Audi-Chef Rupert Stadler | dpa

Prozess gegen Ex-Audi-Chef Stadler auf der Anklagebank

Stand: 30.09.2020 02:33 Uhr

Hunderttausendfache Täuschung - so lautet nur einer der Vorwürfe gegen Ex-Audi-Chef Stadler im Dieselskandal. Heute hat der Prozess gegen ihn begonnen. Er selbst beteuert seine Unschuld.

Von Gabriel Wirth, BR

Audi war von Anfang an tief in die Abgasaffäre verstrickt. Doch als der Skandal im September 2015 aufflog, gelang es den Ingolstädtern zunächst noch, in Deckung zu bleiben. VW in Wolfsburg stand im Zentrum des Sturms. Nur wenige Tage nach Bekanntwerden des Dieselskandals musste VW-Chef Martin Winterkorn gehen. Doch schon bald rückte auch Audi ins Blickfeld der Ermittler.

Razzien und Festnahmen

Einer der Höhepunkte der Ermittlungen bei Audi war die Razzia im März 2017. Zeitgleich zur Bilanzpressekonferenz durchsuchten Ermittler Büroräume der VW Tochter. Der damalige Audi-Chef Rupert Stadler versprach Kooperationsbereitschaft: "Ich selbst habe größtes Interesse an der Aufklärung des Sachverhalts und sie können sicher sein, dass wir vollumfänglich mit den Behörden kooperieren."

Doch die Ermittler hatten offenbar Zweifel am Aufklärungswillen Stadlers. Am 11. Juni 2018 rückten frühmorgens Ermittler bei ihm zu Hause an und nahmen den Topmanager fest: wegen Verdunklungsgefahr. Sie hatten das Telefon des Topmanagers angezapft und ein verdächtiges Gespräch Stadlers mitgehört.

Der bisherige Marketingvorstand Bram Schot übernahm bei dem Unternehmen das Ruder, zunächst allerdings nur kommissarisch. Stadler war nur beurlaubt; ein wohl einmaliger Vorgang in der deutschen Wirtschaftsgeschichte, dass ein amtierender Vorstandschef für Monate im Gefängnis sitzt. Monate später, im Oktober, trat er dann doch zurück und kam kurze Zeit später aus der Untersuchungshaft.  

Komplexes Verfahren

Dem mittlerweile 57-jährigen Stadler und den drei anderen Angeklagten werden hunderttausendfache Täuschung nicht nur bei der Ingolstädter Tochter, sondern auch bei den Schwestermarken Porsche und VW, mittelbare Falschbeurkundung und strafbare Werbung vorgeworfen.

Laut der Münchner Staatsanwaltschaft sollen die drei Motorenentwickler, unter ihnen der spätere Porsche-Entwicklungsvorstand Wolfgang Hatz, die illegale Abschalteinrichtung entwickelt haben. Die Software der Motorsteuerung sorgte dafür, dass die Wagen erkannten, ob sie sich auf den Prüfstand befanden. Nur dann hielten sie die geforderten Abgasgrenzwerte ein. Auf der Straße hingegen waren die Stickoxidwerte um ein Vielfaches höher.

Stadler wird vorgeworfen, dass er spätestens ab September 2015 von den Manipulationen wusste und trotzdem den Absatz von betroffenen Fahrzeugen veranlasst beziehungsweise nicht verhindert hat. Die Münchner Staatsanwaltschaft hat sich offensichtlich tief in die Materie eingearbeitet, allein die Anklageschrift umfasst knapp 100 Seiten. Dazu kommt noch ein langer Anhang. 181 Verhandlungstermine sind anberaumt, bis Ende 2022.

Stadler weist Vorwürfe zurück

Der frühere Audi-Manager selbst hat bisher immer wieder seine Unschuld beteuert. Es ist allerdings damit zu rechnen, dass er nun in diesem Verfahren von Mitangeklagten belastet wird. Diese sind nämlich geständig. Bei einer Verurteilung drohen Stadler bis zu zehn Jahren Haft.

Erfahrung mit dem Gefängnis haben neben Stadler auch zwei weitere Prozessbeteiligte. Auch Hatz und einer der Motorenentwickler saßen bereits einige Monate in Untersuchungshaft. Das zeigt, wie ernst es die Münchner Staatsanwaltschaft meint.

Prozess unter Corona-Bedingungen

Der Prozess findet im Hochsicherheitsgerichtssaal im Tiefgeschoss der Justizvollzugsanstalt Stadelheim statt. Das hat allerdings nichts mit der Bedeutung des Verfahrens zu tun, sondern es ist der größte Saal, den das Münchner Landgericht zur Verfügung hat. Dazu kommt die gute technische Ausrüstung. Das könnte wichtig sein, wenn im Laufe des Prozesses Videoschalten etwa in die USA nötig werden sollten, um Zeugen zu befragen.

Aufgrund der Corona-Abstandsregeln haben allerdings trotzdem nur 20 Zuschauer Platz bei diesem Mammutverfahren; davon sind zehn Plätze für Journalisten reserviert. Wegen des erwarteten großen Andrangs wurden zudem weitere Plätze außerhalb des Gerichtssaals für Medien eingerichtet. Dorthin wird ein Audiosignal übertragen.

Über dieses Thema berichtete am 30. September 2020 Inforadio um 08:43 Uhr und tagesschau24 um 09:00 Uhr.