Yoo Myung-hee | Bildquelle: AFP

Kandidatin für WTO-Spitze Yoo Myung-hee - die Glasbrecherin

Stand: 11.11.2020 18:50 Uhr

Die Wahl der neuen WTO-Chefin zieht sich hin. Im Gegensatz zu vielen anderen Ländern favorisieren die USA die Südkoreanerin Yoo Myung-hee, die in ihrer Heimat als Pionierin gilt. Wofür steht sie?

Von Kathrin Erdmann, ARD-Studio Tokio

Manchmal rollt sie mit den Augen, wackelt mit dem Kopf von rechts nach links, lächelt und bedankt sich dann für jede gestellte Frage. Lebendig und souverän meistert Yoo Myung-hee Anfang Oktober die halbstündige Presse-Vorstellungsrunde der Welthandelsorganisation in Genf.

Die 53-Jährige ist zwar erst seit einem Jahr Handelsministerin Südkoreas, doch kann sie auf eine beachtliche und lange Karriere verweisen, war fast die Hälfte ihres Lebens für Südkorea sowohl im Außen- als auch Wirtschaftsministerium tätig. Entsprechend selbstbewusst tritt sie auf.

"In der besten Position"

"Ich bin in der besten Position, um die unterschiedlichen Belange und Interessen in der WTO zu verstehen", stellt Yoo klar. "Ich habe mich für die Regierung in den vergangenen 25 Jahren um das Thema Handel gekümmert. Und ich habe miterlebt, wie sich Südkorea durch multilaterale Verträge von einem unterentwickelten Land zu einer der wichtigsten Handelsnationen entwickelt hat."

Und in dieser Zeit, das betont sie, habe es nicht nur Erfolge, sondern auch Rückschläge gegeben. Sie wolle sich als WTO-Chefin dafür einsetzen, dass weniger entwickelte Staaten einen ebensolchen Weg wie ihr Land gehen könnten, sagt sie.

Gegenwind aus Washington

Die USA unterstützen, anders als die meisten Länder, Yoos Kandidatur, weil es bei der Konkurrentin aus Nigeria einen zu starken Einfluss Chinas fürchtet. Doch die Handelsministerin will sich nicht auf eine Seite ziehen lassen und unterstreicht ihr gutes Verhältnis zu China.

Auch dort will sie darum werben, ihre Kandidatur für den WTO-Vorsitz zu unterstützen. "Ich habe drei Jahre in Peking an der Botschaft gearbeitet und als Chefunterhändlerin das Freihandelsabkommen mit der Volksrepublik zum Abschluss gebracht. Dieselbe Rolle hatte ich beim Abschluss des Abkommens mit den USA inne", erklärt Yoo.

Viel Erfahrung mit Handelsabkommen

Und sie war an weiteren vergleichbaren Abkommen beteiligt - zum Beispiel mit Singapur und Großbritannien. Sie soll einmal gesagt haben, dass es schwieriger sei, unterschiedliche Interessen in Südkorea unter einen Hut zu bringen, als mit einem fremden Land zu verhandeln.

Eine lokale Zeitung hat sie als "Glasbrecherin" bezeichnet, weil sie es im konservativen Südkorea als Frau soweit nach oben geschafft hat. Sie selbst sieht das mit der Gelassenheit einer Frau, die einfach weiß, was sie kann: "Ich war in den ganzen 25 Jahren in meiner Regierung eine Pionierin auf meinem Gebiet. Immer die erste Frau in einer solchen Position, auch als Handelsministerin Koreas. Aber ich bin das alles nicht wegen meines Geschlechts geworden, sondern wegen meiner Verdienste und der Dinge, die ich erreicht habe."

Südkoreanischer Geist bei der WTO?

Eigentlich wollte Yoo Schriftstellerin werden, entschied sich dann aber für Jura und studierte in den USA, bevor sie in die Regierung eintrat. Südkorea ist bekannt für seine Anpassungs- und Wandlungsfähigkeit, auch deshalb hat es das Land wirtschaftlich so weit gebracht. Diesen Geist ihrer Heimat, so kann man aus ihren Worten hören, würde Yoo gern auch als Chefin in die Welthandelsorganisation tragen.

"Wenn ich die Ehre hätte, WTO-Vorsitzende zu werden, würde ich die Beratungen der Mitgliedsländer auf verschiedene Art und Weise beschleunigen, um einen Konsens zu finden und Probleme effektiv und dauerhaft zu lösen, gerade bei diesem Problem", verspricht sie - und meint damit die Blockade der USA, zwei Richter für die Streitbeilegungsinstanz der WTO zuzulassen. Die ist deshalb seit fast einem Jahr handlungsunfähig. Die Welthandelsorganisation müsse zudem wieder das Vertrauen in den Mulitilateralismus stärken und widerstandsfähiger werden, sagt Yoo.

Die südkoreanische Handelsministerin wirbt für sich als WTO-Chefin als ideale Brücke zwischen den USA und China. Worüber sie hingegen nicht gern redet, ist der anhaltende Handelskonflikt mit Japan. Die Beziehungen sind derzeit so schlecht, dass das Nachbarland der Südkoreanerin bisher jede Unterstützung für Karriereposten versagt hat.

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