Eine Maschine der Airline Ryanair | Bildquelle: REUTERS

Ryanair Aufstand der Piloten

Stand: 21.09.2017 18:15 Uhr

Mehr als 2000 Flüge hat Ryanair für die kommenden Wochen gestrichen, weil Personal fehlt. Viele Piloten des irischen Billigfliegers wollen die Ausnahmesituation offenbar jetzt nutzen - um bessere Arbeitsbedingungen durchzusetzen.

Von Arne Hell und Thomas Kramer, WDR

Ryanair hat seinen Piloten ein Angebot gemacht: Mehrere Tausend Euro Prämienzahlungen, wenn sie unter anderem auf freie Zeit verzichten, ihren Urlaub unterbrechen und helfen, das Chaos bei der Fluglinie zu begrenzen. Das ist viel Geld für ein paar Tage Mehrarbeit. Doch Pilotenvertretungen etlicher Basen haben das Angebot abgelehnt. Stattdessen fordern sie bessere Arbeitsbedingungen.

WDR, NDR und "Süddeutscher Zeitung" liegt ein Brief vor, für den sich Pilotenvertreter von 17 europäischen Ryanair-Basen zusammengetan haben. Darunter sind besonders viele aus Deutschland, etwa von den Basen Köln, Frankfurt, Hamburg und Berlin. Diesen Brief haben sie nach Pilotenangaben am Mittwochnachmittag an das Management der Airline geschickt. Die belgische  Zeitung "La Libre" hatte darüber zuerst berichtet. Der Zeitpunkt des Schreibens mag nicht zufällig gewählt sein, denn heute fand in Dublin eine Ryanair-Aktionärsversammlung statt.

Festverträge für alle gefordert

Die Kernforderung der Piloten: Ryanair solle aufhören, mit Geld kurzfristig Löcher zu stopfen. Stattdessen solle das Management alle Mitarbeiter mit regulären Arbeitsverträgen ausstatten - und zwar nach dem örtlich geltenden Arbeitsrecht und nicht nach irischem Recht. Außerdem wollen die Piloten mehr verdienen. Sie verlangen, dass die Gehälter in Zukunft für jede einzelne Region ausgehandelt werden und dass sie sich an dem orientieren, was bei Konkurrenz-Airlines gezahlt wird. "Das sollte dafür sorgen, dass sich nicht mehr so viele Kollegen zu lohnenderen Zielen verabschieden", heißt es in dem Brief. Im Gegenzug, so versprechen es die Pilotenvertreter, will die Belegschaft mithelfen, die Lücken in den Dienstplänen der nächsten Wochen so gut es geht zu stopfen.

Bemerkenswert ist, dass die Schreiben von sogenannten "Employee Representative Committees" (ERCs) verschickt worden sein sollen, die sich explizit auf die Mehrheit der Piloten an ihrer Base berufen. Die ERCs sind quasi ein Bindeglied zwischen dem Ryanair-Management und den Mitarbeitern der einzelnen Basen und werden von Ryanair akzeptiert. Sie sind bei der Airline festangestellt.

"Umso erstaunlicher, dass sie sich jetzt für die Belange ihrer freien Kollegen einsetzen", sagt Ilja Schulz von der Pilotengewerkschaft "Vereinigung Cockpit". "Das war überfällig. Wir erleben hier die Folge davon, wenn ein Unternehmen jahrelang seine Mitarbeiter unterdrückt." Nach eigenen Angaben vertritt die Vereinigung Cockpit mehr als die Hälfte aller deutschen Ryanair-Piloten.

"Es geht um die Existenz"

Ein Pilot, der namentlich nicht genannt werden will und als "Contractor"-Pilot für die Airline fliegt, spricht gegenüber WDR, NDR und "Süddeutscher Zeitung" von großem Unmut in der Belegschaft. "Natürlich haben viele auch Angst, denn es geht hier nicht einfach um den Arbeitsplatz, es geht um ihre Existenz. Aber der Druck, den viele fühlen, ist einfach zu groß", sagt er.

Was diesen Piloten besonders stört: Ryanair habe ihn nicht angestellt. Er arbeitet als so genannter "Contractor" im Cockpit, der sich über Personaldienstleister quasi selbst an die Airline verleiht. Viele Piloten bei Ryanair sind so beschäftigt. Arbeitsrechtler sehen in diesem Beschäftigungsmodell Hinweise auf Scheinselbstständigkeit.

Passagiere besteigen eine Maschine von Ryanair am Flughafen Schönefeld. | Bildquelle: dpa
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Passagiere besteigen eine Maschine von Ryanair am Flughafen Schönefeld.

Seit Jahren ermittelt die Staatsanwaltschaft Koblenz gegen zwei Personaldienstleister, die für Ryanair arbeiten, gegen leitende Mitarbeiter der Airline sowie gegen Hunderte Piloten. Mehrfach fanden Hausdurchsuchungen bei Piloten im gesamten Bundesgebiet statt. Die Airline hat ihr Beschäftigungsmodell stets verteidigt und auf geltendes irisches Recht verwiesen.

Einige Piloten haben inzwischen übrigens eine Facebook-Gruppe gegründet, der binnen weniger Stunden mehr als 2000 Ryanair-Beschäftigte beitraten. Ihr Name: "time for change".

Urlaubskürzung für Piloten?

Auf eine Anfrage reagierte Ryanair inzwischen. Ein Sprecher bestreitet, dass die Airline von den Piloten überhaupt einen Brief mit Forderungen erhalten hat. Außerdem hätten alle Piloten schon reguläre, unbefristete Verträge.

Ryanair-Chef O‘Leary sprach auf der Aktionärsversammlung davon, dass es keine Probleme zwischen Unternehmen und Piloten gebe. Allerdings liegt WDR, NDR und "Süddeutscher Zeitung" ein Chatverlauf vor, in dem über genau das Schreiben diskutiert und schließlich bestätigt wird, es sei abgeschickt worden.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 19. September 2017 um 22:15 Uhr, das ARD-Morgenmagazin am 20. September 2017 um 06:37 Uhr sowie am 21. September 2017 Deutschlandfunk um 13:30 Uhr in den Nachrichten und tagesschau24 um 14:00 Uhr in den "Hundert Sekunden".

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