Arbeiter an einer Gazprom-Pumpstation | REUTERS

Russlands Wirtschaft Durch Sanktionen in die Rezession?

Stand: 01.03.2022 15:30 Uhr

Westliche Sanktionen setzen Russland wirtschaftlich und finanziell unter Druck. Erste Schritte sollen die Folgen abmildern. Doch absehbar steht die russische Wirtschaft vor einem Einbruch. Auch die Inflationsrate dürfte deutlich steigen.

Russland geht gegen die Folgen der westlichen Finanz- und Wirtschaftssanktionen vor. Mit verschiedenen Schritten versucht die Regierung in Moskau, die Auswirkungen auf die Unternehmen des Landes zu dämpfen. Ministerpräsident Michail Mischustin kündigte vorübergehende Beschränkungen für Auslandsinvestoren an, die sich aus Russland zurückziehen wollen. Sie sollten beim Ausstieg aus russischen Vermögenswerten nicht auf politischen Druck handeln, sondern eine wohlüberlegte Entscheidung treffen können, sagte Mischustin.

Die Börse in Moskau blieb einen weiteren Tag geschlossen. Hintergrund ist offenbar die Sorge vor einem Kursrutsch an den Aktienmärkten, nachdem bereits die Landeswährung Rubel infolge der Sanktionen gestern abgestürzt war. Zudem berichtete die Nachrichtenagentur Reuters unter Berufung auf ein russisches Dekret, dass der größte russische Staatsfonds umgerechnet rund zehn Milliarden Dollar in Anteile russischer Unternehmen investieren solle.

Russischer Wirtschaft droht massiver Einbruch

Ersten Schätzungen zufolge wird die russische Wirtschaft infolge der Sanktionen einen Einbruch erleben. Die US-Großbank JPMorgan geht davon aus, dass das Bruttoinlandsprodukt im zweiten Quartal um 20 Prozent schrumpfen könnte. Für das Gesamtjahr 2022 wird mit einem Rückgang der russischen Wirtschaftsleistung von 3,5 Prozent gerechnet. Die Inflation in Russland könnte demnach im laufenden Jahr bei mindestens zehn Prozent liegen.

Schon vor dem Angriff auf die Ukraine und den Sanktionen hatte sich ein Abwärtstrend der russischen Wirtschaft abgezeichnet. Wie das Institut IHS auf Basis seiner monatlichen Unternehmensumfrage mitteilte, fiel der Einkaufsmanagerindex im Februar um 3,2 auf 48,6 Punkte. Das Barometer fiel damit zum ersten Mal seit September 2021 unter die Marke von 50, ab der es Wachstum signalisiert. Die russischen Betriebe meldeten zudem den stärksten Rückgang der Beschäftigung seit einem halben Jahr.

Diese Entwicklung dürfte sich in der aktuellen Lage beschleunigen. "Sollten diese neuen Sanktionen tatsächlich umgesetzt werden, wären die Auswirkungen auf die russische Wirtschaft gravierend", so JPMorgan-Ökonom Jahangir Aziz. In konjunkturell schwierigen Zeiten seien die hohen Devisenreserven der Zentralbank und der Überschuss in der Leistungsbilanz die beiden stützenden Säulen gewesen. "Jetzt nicht mehr", sagte Aziz.

Firmen gehen auf Distanz

Zahlreiche Firmen setzen inzwischen ihre Lieferungen von und nach Russland aus, kündigten das Ende von Kooperationen an oder stoppten die Produktion an russischen Standorten. Die Post-Tochter DHL teilte mit, dass sie bis auf Weiteres keine Sendungen mehr nach Russland befördern werde. Auch die weltgrößte Container-Reederei Maersk stoppte wie bereits andere Anbieter zuvor weitgehend die Transporte von und nach Russland.

Der niederländisch-britische Ölkonzern Shell will seine Zusammenarbeit mit dem russischen Konzern Gazprom und damit verbundenen Unternehmen beenden. Zuvor hatte sich bereits der britische Energiekonzern BP von seinen Anteilen am russischen Ölunternehmen Rosneft getrennt.

"Wirtschaftlicher und finanzieller Krieg gegen Russland"

Die Bedeutung der Wirtschaft für den Konflikt spiegelt sich auch in den Aussagen von Politikern wider. "Wir werden einen vollständigen wirtschaftlichen und finanziellen Krieg gegen Russland führen", sagte Frankreichs Wirtschaftsminister Bruno Le Maire dem Sender France Info. Die beschlossenen Sanktionen seien von unbestreitbarer Effizienz. "Wir werden den Zusammenbruch der russischen Wirtschaft bewirken."

Der frühere russische Präsident Dmitri Medwedew, derzeit Vize-Vorsitzender des nationalen Sicherheitsrats, reagierte auf Le Maires Aussage mit dem Hinweis, dass sich Wirtschaftskriege in der Geschichte der Menschheit oft in echte Kriege verwandelt hätten. "Hüten Sie Ihre Zunge, meine Herren", schrieb Medwedew beim Kurznachrichtendienst Twitter.

Mit Informationen von Constantin Röse, ARD-Börsenstudio

Über dieses Thema berichtete MDR aktuell Radio am 01. März 2022 um 15:21 Uhr.