Tankanzeige eines Autos

Umwelthilfe kritisiert Autohersteller Mit Tricks zum niedrigen Spritverbrauch

Stand: 04.05.2018 10:39 Uhr

Die Deutsche Umwelthilfe wirft der Automobilindustrie gezielte Manipulation bei den Angaben zum Spritverbrauch vor. Die Trickserei habe in den letzten Jahren deutlich zugenommen. Dadurch werden nicht nur Autofahrer getäuscht - auch dem Staat entgehen Millionen bei der Kfz-Steuer.

Von Martin Gent, WDR

Dass die Verbrauchswerte aus der Werbung - wenn überhaupt - nur mit sensibelstem Gasfuß zu erreichen sind, gehört zum Allgemeinwissen. Regelmäßig berichten Autozeitschriften, der Testverbrauch liege erheblich über den Herstellerangaben. Nur auf sogenannten Sparrunden gelingt es ihnen, die Werksangaben annähernd zu erreichen.

Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) wird nun konkreter: Zum einen, weil sie mit den Verbrauchsmesswerten des ADAC Ecotests eine solide Datengrundlage hat. Und zum anderen, weil die Umwelthilfe mögliche Ursachen für eine größere Spanne zwischen Norm- und Praxisverbrauch benennt. Sie unterstellt der Autoindustrie gezielte Manipulation.

Umwelthilfe spricht von "rechtswidriger Manipulation"

Der Bundesgeschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe, Resch.
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Von " technischen Tricks bis hin zu rechtswidrigen Manipulationen" spricht der Bundesgeschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe, Resch.

In ihrer Pressemitteilung spart die Deutsche Umwelthilfe nicht mit deutlichen Worten: "Die unrealistisch niedrigen Normverbräuche ermitteln die Autobauer mit Hilfe zahlreicher technischer Tricks bis hin zu rechtswidrigen Manipulationen", heißt es dort.

Konkret wirft der Umwelt- und Verbraucherverband der Industrie vor, bei der Ermittlung des Normverbrauchs noch mehr zu tricksen als in der Vergangenheit. Während die Abweichung im Jahr 2001 nach Angaben der Deutschen Umwelthilfe noch bei 7 Prozent lag, liege sie 2011 bei 23 Prozent, also dreimal so hoch. Dabei bezieht sich die DUH auf Zahlen der europäischen Umweltorganisation "Transport und Environment".

Schweizer Automobilclub beobachtet zunehmende Trickserei

Schon 2008 hatte der Schweizer Automobilclub TCS eine ähnliche Beobachtung veröffentlicht. Während früher TCS-Testverbrauch und Werksangabe nahe beieinander lagen, zeigte sich seit etwa 2001 eine wachsende Kluft. Als mögliche Ursache nannte der TCS damals schon "Messzyklus optimierte Fahrzeuge", die gleichsam merken, wenn sie auf dem Prüfstand sind und dann den Motor so steuern, dass ein möglichst niedriger Verbrauch ermittelt wird. Seitdem Autos mit Bordcomputer ausgerüstet sind, sei das technisch kein Problem.

Erkennt das Auto, dass es auf dem Prüfstand steht?

Die Deutsche Umwelthilfe glaubt, Hinweise für solche Manipulationen gefunden zu haben. "Mit immer ausgefeilteren internen Diagnosetools erkennt der Bordcomputer, dass er auf einem Rollenprüfstand fährt und schaltet für die Dauer der Prüfung in einen optimierten Testmodus." Nach Angaben der Umwelthilfe gehen viele Hersteller dazu über, "Testzyklen in ihrer Motorsteuerung zu hinterlegen", um dann bei einer tatsächlichen Prüfstandfahrt über die Motorelektronik automatisch reagieren zu können.

