Rupert Stadler | LUKAS BARTH-TUTTAS/POOL/EPA-EFE/
Porträt

Ex-Audi-Chef Rupert Stadler Ein "Bauernbua", der ganz oben war

Stand: 30.09.2020 12:19 Uhr

Er machte steile Karriere, wurde als "Problemlöser" bezeichnet: Als Audi-Chef war Rupert Stadler ganz oben angekommen - doch dann kam der Diesel-Skandal. Nun muss er sich vor Gericht verantworten.

Von Arne Meyer-Fünffinger, ARD-Hauptstadtstudio

Im April 2013 sitzt der damalige Audi-Chef Rupert Stadler im Lesesaal der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. Für die Interview-Sendung "Forum Manager" hat der Fernsehsender dort ein kleines Fernsehstudio aufgebaut. Ein entspannter Stadler hat vor der hellblauen Kulisse in einem Stuhl Platz genommen und plaudert entspannt über sich und über das Unternehmen, dessen Chef er ist. Der Diesel-Skandal, in den Audi tief verwickelt werden sollte, ist noch weit weg.

Arne Meyer-Fünffinger ARD-Hauptstadtstudio

Stadler trägt einen dunklen Anzug und eine eckige, randlose Brille. "Baujahr 63, glücklich verheiratet, drei Kinder", beschreibt er sich. "Und ich glaube, ich bin im Kern ein ganz normaler Typ - sportlich, dynamisch, menschlich fair. So würde ich mich einschätzen."

Zu diesem Zeitpunkt ist Stadler sechs Jahre Vorstandsvorsitzender bei Audi. 2007 hat er den Chefsessel von Martin Winterkorn übernommen, der gerade an die VW-Spitze in Wolfsburg gerückt ist. Stadler ist in Ingolstadt, in seiner Heimat, ganz oben angekommen.

Vertraute nennen ihn "Bauernbua"

Anders als seine Vorgänger, Konzernpatriarch Ferdinand Piech und Martin Winterkorn, lernt Stadler das Konstruieren von Autos und Motoren nicht von der Pike auf. Er stammt von einem Bauernhof in Titting, unweit von Ingolstadt. Im vertraulichen Zwiegespräch nennen ihn Konzern-Führungskräfte deswegen auch schon mal "Bauernbua".

Stadler studiert an der Fachhochschule Augsburg Betriebswirtschaftslehre und landet 1990 nach kurzer Zwischenstation bei der Philips AG bei Audi. Für den Autobauer geht er nach Spanien und arbeitet, zurück in Deutschland, ab 1997 als Generalsekretär für den damaligen VW-Konzernchef Ferdinand Piech. Dieser habe ihn "gefordert, und dann hat er mich auch gefördert". Bis an die Audi-Spitze.

Mit "Clean Diesel" will Audi die USA erobern

So mancher traut Stadler sogar den ganz großen Sprung nach Wolfsburg zu. Die Geschäfte bei Audi laufen bestens, der neue Vorstandschef treibt ab 2007 die Expansion von Audi voran. Zum Beispiel in den USA: Das Unternehmen soll dort mit dem Diesel-Motor den Markt erobern. Erst wenige Monate im Amt, steht Stadler auf der LA Motorshow vor einem SUV und frohlockt, dass die Menschen jenseits des großen Teichs inzwischen auch über Spritverbräuche nachdenken. "Clean Diesel" - damit will das Unternehmen den dortigen Markt erobern, mit einer Technologie, "die wir uns auch hier auch in den USA wünschen".

"Clean" ist bei den Diesel-Fahrzeugen von VW und Audi aber gar nichts. Im September 2015 kommen die US-Behörden zunächst VW und dann Audi auf die Schliche: Die Diesel-Fahrzeuge der beiden Hersteller sind schmutzig unterwegs - im Realbetrieb, auf der Straße. Dass sie auf dem Prüfstand deutlich weniger Schadstoffe ausstoßen, liegt an unzulässigen Abschalteinrichtungen in der Motorsteuerungssoftware. Diese erkennen unter anderem, dass sich die Fahrzeuge auf einem Prüfstand befinden und schalten deswegen in den sauberen Modus um. Recherchen des BR zeigen später, dass Audi in seinen Diesel-Fahrzeugen sogar gleich mehrere dieser Software-Strategien verbaut hat.

Razzia während der Jahrespressekonferenz

2017 nimmt die Staatsanwaltschaft München II Ermittlungen auf - zunächst gegen Unbekannt, unter anderem wegen Betrugsverdachts. Spätestens nachdem auch die hiesigen Behörden bei europäischen Audi-Diesel-Fahrzeugen Abschalteinrichtungen finden, steckt Audi knietief im Schlamassel.

Erster negativer Höhepunkt für Stadler: Am 15. März 2017, parallel zur Jahrespressekonferenz in Ingolstadt, lässt die Staatsanwaltschaft die Konzernzentrale durchsuchen. Ein denkbar schlechter Zeitpunkt, denn Stadler stellt am Morgen im Rahmen der Jahrespressekonferenz die Geschäftsahlen für 2016 vor. Aber die werden zur Nebensache. Stadler bleibt schmallippig: "Wir kooperieren vollumfänglich mit den Behörden. Das versteht sich von selber. Das ist unser eigenes Kerninteresse."

Ab 2018 auch Ermittlungen gegen Stadler

Zu diesem Zeitpunkt, so die ermittelnde Staatsanwaltschaft München II, geht es bei den Ermittlungen noch nicht um Einzelpersonen. Im Mai 2018 richten sich diese dann auch gegen Stadler persönlich. Ihm werfen die Ermittler vor, "dass er ab September 2015 Kenntnis von den Manipulationen hatte und es unterlassen hat, einzuschreiten".

Bis heute weist Stadler jede Verantwortung für den Skandal oder sogar eine frühe Mitwisserschaft von sich. Dabei hat er seine Rolle im Konzern vor 2013 so beschrieben: Er sei der kritischste Kunde der Marke Audi. "Und ich glaube, ich habe schon eine Gabe, auch technologische Sachzusammenhänge sehr, sehr tief zu verstehen, auch richtig zu hinterfragen."

Erst U-Haft, dann Anklage

Die Staatsanwaltschaft hinterfragt Stadlers Rolle im Diesel-Skandal zunehmend. Wegen Verdunklungsgefahr muss er in der Folge sogar für einige Monate in Untersuchungshaft. Am Ende klagt die Behörde ihn und drei weitere Beschuldigte an. Die Vorwürfe: Betrug, mittelbare Falschbeurkundung und strafbare Werbung.

"Problemlöser" - so hat ihn der aktuelle Volkswagen-Chef Herbert Diess bezeichnet. Stadler selbst sieht sich gerne auch als Berufsoptimist, "denn ich sage, aus jeder Krise kann man eine Chance holen". Welche Chancen er in dem nun beginnenden Prozess sieht? Das ist noch unklar. Stadler ist seit der Entlassung aus der Untersuchungshaft abgetaucht.

Über dieses Thema berichtete am 30. September 2020 tagesschau24 um 09:00 Uhr und B5 aktuell im Hörfunk um 10:20 Uhr.