Interview

Eine Bettlerin sitzt vor einem geschlossenen Geschäft in Athen

Nach Abstimmung über Sparpaket "Griechenland wird ausgeplündert"

Stand: 08.11.2012 11:38 Uhr

"Eine richtige Qual"

tagesschau.de: Inwieweit wird das Sparpaket die Situation für die Menschen und auch für Sie persönlich verändern?

Tsolakidis: Nach meinen Informationen werden bei uns in der Stadt morgen 27 Menschen entlassen. Sofort. Ein Lehrer, der neu eingestellt wird, verdient 660 Euro - brutto! Wie kann dieser Mensch eine Familie gründen? Das wird nicht gut gehen. Klar ist: Wir müssen mit weniger Geld auskommen. Wir haben Fehler gemacht. Dafür sind wir verantwortlich. Wir müssen bezahlen. Aber wie kann man eine Rechnung bezahlen, wenn man keine Arbeit hat und kein Geld verdient?

Blick auf das Plakat, das auf die Rabattaktion für Arbeitslose in Griechenland hinweist (Foto: Steffen Wurzel)
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Ein Plakat weist auf eine Rabattaktion für griechische Arbeitslose hin.

Meine Frau ist Kindergärtnerin. Vor zwei Jahren hat sie 1400 Euro netto verdient, heute 850. Das ist auch richtig so. Angesichts der Lage müssen die Menschen lernen, mit weniger aus zu kommen. Aber meine Familie gibt im Jahr alleine 800 Euro für Milch aus. Denn dieser Preis wird von einem Kartell gemacht, das der Staat nicht kontrollieren will und das einer jener Familien gehört. Mir soll jemand mal schwarz auf weiß vorrechnen, wie eine Familie, in der beide arbeitslos sind, die Steuer fürs Haus aufbringen soll.

Monatlich werden neue Steuern eingeführt, mal 100, mal 150 Euro, rückwirkend auf die letzten zwei Jahre. Die Arbeitslosigkeit liegt hier bei 35 Prozent. Ich habe noch Glück. Denn ich lebe und arbeite in Griechenland und Deutschland. Ich bin also nur zur Hälfte von den Maßnahmen betroffen. Aber diese beiden Welten ständig miteinander vergleichen zu müssen, ist eine richtige Qual.

Griechisches Parlament beschließt Sparpaket
T. Bormann, DLR-Kultur
08.11.2012 03:57 Uhr

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"Wo bleibt die Verbesserung?"

tagesschau.de: Zehntausende protestieren gegen das Sparpaket. Werden die Demonstrationen noch weiter zunehmen?

Tsolakidis: Ich habe sogar gehört, dass eine halbe Million Menschen auf die Straße gegangen sind, um zu zeigen, dass sie damit nicht einverstanden sind. Ich rechne fest damit, dass es zu Unruhen kommen wird. Die Menschen werden diesen Druck nicht aushalten können. Trotz EU-Hilfe, trotz Schuldenschnitt ändert sich nichts an der Gesamtlage. Unsere Verschuldung liegt bei 189 Prozent. Zu Beginn der Krise waren es 120 Prozent. Wo bleibt die Verbesserung?

"Verzicht auf jeglichen Luxus"

tagesschau.de: Was schlagen Sie vor, um Griechenland aus der Krise zu holen?

Tsolakidis: Die Menschen müssen sich darauf einstellen, in den nächsten 15 Jahren auf jeglichen Luxus zu verzichten. Wir müssen zu den Wurzeln zurück. Wir müssen anfangen, mit der Idee zu leben, dass wir nur das haben, was wir selbst produzieren können. Wir müssen zurück auf die Dörfer und uns mit der Landwirtschaft beschäftigen.

Griechische Rentner protestieren vor dem Gesundheitsministerium
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Griechische Rentner protestieren vor dem Gesundheitsministerium.

Ich muss kein neues Handy haben. Aber mein Kind muss zur Schule gehen können und meine Mutter ins Krankenhaus, um sich behandeln zu lassen. Bildung und Gesundheit sind das A und O in einem Land. Darauf aber nimmt die Regierung keine Rücksicht. Sie privatisiert. Ein Teil unseres Krankenhauses wurde an einen Investor verkauft. Dort bekommen Sie Behandlung gegen Bezahlung. Andernfalls müssen Sie stundenlang warten, und das bedeutet noch nicht, dass Sie an diesem Tag noch einen Arzt sehen.

tagesschau.de: Sehen Sie überhaupt ein Licht am Ende des Tunnels?

Tsolakidis: Ich bin sehr optimistisch, weil sich etwas ändert. Die Menschen haben verstanden, dass sie sich gegenseitig helfen müssen. Aus genau diesem Grund haben wir die Kartoffelbewegung gegründet. Wir sind selber schuld! Wir haben zu lange vor dem Fernseher gesessen und und uns nicht um den Nachbarn gekümmert. Wir dachten, wir seien auf ewig im Paradies.

Das Interview führte Ute Welty, tagesschau.de

alt Kartoffeln (Archivbild)

Hintergrund

Ihren Anfang nahm die griechische Kartoffelbewegung im Februar 2012 in der nordgriechischen Kleinstadt Katerini. Ziel der Aktion war und ist, die Zwischenhändler auszuschalten. Der erste Versuch war sehr erfolgreich. Innerhalb von 24 Stunden kamen mehr als 800 Bestellungen für 24 Tonnen Kartoffeln direkt vom Bauern zusammen.

Eine Woche später bestellten 2.100 Familien aus Katerini 75 Tonnen Kartoffeln zum Preis von 25 Cent pro Kilogramm. Im Supermarkt kosteten die Kartoffeln fast das Vierfache. Nach der Aktion reduzierten die Supermärkte den Kartoffelpreis auf knapp 40 Cent.
 
Inzwischen organisierten sich ähnliche Gruppen in ganz Griechenland und bestellen Mehl, Öl oder auch Waschmittel direkt vom Produzenten. Dadurch konnte der Einkaufspreis auf bis zu 70 Prozent gesenkt werden. Die Kartoffelbewegung verkauft nicht selbst, sondern organisiert den Verkauf.

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