Konkret wird die Umwelthilfe bei BMW. Dem Hersteller war schon vor zwei Jahren vorgeworfen worden, bei Schadstoff- und CO2-Werten auf dem Prüfstand zu glänzen und in der Praxis zu patzen. Der bayerische Autohersteller habe zumindest zeitweise auf dem Prüfstand das Nachladen der Batterie unterbunden, sagt DUH-Geschäftsführer Jürgen Resch gegenüber dem WDR. Eine abgekoppelte Lichtmaschine spart Sprit. "Im Einsatz auf der Straße würde ein solches Fahrzeug nach kurzer Zeit den Einsatz verweigern", resümiert die Umwelthilfe. Für die rund 20 Minuten lange Prüfstandsfahrt nach dem Neuen Europäischen Fahrzyklus (NEFZ) reicht aber offenbar der in der Batterie gespeicherte Strom.

Mehrverbrauch von bis zu 42 Prozent

Die Rangliste mit den Mehrverbrauchswerten führt aber kein BMW, sondern ein Volvo an. Statt 3,4 Liter Diesel auf 100 Kilometer genehmige sich der "V40 D2 Momentum (DPF)" immerhin 4,83 Liter. Das ist zwar immer noch vergleichsweise sparsam, doch in der Aufstellung der DUH geht es um die prozentuale Abweichung. Und die ist mit 42 Prozent happig.

Schummelverdacht: Die Top 10 beim Mehrverbrauch
Hersteller und ModellMehrverbrauch
Volvo V40 D2 Momentum (DPF)42%
Peugeot 208 e-HDi FAP 68 STOP&START Active EGS534%
Fiat Punto 0.9 8V TwinAir Start&Stopp More34%
Dacia Lodgy 1.5 dCi 110 FAP Prestige28%
Ford Fiesta 1.6 TDCi ECOnetic Start-Stopp26%
Fiat Punto 1.3 16V Multijet Start&Stopp26%
Peugeot 208 68 VTi Active24%
Seat Mii 1.0 Ecomotive Style24%
Hyundai i20 1.2 Trend24%
Dacia Duster dCi 9024%
Ehrliche Werte: Bei diesen Autos stimmt die Werksangabe
Hersteller und ModellMehrverbrauch
KIA Optima 1.7 CRDi AT1%
Opel Astra 1.4 LPG ecoFlex Innovation (Autogasbetrieb)1%
Hyundai Genesis Coupé 2.0 T1%
KIA Optima Hybrid Spirit Automatik (Otto)0%
Citroen C4 Picasso HDi 150 FAP Exclusive0%
Mazda 3 1.6 l MZR-2%
Seat Exeo ST 1.8 TSI Sport-2%
Mazda 3 MPS2.3 I MZR DISI Turbo-4%
Jaguar XK 5.0 L V8 Cabriolet-5%
Nissan 370Z Roadster Pack Automatik-6%
Nissan Primera 2.0 visia Automatik-17%

Strittig beim Vergleich von Norm- und Praxisverbrauch ist immer, was man als Referenz nimmt. Keine Testmethode kann für alle Autofahrertypen sprechen. Doch die DUH hat für die 144 Autos in der Tabelle eine der besten verfügbaren Referenzen herangezogen, den Testverbrauch des ADAC Ecotest. Der wird nach EU-Norm auf einem Prüfstand ermittelt und zwar beim ADAC selbst. Um praxisnähere Werte zu bekommen ergänzt der ADAC die Prüfstandsfahrt nach NEFZ um zwei weitere.

Ermittelt wird der Verbrauch anhand einer Test-Methode, die dem ADAC zufolge "möglichst viele Facetten des realen Fahrzeugeinsatzes abdecken" soll. Dabei wird mit Licht und Klimaanlage gefahren. Weiterhin wird eine etwa 25 Kilometer lange Autobahnfahrt mit Spitzentempo 130 auf dem Prüfstand nachgestellt. Der Verbrauchswert dieses "ADAC-Autobahnzyklus" geht zu 30 Prozent in den Testverbrauch ein, die beiden anderen Werte machen zusammengenommen 70 Prozent aus. Dass nach dieser Methode ein höherer Verbrauch herauskommen müsste, lässt DUH-Geschäftsführer Resch nicht gelten. Immerhin gäbe es sechs Fahrzeuge in der Liste, die im Ecotest sogar besser abschneiden als vom Werk angegeben.

