Elias Tsolakidis

Nach Abstimmung über Sparpaket "Griechenland wird ausgeplündert"

Stand: 08.11.2012 11:38 Uhr

Mit Wut und Empörung haben viele Griechen auf das neue Sparpaket reagiert. Im Interview mit tagesschau.de warnt Elias Tsolakidis vor den Folgen für die Menschen. Das Land werde ausgeplündert. Griechenland brauche kein Geld, sondern Unterstützung für einen Systemwechsel.

tagesschau.de: In der Nacht hat das griechische Parlament weitere Maßnahmen beschlossen, um 13,5 Milliarden Euro zu sparen. Was halten Sie von diesem Schritt?

Elias Tsolakidis: Die Menschen hier haben sich das nicht gewünscht. Das gilt zumindest für die, mit denen ich zu tun habe. Um ganz ehrlich zu sein: Die Abgeordneten, die für das Sparpaket gestimmt haben, sind es nicht wert, zu dieser Gesellschaft zu gehören. Niemand von denen hat überhaupt gelesen, was da verabschiedet wurde. Das waren 750 Seiten auf Englisch. Die vier Abgeordneten aus unsere Region haben das offen zugegeben. Die Entscheidung fiel so, weil die Partei es so wollte. Sieht so Demokratie aus?                        

Elias Tsolakidis
Zur Person

Geboren wurde Elias Tsolakidis in Katerini in Griechenland. Studiert hat er Sportwissenschaften in Köln. Seit 2001 arbeitet Tsolakidis als Technischer Direktor für das European College of Sport Science. Der gemeinnützige Verein will Wissenschaft und Forschung über Wirkung und Nebenwirkung des Sports fördern.

Alle zwei Wochen pendelt Tsolakidis zwischen Deutschland und Griechenland. Anfang 2012 gehörte er zu den Mitbegründern der Kartoffelbewegung, die den Griechen in der Krise Hilfe zur Selbsthilfe anbietet.

"Die EU-Hilfen kommen nicht den Griechen zugute"

tagesschau.de: Im Gegenzug zu den eingesparten 13,5 Milliarden Euro erhält Griechenland europäische Hilfe in Höhe von 31,5 Milliarden Euro - eine Rechnung, die aufgeht?

Tsolakidis: Die EU-Hilfen kommen nicht den Griechen zugute. Das Geld dient dazu, das in der Vergangenheit geliehene Geld zurückzuzahlen. Es dient dazu, die Banken zu stabilisieren, die aber ihrerseits kein Geld mehr verleihen. Der Mittelstand geht also leer aus. Ich bin fest davon überzeugt, dass Griechenland auch im Moment gar kein Geld braucht. Wir haben so viel gespart, dass wir auf den eigenen Beinen stehen können, abgesehen von der Schuldentilgung im Ausland. Deutschland war nach dem Zweiten Weltkrieg in einer ähnlichen Situation und hat seine Schulden erst dann begleichen müssen, als Geld übrig war. Griechenland aber wird ausgeplündert.

Das griechische Parlament in Athen

Das griechische Parlament entschied sich für ein umstrittenes Sparpaket.

Also nochmal: Griechenland braucht kein Geld. Wir wären schon längst pleite, denn die europäische Hilfe verzögert sich ja immer weiter. Ursprünglich war von Juni die Rede gewesen. Aber diese Drohkulisse eignete sich perfekt für den Wahlkampf: Wer nicht für die amtierende Regierung stimmt, der ruiniert sein Land, weil Griechenland dann kein Geld bekommt.

"Man will den Menschen Angst machen"

tagesschau.de: Griechenland braucht wirklich kein Geld?

Tsolakidis: Nein. Aber die Berichterstattung im Ausland legt diesen Schluss nahe. Das entspricht nicht der Wahrheit. Das meine nicht nur ich, das meint die griechische Mehrheit. Wir sind nicht die Faulen. Wir sind diejenigen, die sich nicht anpassen wollen. Wir sind nicht das schwarze Schaf Europas.

tagesschau.de: Aber warum ist Griechenland dann überhaupt in diese Krise geraten?

