Ein TGV und eine ICE auf der Rheinbrücke in Kehl (Archiv) | Bildquelle: dpa

Siemens und Alstom Das Prestigeprojekt steckt fest

Stand: 30.01.2019 05:32 Uhr

Deutschland und Frankreich wollen einen gemeinsamen Hersteller für Hochgeschwindigkeits-Züge schmieden. Die Allianz ist auch gegen China gerichtet. Doch EU-Kartellwächter haben Bedenken.

Von Peter Althammer, BR

Die Fusion der Zugsparten von Siemens (Deutschland) und Alstom (Frankreich) steckt fest. Eigentlich soll in wenigen Wochen ein europäischer Champion auf dem Feld der Hochgeschwindigkeitszüge entstehen. Doch ob die EU-Kommission zustimmt, ist sehr unsicher.

Die EU-Kommissarin für Wettbewerb, die Dänin Margrethe Vestager, sieht die Fusion der beiden europäischen Bahn-Champions jedenfalls kritisch. "Wir sprechen hier über zwei tolle Unternehmen, die in der Lage sind, im Wettbewerb zu bestehen", sagte sie noch vor wenigen Tagen der Wochenzeitung "Die Zeit". "Wir haben uns die chinesische Präsenz im Markt genau angesehen. Alstom und Siemens aber sind bereits Weltmeister in ihrem Geschäft, nicht nur Europameister."

Mit neuen Aktien aufgeteilt

Mit der starken Konkurrenz aus China soll es der neue Hersteller, der seinen Sitz in Frankreich haben soll, nach dem Willen der Konzernlenker auf dem Weltmarkt aufnehmen. Damit das gelingt, wollen sie die Siemens-Sparte Mobility mit der Alstom S.A. zusammenlegen. Durch die Ausgabe neuer Alstom-Aktien an die Siemens AG soll das Unternehmen etwa zur Hälfte der Siemens AG und zur anderen Hälfte der bisherigen Alstom gehören.

Standorte und Arbeitsplätze der bisherigen Unternehmen erhielten eine vierjährige Bestandsgarantie. Mit den weltweit bekannten Hochgeschwindigkeitszügen ICE und TGV sollen dann zwei Produkte mit hohem Renommee aus einer Hand angeboten werden. Damit will man chinesischen Herstellern wie zum Beispiel dem Konzern CRRC Paroli bieten, die mittlerweile den Weltmarkt für Züge beherrschen. Das zeigen die Geschäftszahlen:

Geschätzter Jahresumsatz (Quelle: boerse.ard.de)
HerstellerLandUmsatz (in Mrd. Euro)
CRRCChina24,0
Alstom+Siemens Frankreich/Deutschland12,5
BombardierKanada8,9

Und auch im Bereich Hochgeschwindigkeit ist China auf der Überholspur: Auf knapp 30.000 Kilometer ist das chinesische Schienennetz für Hochgeschwindigkeitszüge in wenigen Jahren angewachsen. Darauf rollen mehr und mehr Züge aus chinesischer Produktion. So hat CRRC sich nicht nur zum größten Zughersteller der Welt, sondern auch zu einem starken Konkurrenten bei modernen Hochgeschwindigkeitszügen entwickelt.

Unterstützung aus Paris und Berlin

Der Zusammenschluss von Siemens und Alstom wird von der Politik in Deutschland und Frankreich unterstützt. Die Regierungen wollen sicherstellen, dass sich in Europa und auf anderen wichtigen Weltmärkten in der Zukunft ein konkurrenzfähiges europäisches Produkt gegen CRRC behaupten kann. Die Regierungen in Paris und Berlin denken, das sei nur mit einem gemeinsamen, neuen und größeren europäischen Hersteller möglich.

Der französische Minister für Wirtschaft und Finanzen, Bruno Le Maire, erklärte, dass die Fusion die beste und einzige Antwort auf Chinas wachsende Bedeutung im Eisenbahnsektor sei. Sie abzulehnen wäre ein wirtschaftlicher und politischer Fehler. Und Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier sagte vor wenigen Tagen: "Ich glaube, mit einer notwendigen europäischen Industrie-Strategie müssen wir wettbewerbsfähig bleiben."

Auch der deutsche Spitzenkandidat für das Amt des EU-Kommissionspräsidenten ist für die Fusion. "Es kann nicht sein, dass die EU-Kommission die konkrete Zusammenarbeit zwischen Siemens und Alstom untersagt mit dem Argument, dass dann in Europa der Wettbewerb schwieriger werden würde", sagte der CSU-Politiker Manfred Weber in München. "Tatsache ist, dass wir bei diesen großen Märkten nicht im europäischen Wettbewerb denken müssen, sondern im globalen Wettbewerb denken."

Zugeständnisse in letzter Minute

Inzwischen haben die beiden Konzerne auf die Kritik aus Brüssel reagiert. So sollen kleinere Firmenteile abgegeben werden und Lizenzen für Technologien befristet an Dritte abgegeben werden. Dem Vernehmen nach ist Siemens bereit, Lizenzen für seine neueste Generation von Hochgeschwindigkeitszügen maximal zehn Jahre an einen Konkurrenten abzutreten.

Ob das in Brüssel für eine Genehmigung ausreicht, wird sich in wenigen Tagen erweisen: Spätestens am 18. Februar wird die EU ihre Entscheidung bekanntgeben.

Über dieses Thema berichtete B5 Wirtschaft und Börse am 30. Januar 2019 um 06:38 Uhr.

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