Russland: Öl- und Gasförderung in der westsibirischen Region Surgut | picture alliance/dpa

Preise auf Mehrjahres-Hochs Rohstoffmärkte im Krisenmodus

Stand: 22.02.2022 13:52 Uhr

Die Eskalation in der Ukraine hat die befürchteten Schockwellen über die Rohstoffmärkte geschickt. Besonders die Märkte für Öl und Gas sind betroffen.

Die Eskalation des Ukraine-Konflikts seit dem vergangenen Vormittag ist auch am Ölmarkt deutlich abzulesen. Der Preis für die Nordseesorte Brent kletterte fast kontinuierlich auf bis zu 99,38 Dollar pro Barrel (159 Liter). Das war der höchste Stand seit September 2014. Die Notierung der US-Sorte WTI zog heute um über drei Dollar auf bis zu 96 Dollar pro Barrel nach, nachdem der US-Markt gestern wegen eines Feiertags geschlossen hatte.

Der Ölpreis liegt damit nur noch wenige Cent von der psychologisch wichtigen Marke von 100 Dollar entfernt, die zuletzt vor siebeneinhalb Jahren erreicht worden war. "Das Potenzial für eine Rally über 100 Dollar pro Barrel hat einen enormen Auftrieb erhalten", sagte Tamas Varga vom Ölmakler PVM.

Noch stärker reagierten die Gaspreise auf die Eskalation. Die europäischen Gasnotierungen schnellten am Morgen um 13 Prozent nach oben.

Für Verbraucher wird es noch teurer

Verbraucher müssen sich also angesichts der absehbar anhaltenden Spannungen mit Russland auf weitere Kostensteigerungen bei Benzin, Heizöl und Gas einstellen. Russland ist der größte Gas- und der zweitgrößte Ölexporteur der Welt und der größte Energielieferant Deutschlands.

"Die hohe Abhängigkeit der EU von russischem Öl und Gas spricht zwar gegen Sanktionen in diesem Bereich", erklärte Rohstoffexperte Carsten Fritsch von der Commerzbank. "Allerdings könnte Russland als Vergeltung gegen die zu erwartenden Sanktionen die Liefermengen reduzieren."

Gas schon zuvor als Druckmittel eingesetzt

Der Sorge, dass das Land den Gashahn zudrehen könnte, ist Russlands Präsident Wladimir Putin erneut entgegengetreten. Gegenüber der Nachrichtenagentur TASS erklärte er, Russland werde seine Lieferverpflichtungen weiter erfüllen.

Am Markt wird aber darüber spekuliert, wie lange diese Zusage gilt, wenn die harten Handelssanktionen der EU in Kraft treten. Die Sanktionen werden allerdings die Devisenknappheit des Landes noch verschärfen, was dauerhafte Lieferstopps unwahrscheinlich macht.

Auch wenn Russland darauf pocht, seine Gaslieferverträge stets eingehalten zu haben, wurden diese Zusagen nach Aussage von EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen nur an ihrem unteren Rand erfüllt. Die Zurückhaltung weiterer Mengen trotz rekordhoher Preise hatte zuletzt zu einer kritischen Leerung der deutschen Gasspeicher geführt. Die EU wirft Russland schon seit einigen Wochen vor, sich nicht marktkonform zu verhalten und Gaslieferungen als Druckmittel einzusetzen.

"Europa für Lieferstopp gerüstet"

Am Wochenende hatte von der Leyen erklärt, dass Europa mittlerweile vollständig gerüstet sei für den Fall eines Stopps von russischen Gaslieferungen. Dafür sei insbesondere mit den Exporteuren USA, Katar und Ägypten gesprochen worden. Der heutige Genehmigungsstopp für die umstrittene Pipeline Nord Stream 2 dürfte die langfristige Versorgung Europas mit russischem Gas allerdings zusätzlich erschweren.

Der Generalsekretär des seit heute in Doha tagenden Gaskartells GECF, dem auch Russland, aber nicht die USA angehören, verwies auf die Wichtigkeit der Kooperation seiner Mitglieder, um den steigenden Bedarf der Welt nach dem Rohstoff zu sichern. Seit dem ersten Treffen des Verbundes 2011 sei die Nachfrage nach Erdgas um rund 23 Prozent gestiegen, sagte Generalsekretär Mohamed Hamel.

Strukturelle Probleme am Ölmarkt

Auch am Ölmarkt trifft die steigende Nachfrage schon seit Monaten auf ein knappes Angebot. In den vergangenen Wochen hatte sich gezeigt, dass das internationale Ölkartell OPEC+ die geplanten monatlichen Fördererhöhungen nicht umsetzen konnte und weniger Öl als vereinbart auf den Markt brachte. Auch die strategischen Erdölreserven der USA, mit deren Hilfe die Biden-Regierung im November die Ölpreise noch kräftig bremsen konnte, können die Lage kaum noch entspannen. Sie fielen zuletzt auf den niedrigsten Stand seit fast 20 Jahren.

Ein Faktor könnte den angespannten Markt jedoch entlasten: Falls den USA und dem Iran in nächster Zeit ein neues Atomabkommen gelingt, könnte das Angebot deutlich erhöht werden, da der Iran über eine Million Barrel pro Tag zusätzlich auf den Markt werfen könnte.

Auch weitere Rohstoffpreise stiegen heute aus Sorge vor Lieferunterbrechungen durch Russland. Der in London ermittelte Aluminiumpreis sprang auf ein 13-Jahres-Hoch, während der Nickelpreis auf den höchsten Stand seit August 2011 kletterte.

Wird auch das Brot teurer?

Auch auf den Weizenmarkt hat die Eskalation erhebliche Auswirkungen. Russland gehört zu den größten Weizenexporteuren mit einem Weltmarktanteil von 17,7 Prozent im Jahr 2020. Die Ukraine kam im selben Jahr auf einen Weltmarktanteil von 8,0 Prozent. Auch wenn der Markt von Sanktionen nicht direkt betroffen sein wird, dürfte sich die Versorgungslage in den kommenden Wochen verschlechtern.

Verbraucher müssen sich also tendenziell auf weiter steigende Brotpreise einstellen. Allerdings spielen die Getreidepreise beim Endpreis der Backwaren angesichts der deutlich höheren Personal- und Herstellungskosten nur eine untergeordnete Rolle. Sie werden auf einen niedrigen einstelligen Prozentbereich geschätzt.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 22. Februar 2022 um 13:50 Uhr in den Nachrichten.