Tsolakidis: Der griechische Staat ist fest in den Händen von 20 oder 30 Familien. Sie kontrollieren auch die Medien. Die Abendnachrichten sind voller Horrorszenarien. Man will den Menschen Angst machen. Politisch ist nicht gewollt, dass sich das ändert. Diese Familien finanzieren nämlich ihrerseits die herrschenden Parteien und sorgen dafür, dass die Politiker im jeweiligen Amt bleiben. Nur in diesem Chaos, nur in diesem nicht funktionierenden Staat können diese Familien ihre Macht erhalten.

Reich im Pleitestaat

Einige wenige reiche Familien sollen die griechische Politik kontrollieren.

Vor zwei Jahren hat die französische Regierung dem griechischen Staat eine Liste mit Steuersündern übergeben. Das waren 2000 Namen. Das waren Informationen über Gelder im Ausland. Und das sind genau die Familien, von denen ich gesprochen habe. Erst vor zwei Wochen sind die Daten veröffentlicht worden. Der USB-Stick mit diesen Daten lag also zwei Jahre unangetastet auf dem Schreibtisch des Finanzministers.

"Ich kann dieses Theater nicht mehr sehen"

tagesschau.de: Welche Art von Unterstützung braucht Griechenland dann, wenn es nicht um Geld geht?

Tsolakidis: Wir brauchen Unterstützung, um unsere Einstellung und unsere Systematik zu verändern. In Deutschland ist es selbstverständlich, dass das Ministerium weiter arbeitet, auch wenn die Regierung wechselt. In Griechenland war es so, dass mit der neuen Regierung auch neue Mitarbeiter kamen. Die fanden in den Büros Rechner ohne Festplatten vor - ausgebaut von den Vorgängern, damit die Neuen bei Null anfangen. Mit dieser Art Politikern arbeitet Frau Merkel zusammen.

Wartende am Fährhafen von Piräus

Griechenland hat Probleme mit Logistik, Infrastruktur und Organisation.

Deutschland könnte uns helfen, das Milchkartell zu zerschlagen. Dann würde die Milch nicht mehr 1,30 Euro kosten, sondern wie in Deutschland 60 oder 70 Cent. Aber es sind eben auch deutsche Firmen an diesem Kartell beteiligt. Von daher kann ich mir dieses Theater nicht mehr angucken, wenn der deutsche Wirtschaftsminister nach Griechenland kommt und sich mit den falschen Leuten trifft.

"Eine richtige Qual"

tagesschau.de: Inwieweit wird das Sparpaket die Situation für die Menschen und auch für Sie persönlich verändern?

Tsolakidis: Nach meinen Informationen werden bei uns in der Stadt morgen 27 Menschen entlassen. Sofort. Ein Lehrer, der neu eingestellt wird, verdient 660 Euro - brutto! Wie kann dieser Mensch eine Familie gründen? Das wird nicht gut gehen. Klar ist: Wir müssen mit weniger Geld auskommen. Wir haben Fehler gemacht. Dafür sind wir verantwortlich. Wir müssen bezahlen. Aber wie kann man eine Rechnung bezahlen, wenn man keine Arbeit hat und kein Geld verdient?

Meine Frau ist Kindergärtnerin. Vor zwei Jahren hat sie 1400 Euro netto verdient, heute 850. Das ist auch richtig so. Angesichts der Lage müssen die Menschen lernen, mit weniger aus zu kommen. Aber meine Familie gibt im Jahr alleine 800 Euro für Milch aus. Denn dieser Preis wird von einem Kartell gemacht, das der Staat nicht kontrollieren will und das einer jener Familien gehört. Mir soll jemand mal schwarz auf weiß vorrechnen, wie eine Familie, in der beide arbeitslos sind, die Steuer fürs Haus aufbringen soll.

Blick auf das Plakat, das auf die Rabattaktion für Arbeitslose in Griechenland hinweist (Foto: Steffen Wurzel)

Ein Plakat weist auf eine Rabattaktion für griechische Arbeitslose hin.

