Flughafen Kassel Calden | picture alliance / Markus Mainka

Krise der Luftfahrt Wie Corona die Regionalflughäfen verteuert

Stand: 25.11.2020 09:56 Uhr

Kassel-Calden, Erfurt, Paderborn: Die meisten Regionalflughäfen überleben nur dank millionenschwerer Steuergeld-Zuschüsse. Die Corona-Krise verschärft die Lage zusätzlich.

Von Marcus Pfeiffer, HR

Aus der Nachbarschaft ab in den Flieger: Um diesen Luxus zu ermöglichen, leistet sich Deutschland ein dichtes Netz vollausgestatteter Regionalflughäfen. Doch das hat seinen Preis: Den hohen Kosten für Personal, Feuerwehr und Flugsicherung stehen nur geringe Einnahmen aus dem Flugbetrieb gegenüber.

Marcus Pfeiffer

100 Millionen Euro an Steuergeld

Die Folge: hohe Defizite, die in der Regel mit Steuergeld der beteiligten Kommunen und Bundesländer ausgeglichen werden. "Allein 2018 sind 100 Millionen Euro Steuergeld in die Regionalflughäfen geflossen", sagt Matthias Warneke vom Bund der Steuerzahler.

Und die Corona-Flaute macht alles jetzt noch teurer, wie HR-Recherchen zeigen: Am heftigsten trifft es die Flughäfen, die schon vor Corona mit dem meisten Steuergeld am Leben gehalten wurden.

650 Euro pro Passagier in Kassel-Calden

Beispiel Kassel-Calden: Ursprünglich wurde hier für 2020 mit 650.000 Passagieren kalkuliert. Doch nach 120.000 Passagieren im vergangenen Jahr gab es wegen Corona von Januar bis Oktober dieses Jahres bisher gerade mal 27.000 Passagiere.

Bei Steuerzahlerkosten von etwa 18 Millionen Euro ist somit jeder bisherige Passagier in diesem Jahr mit ungefähr 650 Euro Steuergeld subventioniert worden. Dafür könnte man allen Kasseler Fluggästen ein zusätzliches Rückflugticket nach Los Angeles spendieren.

Flughafen Kassel Calden | picture alliance / Markus Mainka

Regionalflughafen Kassel Calden: Rechnerisch wurde dieses Jahr jeder Passagier mit 650 Euro Steuergeld bezuschusst. Bild: picture alliance / Markus Mainka

Experten fordern Reform

Ähnlich ist die Situation auch in Erfurt und Paderborn, obwohl beide Airports alles tun, um die Kosten zu senken: Jeder der in Erfurt geflogenen 27.000 Passagiere hat die Steuerzahler mehr als 145 Euro gekostet. Und in Paderborn war der Zuschussbedarf für die bisherigen 91.800 Passagiere mit 50 Euro etwa zehn Mal so hoch wie bisher.

"Zwei bis drei Millionen Passagiere braucht es, um einen Flughafen wirtschaftlich zu betreiben", sagt der Deutsche-Bank-Analyst Eric Heymann. Und weil es die auch nach Corona nicht geben werde, fordert er eine bundesweite Reform des Regionalflughafennetzes.

Verkehrsminister Scheuer für neue Zuschüsse

Eine Forderung, der sich auch Ökonom Warneke vom Bund der Steuerzahler anschließt: "Die Aufgabe des Bundes sollte es sein, moderierend zu wirken, damit es ein landesweites Standortkonzept gibt - mit weniger Regionalflughäfen und wirtschaftlicheren Flughäfen."

Doch davon will Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer derzeit nichts wissen: "Auch wenn ein Flughafen schon lange in roten Zahlen ist, hat er strukturpolitische Bedeutung", so der CSU-Politiker. Deswegen hat er mit Bundesfinanzminister Olaf Scholz ein Hilfspaket für die Branche ausgehandelt.

Hilfspaket von einer Milliarde Euro geplant

Medienberichten zufolge geht es um eine Milliarde Euro: Die eine Hälfte soll vom Bund kommen, der an den Flughäfen Berlin, Köln/Bonn und München beteiligt sowie für die Deutsche Flugsicherung verantwortlich ist. Die andere Hälfte sollen Länder und Kommunen beisteuern, die originär auch für die örtlichen Flughäfen zuständig sind. Bereits angekündigte Hilfspakete sollen bei den Hilfen aber schon berücksichtigt werden.

Die Bundesregierung baue Brücken, um "irreparable Strukturbrüche im deutschen Luftverkehrssystem zu vermeiden", begrüßt der Bundesverband der Deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL) die Pläne der Bundesregierung. Kritik kommt hingegen aus der Opposition von den Grünen. Scheuer und Scholz setzten "falsche Prioritäten". Bei einem solchen Paket handele es sich um einen unverantwortlichen Umgang mit Steuergeld, heißt es auch vom Bund der Steuerzahler.

Mehr dazu heute im ARD-Magazin Plusminus um 21:45 Uhr im Ersten.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 26. November 2020 um 18:40 Uhr.