Eine Frau läuft durch eine nahezu leere Einkaufsstraße in Frankfurt. | dpa

Corona-Pandemie Wirtschaft steht "an allen Fronten unter Druck"

Stand: 27.11.2021 16:32 Uhr

Steigende Infektionszahlen, mögliche neue Lockdowns und eine eingetrübte Konsumstimmung: Die deutsche Wirtschaft schaut mit Sorge auf das Winterhalbjahr. Mit einem Konjunkturabsturz rechnen die Analysten jedoch nicht.

Die deutsche Wirtschaft steht nach Einschätzung von Volkswirten führender Finanz- und Wirtschaftsinstitute vor einem harten Winter. "Nach dem sommerlichen Konjunkturboom dürfte es zum Jahreswechsel allenfalls noch für ein Mini-Wachstum reichen", sagte Katharina Utermöhl von der Allianz-Gruppe in einer Umfrage der Nachrichtenagentur dpa.

Marc Schattenberg von der Deutschen Bank erwartet sogar ein Null-Wachstum über die kommenden Monate. "Ich rechne mit einer Stagnation des Wirtschaftswachstums im Winterhalbjahr", sagte er. In der Eurozone steht Deutschland mittlerweile als Schlusslicht beim Wirtschaftswachstum da. Utermöhl prognostiziert für das laufende Jahr für die Bundesrepublik nur noch 2,7 Prozent Wachstum. In der Eurozone wird das Wachstum auf rund fünf Prozent geschätzt.

Die ausufernde Infektionslage bereitet Sorgen

Hintergrund ist die vor allem wegen der ausufernden Corona-Infektionslage eingebrochene Konsumlaune der Verbraucher. Die strukturellen Probleme der Industrie seien lange Zeit durch einen Boom beim privaten Konsum - unter anderem wegen Aufholeffekten nach den Lockdowns - kompensiert worden: "Wir erleben, dass auch im Dienstleistungsbereich sich der Konsum wieder eintrübt", sagte Veronika Grimm, Mitglied im Sachverständigenrat der "Wirtschaftweisen" der Bundesregierung. Sie schränkte jedoch ein: "Die Auswirkung auf die Konjunktur wird beschränkt bleiben."

Bei den hauptsächlich betroffenen Wirtschaftsbereichen wie Kultur, Touristik und Gastronomie handele es sich um Branchen, die nur wenig Anteil an der Bruttowertschöpfung hätten. Dennoch bekennt auch die Chefvolkswirtin der staatlichen Bankengruppe KfW, Fritzi Köhler-Geib, dass die Zeichen nicht nach oben deuten. "Angesichts dieser Rückschläge haben alle Konjunkturanalysten ihre Prognosen für das laufende Jahr deutlich nach unten revidiert", sagte sie.

Kein Konjunkturabsturz befürchtet

Mit einer Konsumflaute, den anhaltenden Lieferengpässen in der Industrie und den weiterhin hohen Energiekosten stehe die deutsche Wirtschaft "an allen Fronten unter Druck", sagte Allianz-Expertin Utermöhl. Allerdings habe die Wirtschaft auch gelernt, mit den Umständen umzugehen, einschränkende Maßnahmen dürften diesmal zielgerichteter ausfallen, als noch vor einem Jahr. "Im Großen und Ganzen rechnen wir aber damit, dass die Wachstumseinbußen geringer ausfallen als in vorherigen Wellen. Mit einem Konjunkturabsturz rechnen wir daher nicht."

Auch Grimm betonte, solange die Geimpften am öffentlichen Leben teilnehmen könnten, werde die Konsumbremse nicht allzu stark ausfallen. Allerdings: Auf dem Arbeitsmarkt könnte es zu einer deutlichen Verlangsamung der Erholungsprozesse kommen.

Es könnte wieder deutlich mehr Kurzarbeit geben

Zwar hätten die Unternehmen inzwischen gelernt, mit dem Instrument der Kurzarbeit umzugehen, wie Schattenberg erklärte. "Wir rechnen aber auch wieder mit deutlich mehr Kurzarbeit", sagte Utermöhl. Vor allem dann, sollte es zu einem weiteren Lockdown etwa in Teilbereichen des Handels oder der Gastronomie kommen.

Die staatlichen Corona-Hilfen sollten nach ihrer Auffassung bis ins Frühjahr verlängert werden. Auch der geschäftsführende Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) erwartet in der vierten Corona-Welle wieder einen Anstieg der Kurzarbeit und Mehrbelastungen für den Staatshaushalt. "Aufgrund von Lieferkettenstörungen in der Industrie und Umsatzeinbrüchen aufgrund regionaler Lockdowns rechnen wir mit einer leichten Zunahme der Kurzarbeit in diesem Winter und Zusatzkosten von 400 Millionen Euro", sagte Heil der "Bild am Sonntag".

Die KfW-Chefvolkswirtin Köhler-Geib wies darauf hin, dass die Unsicherheiten der Pandemie auf dem Arbeitsmarkt auf einen eklatanten Mangel an Fachkräften treffen. "In der Industrie sahen sich seit der Wiedervereinigung noch nie so viele Unternehmen durch Fachkräftemangel beeinträchtigt wie derzeit. Daran wird deutlich, dass der Fachkräftemangel sich zu einem Problem auswächst, um das sich Wirtschaft und Politik dringend stärker kümmern müssen", betonte sie.

Veranstaltungsbranche rechnet mit verheerenden Folgen

Der Bundesverband der Konzert- und Veranstaltungswirtschaft befürchtet für seine Branche gravierende Auswirkungen. Fachleute hätten die zu erwartende Steigerung der Corona-Inzidenzen bereits Mitte des Jahres vorausgesagt. "Die Tatsache, dass diese Warnungen die bisherige Regierung nicht zu den gebotenen Maßnahmen veranlasst hat, hat nun leider auch für die Veranstaltungswirtschaft verheerende Folgen", teilte Verbandspräsident Jens Michow mit. Jetzt würden wieder zahlreiche Veranstaltungen mit der Folge abgesagt, dass den Veranstaltern erhebliche Verluste und zusätzliche Kosten entstünden.

"Ohnehin haben schon viele Menschen aus Infektionsgründen Angst, Konzerte zu besuchen. Kaum jemand hat Lust, zwei- oder dreistündige Konzerte mit einer Maske zu erleben oder aufgrund von Abstandsregeln getrennt von seiner Familie zu sitzen." Das alles wirke sich schon seit Monaten erheblich auf den Kartenverkauf aus. "Soweit nun auch noch für die 2G die Vorlage negativer Testergebnisse gefordert wird, macht die Mehrzahl der Besucher das nun gar nicht mehr mit."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 24. November 2021 um 12:12 Uhr.