Monatlich werden neue Steuern eingeführt, mal 100, mal 150 Euro, rückwirkend auf die letzten zwei Jahre. Die Arbeitslosigkeit liegt hier bei 35 Prozent. Ich habe noch Glück. Denn ich lebe und arbeite in Griechenland und Deutschland. Ich bin also nur zur Hälfte von den Maßnahmen betroffen. Aber diese beiden Welten ständig miteinander vergleichen zu müssen, ist eine richtige Qual.

"Wo bleibt die Verbesserung?"

tagesschau.de: Zehntausende protestieren gegen das Sparpaket. Werden die Demonstrationen noch weiter zunehmen?

Tsolakidis: Ich habe sogar gehört, dass eine halbe Million Menschen auf die Straße gegangen sind, um zu zeigen, dass sie damit nicht einverstanden sind. Ich rechne fest damit, dass es zu Unruhen kommen wird. Die Menschen werden diesen Druck nicht aushalten können. Trotz EU-Hilfe, trotz Schuldenschnitt ändert sich nichts an der Gesamtlage. Unsere Verschuldung liegt bei 189 Prozent. Zu Beginn der Krise waren es 120 Prozent. Wo bleibt die Verbesserung?

"Verzicht auf jeglichen Luxus"

tagesschau.de: Was schlagen Sie vor, um Griechenland aus der Krise zu holen?

Tsolakidis: Die Menschen müssen sich darauf einstellen, in den nächsten 15 Jahren auf jeglichen Luxus zu verzichten. Wir müssen zu den Wurzeln zurück. Wir müssen anfangen, mit der Idee zu leben, dass wir nur das haben, was wir selbst produzieren können. Wir müssen zurück auf die Dörfer und uns mit der Landwirtschaft beschäftigen.

Ich muss kein neues Handy haben. Aber mein Kind muss zur Schule gehen können und meine Mutter ins Krankenhaus, um sich behandeln zu lassen. Bildung und Gesundheit sind das A und O in einem Land. Darauf aber nimmt die Regierung keine Rücksicht. Sie privatisiert. Ein Teil unseres Krankenhauses wurde an einen Investor verkauft. Dort bekommen Sie Behandlung gegen Bezahlung. Andernfalls müssen Sie stundenlang warten, und das bedeutet noch nicht, dass Sie an diesem Tag noch einen Arzt sehen.

Griechische Rentner protestieren vor dem Gesundheitsministerium

Griechische Rentner protestieren vor dem Gesundheitsministerium.

tagesschau.de: Sehen Sie überhaupt ein Licht am Ende des Tunnels?

Tsolakidis: Ich bin sehr optimistisch, weil sich etwas ändert. Die Menschen haben verstanden, dass sie sich gegenseitig helfen müssen. Aus genau diesem Grund haben wir die Kartoffelbewegung gegründet. Wir sind selber schuld! Wir haben zu lange vor dem Fernseher gesessen und und uns nicht um den Nachbarn gekümmert. Wir dachten, wir seien auf ewig im Paradies.

Das Interview führte Ute Welty, tagesschau.de

Kartoffeln (Archivbild)
Hintergrund

Ihren Anfang nahm die griechische Kartoffelbewegung im Februar 2012 in der nordgriechischen Kleinstadt Katerini. Ziel der Aktion war und ist, die Zwischenhändler auszuschalten. Der erste Versuch war sehr erfolgreich. Innerhalb von 24 Stunden kamen mehr als 800 Bestellungen für 24 Tonnen Kartoffeln direkt vom Bauern zusammen.

Eine Woche später bestellten 2.100 Familien aus Katerini 75 Tonnen Kartoffeln zum Preis von 25 Cent pro Kilogramm. Im Supermarkt kosteten die Kartoffeln fast das Vierfache. Nach der Aktion reduzierten die Supermärkte den Kartoffelpreis auf knapp 40 Cent.
 
Inzwischen organisierten sich ähnliche Gruppen in ganz Griechenland und bestellen Mehl, Öl oder auch Waschmittel direkt vom Produzenten. Dadurch konnte der Einkaufspreis auf bis zu 70 Prozent gesenkt werden. Die Kartoffelbewegung verkauft nicht selbst, sondern organisiert den Verkauf.