Im Jahr 1894 steuert Carl Benz einen seiner Wagen | Bildquelle: picture alliance / dpa

Agentur für Sprunginnovationen Die Suche nach dem nächsten großen Ding

Stand: 18.09.2019 18:59 Uhr

Erfindungen, die das Leben radikal verändern, kamen in den vergangenen Jahren nicht mehr aus Deutschland. Das soll sich wieder ändern, dank der neuen Agentur für Sprunginnovationen. Was verbirgt sich dahinter?

Von Martin Schmidt, ARD-Hauptstadtstudio

Das war so eine Erfindung: Als es Carl Benz im 19. Jahrhundert gelang, den ersten autoähnlichen Wagen mit einem Verbrennungsmotor zum Fahren zu bekommen. Plötzlich war sie da und setzte sich durch, diese technische Neuerung, die das Leben komplett verändert hat. Die eigentlich vorherrschenden Fortbewegungsmittel, die Pferdekutschen, sind nach und nach aus den Innenstädten verschwunden. Eine Erfindung verändert die Welt und bringt auch für die Wirtschaft ganz neue Möglichkeiten mit sich.

Genau das ist es, was Rafael Laguna de la Vera meint, wenn er von "Sprunginnovationen" spricht. Er ist der Gründungsdirektor der Agentur für Sprunginnovationen, die die Bundesregierung ins Leben gerufen hat. Deutschland soll künftig vorne mit dabei sein, wenn es um solch völlig neue Technologien geht, das ist das Ziel.

Innovative Deutsche - aber nicht in Deutschland

Im evolutionären Weiterentwickeln, also der schrittweisen Verbesserung einer Erfindung, sind die Deutschen bisher schon in vielen Bereichen Weltspitze. Das zeigt auch das Beispiel des Automobils. Was die Sprunginnovationen angeht, hinken wir allerdings hinterher.

"Viele Deutsche haben durchaus Sprunginnovationen gemacht, nur häufig nicht in Deutschland", sagt Laguna im Gespräch mit dem ARD-Hauptstadtstudio - und legt damit gleich die Begründung vor, warum die neue Agentur so wichtig ist. Nicht der Mangel an Menschen mit guten Ideen sei das Problem, sondern die vielen Schwierigkeiten, die bei deren Umsetzung auftreten. "Genau da setzen wir an", verspricht Laguna.

Eine Milliarde Euro Förderung vom Bund

Da geht es zum einen natürlich ums Geld. Mit einer Milliarde Euro soll die Agentur für die nächsten zehn Jahre ausgestattet werden. Geld, das vor allem an Menschen mit Ideen weiterfließen soll. Anders als bei Geldern aus der Wirtschaft gehe es dabei eben nicht in allererster Linie darum, dass am Ende auch eine maximale Rendite zurückfließt.

Überhaupt meint Laguna, sei Geld oftmals gar nicht das Wichtigste. Schwierigkeiten bei der Unternehmensgründung, Zugang zu großen Forschungsinstituten, Kontakte zur Wirtschaft, vielleicht sogar bei notwendigen Gesetzesänderungen - bei all dem könne die Agentur für Sprunginnovationen helfen. 

Wirtschaftsminister Peter Altmaier, Forschungsministerin Anja Karliczek und der Gründungsdirektor der Agentur für Sprunginnovationen, Rafael Laguna, während der Pressekonferenz. | Bildquelle: dpa
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Wirtschaftsminister Altmaier, Forschungsministerin Karliczek und Gründungsdirektor Laguna (von links) stellte das Projekt gemeinsam vor.

"Innovatoren sind manchmal merkwürdig"

Ihren Sitz wird die Agentur in Leipzig haben. Das hat Laguna nun in Berlin gemeinsam mit Bundesforschungsministerin Anja Karliczek und Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier verkündet. Die beiden Minister haben die Federführung für das Regierungsprojekt. Zwischen 35 und 50 Mitarbeiter sollen schon möglichst bald mit der Arbeit beginnen, die anfangs vor allem daraus bestehen wird, förderungswürdige Entwickler ausfindig zu machen.

"Diese Innovatoren sind schon manchmal sehr merkwürdige Menschen", weiß Laguna, der selbst in der Startup-Szene zuhause ist. "Was sie aber eint, ist, dass sie ganz schön viel im Kopf haben und ihre Idee unbedingt machen wollen." Die Agentur entscheide dann, wem man das Potential für eine Sprunginnovation zutraue.

Die Amerikaner investieren deutlich mehr

Thomas Bachem, Kanzler der Berliner Code University of Applied Sciences, einer privaten Fachhochschule für digitale Produktentwicklung, setzt darauf, dass die Politik den Entwicklern über die neue Förderungsmöglichkeit mehr Freiheiten lässt. "In der Praxis geht bisher extrem viel Arbeit und Zeit drauf, um die bürokratischen Vorgaben zu erfüllen", weiß er über alte Förderprogramme zu berichten. Noch schlimmer aber sei es, dass sich die Forscher häufig einem Korsett an Vorgaben anpassen müssten.

Mehr Risikobereitschaft, auch eine Fehlertoleranz - all das bringe die Agentur für Sprunginnovation jetzt mit sich. Einen kleinen Seitenhieb kann sich Bachem dennoch nicht verkneifen. Denn gerne zieht die Bundesregierung die deutlich größeren Fördermaßnahmen der Amerikaner zum Vergleich heran.

Der Gründungsdirektor der Agentur für Sprungnovationen, Rafael Laguna. | Bildquelle: dpa
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Der Gründungsdirektor der Agentur, Laguna, räumt ein, dass Deutschland in vielen Bereichen geschlafen hat.

"Weiter hinten dran kann man eigentlich nicht sein"

Schon seit Jahrzehnten geben die USA ein Vielfaches an Geld dafür aus. So sei das Budget von einer Milliarde Euro hierzulande zwar bemerkenswert, meint Bachem, aber in dem Bereich nicht ausreichend. Und außerdem: "In meinen Augen sind wir ziemlich spät dran, aber besser spät als nie."

Gründungsdirektor Laguna kennt diese Vorbehalte und versteht sie auch: "Wir haben keine wirklich bedeutende Firma im Internetbereich. Weiter hinten dran kann man eigentlich nicht sein. Wir haben sogar das Elektroauto so halb verschlafen." Zu spät könne man aber trotzdem nicht sein, ist er sich sicher. Denn Innovationen gebe es immer, Märkte verändern sich weiter. Er würde es daher anders ausdrücken: "Es wird höchste Zeit - das kann man sagen."

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