Siemens Aktionäre gehen zur Siemens-Hauptversammlung | Bildquelle: dpa

Konzern im Wandel Siemens und der ewige Umbruch

Stand: 31.01.2018 08:54 Uhr

Siemens stellt heute seine Zukunftspläne vor. Der Konzern befindet sich im ständigen Wandel - und scheinbar im Widerspruch: Denn trotz kräftigem Plus sollen Tausende Jobs wegfallen.

Von Sebastian Hanisch, BR

Ernst Riehle vor seinem ehemaligen Arbeitsplatz (Screenshot)
galerie

Ernst Riehle sieht Siemens auf einem schlechten Weg.

Ernst Riehle wirkt ein wenig verloren, wenn er seinen Hals nach oben reckt und auf die auffällige rote Fassade des großen Bürogebäudes im Münchner Norden blickt. Früher hat der Ex-Siemensianer hier gearbeitet. "Dort, wo die Jalousien heruntergefahren sind, war mein Büro", erzählt der 74-Jährige. Er war zuständig für den Kundendienst für große Rechneranlagen. Vor rund 50 Jahren ging er zu Siemens: "Siemens war wie eine Familie für mich und meine Kollegen."

Doch in den 1990er-Jahren wurde sein Bereich, nachdem er zunächst mit dem Unternehmen Nixdorf fusioniert worden war, aufgelöst. Längst ist ein anderes Unternehmen in den Gebäudekomplex eingezogen. "Das Management sah da einfach keine Zukunft mehr", so Riehle. Mit 54 Jahren und einer Abfindung schickte Siemens ihn in den Vorruhestand.

Einmal im Monat trifft er sich mit ehemaligen Kollegen zum Stammtisch in einem Münchner Lokal. Sie alle haben Siemens als Frührentner verlassen, als ihre Jobs abgebaut wurden. "Unternehmensbereiche, die nicht profitabel sind, fliegen raus aus dem Konzern, andere werden reingekauft", erklärt einer von ihnen. "Das ist eine schlechte Entwicklung", stellt er noch klar.

Ex-Siemensianer-Stammtisch (Screenshot)
galerie

Ex-Siemensianer besprechen bei einem Stammtisch die Entwicklung ihres ehemaligen Arbeitgebers.

Gesundheitssparte vor dem Börsengang

Umbau bei Siemens gab es also schon immer, doch er scheint im Moment immer schneller abzulaufen. Ein paar Beispiele: Die Bahnsparte von Siemens soll mit dem französischen Konzern Alstom zusammengelegt werden. Die Gesundheitssparte Healthineers soll an die Börse. Es könnte der größte Börsengang werden seit dem der Telekom im Jahr 1996. Die Kraftwerksparte soll verkleinert werden. Die Turbinenproduktionen in Görlitz und Leipzig werden möglicherweise geschlossen. Und die Windkraftsparte wurde vor Monaten mit dem spanischen Konzern Gamesa fusioniert.

Siemens-Betriebsrat Thomas Ahme (Screenshot)
galerie

Siemens-Betriebsrat Ahme erfuhr aus der Zeitung von dem Stellenabbau.

Doch nur rund ein halbes Jahr nach der Fusion mit Gamesa wurde bekannt, dass rund 6000 Arbeitsplätze abgebaut werden sollen. "Wir haben aus der Zeitung davon erfahren", schimpft Thomas Ahme, Betriebsrat in Hamburg. Siemens Gamesa ist an der Börse in Spanien gelistet und damit gilt spanisches Recht. "Die Mitbestimmung hat sich geändert", erklärt Ahme. Als Arbeitnehmerverteter würden sie die Informationen nicht so direkt erhalten, wie sie sich das wünschen. Immerhin: Das Zusammengehen der Siemens-Windkraftsparte und Gamesa sei richtig gewesen, fügt Ahme hinzu.

Wandel steht "erst am Anfang"

Tatsächlich sei das permanente Umbauen des Unternehmens notwendig, so die Devise des Siemens-Vorstands um den Vorsitzenden Joe Kaeser. Doch den Arbeitnehmervertretern stößt dieser Kurs sauer auf: Vor der heutigen Hauptversammlung von Siemens in München präsentierte Kaeser für den Gesamtkonzern einen Rekord-Auftragsbestand von 128 Milliarden Euro für das erste Geschäftsquartal.

Und Kaeser warb für Verständnis für seinen Strukturwandel: "Hier stehen wir erst am Anfang und müssen als Sozialpartner gemeinsam lernen, damit umsichtig umzugehen." So gar nicht umsichtig finden es aber wohl die deutschen Arbeitnehmer, dass der Vorstandsvorsitzende vor Kurzem bei einem Treffen mit US-Präsident Donald Trump beim Weltwirtschaftsforum in Davos angekündigte, neue Gasturbinen in den USA zu entwickeln - während in Deutschland genau in dieser Sparte Tausende Stellen wegfallen sollen.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 31. Januar 2018 um 06:37 Uhr.

Darstellung: