Seeleute in der Bar | Catharina Spethmann - Radio Brem

Gestrandete Seeleute Wenig Hoffnung auf Weihnachten daheim

Stand: 06.12.2020 05:55 Uhr

Wegen Corona sitzen weltweit Hunderttausende Seeleute auf ihren Schiffen oder in fremden Häfen fest - so auch in Bremerhaven. Die Belastung für Crews und Familien zuhause ist enorm.

Von Catharina Spethmann, Radio Bremen

Ein belebter Seemannsclub Anfang Dezember im Hafen von Bremerhaven - belebt jedenfalls für Corona-Zeiten, denn normalerweise ist hier im "Welcome"-Club der Seemannsmission mehr los. Aber wegen der Pandemie dürfen viele Seeleute ihr Schiff nicht verlassen.

Ramish aus Indien ist froh, nach 54 Tagen auf See an Land zu sein. Mit einer Flasche Bier in der Hand sitzt er an einem Tisch. Schwierige Zeiten seien das, findet er - und erzählt, dass sie wegen der Ansteckungsgefahr wochenlang überhaupt nicht von Bord konnten: "Jeden Tag dieselbe Arbeit, dieselben Leute, immer dasselbe. Immer nur an Bord, immer nur arbeiten, arbeiten, arbeiten."

Seemannsdiakon Thomas Reinold im Schokoladenlager | Catharina Spethmann - Radio Brem

Im Seemannsclub hält Diakon Thomas Reinold Nervennahrung bereit. Bild: Catharina Spethmann - Radio Brem

Umso mehr freuten sie sich jetzt über den Abend im Club, sagt sein Kollege Francis. Auch er kommt aus Indien. Inzwischen hat er bereits elf Monate Arbeit an Bord hinter sich. Francis zeigt auf einen weiteren Kollegen: Der sei schon seit 13 Monaten auf dem Schiff. Normal seien acht oder neun Monate.

Thomas Reinold, Seemannsdiakon und Leiter des "Welcome"-Clubs, hat so etwas schon öfter gehört, vor allem in der Anfangszeit der Corona-Pandemie. Inzwischen seien die meisten Crews auf den Schiffen einmal durchgetauscht. Dennoch: "Wir wissen, dass auch viele Seeleute weltweit einfach warten auf den Schiffen, auch mit Verträgen, die ja um die sechs bis zwölf Monate laufen." Kämen sie nicht vom Schiff runter, müssten viele ihren Urlaub an Bord nehmen, zwei Monate, und einfach auf dem Schiff weitermachen mit ihrem neuen Vertrag.

400.000 Seeleute sitzen weltweit fest

Die Lage ist für viele Seeleute immer noch katastrophal, das bestätigt auch Sven Hemme von der Internationalen Transportarbeiter-Föderation (ITF). Von rund 400.000 auf den Schiffen festsitzenden Seeleuten sprach Ende September  die Internationale Seeschifffahrts-Organisation (IMO).

Weder Reinold noch Hemme wollen den Reedereien pauschal böse Absicht unterstellen. Zwar seien die Reeder natürlich froh, wenn auch in Corona-Zeiten alle Stellen an Bord besetzt seien und die Arbeit erledigt werde. Aber jedem sei klar, dass ausgebrannte und erschöpfte Seeleute nicht zuletzt ein Sicherheitsrisiko seien. Die Lage sei für alle in der Seeschifffahrt derzeit sehr schwierig, sagt Hemme: "Es gibt viele, die bemühen sich wirklich. Und dann gibt’s natürlich auch die Gegenbeispiele."

Sven Hemme (ITF-Inspektor) | Sven Hemme

ITF-Inspektor Sven Hemme: "Die Lage ist katastrophal" Bild: Sven Hemme

Einreiseverbot in vielen Heimatländern

Auch Reedereien, die sich bemühten, die Seeleute von Bord zu bekommen, scheiterten oft an Reisebeschränkungen und an ständig neuen Vorschriften. Ein weiteres Problem: Wegen der Corona-Pandemie gibt es weniger Flüge. Auch Francis aus Indien konnte deswegen bisher nicht nach Hause, erzählt er.

Immer noch, sagt ITF-Inspektor Hemme, dürften auch Seeleute nicht in ihre Heimatländer einreisen. Oftmals verböten das die Bestimmungen aus Angst vor Ansteckung. Seemannsdiakon Reinold erinnert sich an einen indonesischen Seemann, der vor einigen Monaten lieber auf die Rückkehr zu seiner Familie verzichtet habe. Sonst hätte seine Frau, eine Lehrerin, ihren Job verloren.

Immer wieder fallen also bereits organisierte Crew-Wechsel aus. Bei den Seeleuten sorge es natürlich für Frust und Verzweiflung, wenn sich die Hoffnung auf eine Rückkehr nach Hause zerschlage, sagt Seemannsdiakon Reinold. Das sei "brutal".

Familien-Einkommen fehlt

ITF-Inspektor Hemme sieht ein weiteres Problem. In den Heimatländern der Seeleute - von denen viele aus Asien kommen - werde die Lage ebenfalls immer schwieriger. Denn dort sitzen auch Seeleute an Land fest, die wegen der ausbleibenden Crew-Wechsel nicht an Bord gehen können, obwohl sie gerne arbeiten würden. Ihr Geld fehle dann den Familien - und nicht nur diesen. "Das ist eine volkswirtschaftliche Katastrophe", sagt Hemme.

Wann es besser wird, kann im Moment keiner sagen. Er rechne für die Schifffahrt weiterhin mit massiven Problemen im ersten und vermutlich auch noch im zweiten Quartal, sagt Hemme. Francis, der Seemann aus Indien, baut darauf, dass er dann schon längst zu Hause ist. In zehn Tagen will er in Boston, dem nächsten Hafen, an Land gehen und in ein Flugzeug nach Hause steigen. Das hofft er jedenfalls.