geplant, dass das Mainzer Unternehmen in diesem Jahr gut 1,3 Milliarden Dosen des Impfstoffs produziert. Alleine 750 Millionen Dosen sollen in Marburg gefertigt werden. Im März oder vielleicht schon im Februar soll das Werk die Produktion aufnehmen.

CureVac ebenfalls auf Partnersuche

Auch CureVac befindet sich momentan auf intensiver Partnersuche. "Wir erweitern mit Hilfe von Partnern unser Produktionsnetzwerk", erklärt ein Unternehmenssprecher. Die Tübinger arbeiten bereits mit Wacker Chemie und der französischen Fareva zusammen. Über die Namen der weiteren bereits existierenden Partner hüllt sich CureVac in Schweigen.

2021 will CureVac 300 Millionen Dosen des Impfstoffs "CVnCov" produzieren. Über ein Drittel davon sollen in Amsterdam von Wacker hergestellt werden. Tesla-Grohmann baut mobile Produktionsanlagen.

Die Impfstoffhersteller und die Pharmabranche hoffen darauf, dass bald mehr Impfmittel zugelassen werden. Dann, so mutmaßen sie, dürfte die Debatte über die Produktionsausweitung allmählich verstummen.