Hersteller nutzen Lücken in EU-Norm

Von den 144 Fahrzeugen beträgt bei 84 die Abweichung zwischen Test- und Normverbrauch mehr als zehn Prozent. Ursache ist, dass nahezu alle Hersteller die Lücken der EU-Norm zur Ermittlung des Normverbrauchs bis aufs Letzte ausnutzen, um möglichst niedrige Werte zu erzielen. Weil die Tests von den Herstellern selbst oder im Auftrag der Hersteller durchgeführt werden und offenbar keine Kontrollen stattfinden, erscheint eine gedehnte Anwendung der Norm zumindest möglich.

Auto auf dem Dekra-Prüfstand in Stuttgart (Archivbild vom 12.01.2012)
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Die Liste der Prüfstand-Tricks ist lang: Optimale Leichtlaufreifen und hohe Temperaturen sind nur zwei Beispiele.

Die europäische Umweltorganisation "Transport and Environment" hat kürzlich eine Reihe möglicher Prüfstandstricks zusammengestellt. Danach wird für schöne Verbrauchswerte an vielen kleinen Schräubchen gedreht: Klebeband über Karosseriefugen soll für eine bessere Aerodynamik sorgen, prall gefüllte Leichtlaufreifen für einen niedrigen Rollwiderstand und hohe Testtemperaturen für eine verkürzte Warmlaufphase des Motors.

Dass die Kunden bei enttäuschendem Praxisverbrauch die Spritschlucker den Herstellern wieder vor die Tür stellen, müssen diese kaum befürchten. Denn juristisch relevant sind nur Abweichungen des Normverbrauchs von mehr als zehn Prozent. Was ein Auto in der Praxis schluckt, spielt vor Gericht kaum eine Rolle. Und das Beweisverfahren ist alles andere als ein Spaziergang.

Millionenschwere Verluste bei der Kfz-Steuer

Das Interesse der Hersteller an niedrigen Verbrauchs- und CO2-Werten ist groß. Denn an den Angaben orientieren sich die Vorgaben für den Flottenverbrauch. Wer hier patzt, hat saftige Strafzahlungen zu erwarten. Außerdem verkaufen sich sparsame Fahrzeuge natürlich besser, schon weil oft wenige Gramm CO2 darüber entscheiden, ob beim Pkw-Label die orange Effizienzklasse C oder die grüne Klasse B erreicht wird. Schließlich sorgen zu niedrige Verbrauchs- und damit CO2-Werte für Mindereinnahmen bei der Kfz-Steuer, grob geschätzt im mindestens zweistelligen Millionenbereich.

Umwelthilfe: Politik sollte aktiv werden

Die wachsende Kluft zwischen Papier und Praxis sollte Politik und Behörden nach Ansicht der Umwelthilfe allerdings beschäftigen. Denn als "sportlicher Wettkampf um den niedrigsten Verbrauch" sei der NEFZ-Normverbrauch nicht gedacht, sagt Resch. Ausdrücklich sei in der entsprechenden EU-Norm vorgesehen, dass die Werte der Prüfung "denen im praktischen Fahrbetrieb entsprechen."

Wenn es Anzeichen für Abweichungen gibt, müssten die Herstellerangaben überprüft werden, fordert Resch. Bislang sei man mit dieser Forderung regelmäßig am Widerstand der Autobauer und der jeweiligen Verkehrsminister gescheitert.

Autohersteller manipulieren Spritverbrauch
A. Sepeur, ARD Berlin
04.05.2018 10:39 Uhr

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