Polnische Zloty-Banknoten | REUTERS

Inflation in Polen "Kreditferien" wegen hoher Zinsen

Stand: 31.05.2022 03:48 Uhr

Weil Kreditzinsen in Polen meist variabel sind, müssen viele Kreditnehmer wegen der hohen Inflationsrate plötzlich sehr viele höhere Monatsraten zahlen. Die Regierung will Abhilfe schaffen - mit "Kreditferien".

Von David Zajonz, ARD-Studio Warschau

Der Traum von der eigenen Wohnung oder vom eigenen Haus - in Polen droht er zum Albtraum zu werden. Die Warschauerin Alicja erzählt von einem Kredit, den ihr Partner und sie vor zwei Jahren aufgenommen haben: "In der ersten Berechnung sollte die Monatsrate 1300 bis 1500 Złoty betragen. Jetzt wird sie bei 2500 Złoty liegen", erzählt Alicja einem polnischen Radiosender. "Das ist für uns ein riesiger Verlust."

David Zajonz

Variable Kredite werden zum Problem

Monatliche Raten, die sich nahezu verdoppeln, sind in Polen derzeit keine Seltenheit. Der Grund: Kredite werden hier meist mit variablem Zinssatz vergeben - ohne fixen Garantiezins. In Zeiten niedriger Zinsen war das attraktiv, das Geld war billig. Wegen der steigenden Inflation hat die polnische Zentralbank den Leitzins jetzt aber auf mehr als fünf Prozent erhöht. Die variablen Kredite werden zum Boomerang.

"In den vergangenen Jahren hatten wir einen Kreditboom", erklärt Finanzexperte Jarosław Sadowski. "Bei neueren Krediten bestehen die Monatsraten zum größeren Teil aus Zinszahlungen, noch nicht so sehr aus Tilgungen. Wenn die Zinsen stark steigen, dann hat das sehr große Auswirkungen auf die monatlichen Raten."

Regierung sieht Handlungsbedarf

Die steigenden Kreditraten sind in der polnischen Bevölkerung deshalb ein großes Thema. Die Regierung verspricht gegenzusteuern. Denn die finanzielle Stabilität polnischer Familien sei gefährdet, sagt Ministerpräsident Mateusz Morawiecki. "Der Kredit sollte für viele Familien eine Chance auf ein Haus bedeuten, er hat sich aber als eine Belastung herausgestellt, die die eigenen Kräfte übersteigt", so der Regierungschef.

Deshalb will die Regierung zwei zentrale Maßnahmen ergreifen. Ein bereits existierender Härtefallfonds für in Not geratene Kreditnehmer soll aufgestockt werden. In den Fonds zahlen die Banken ein. Außerdem plant die Regierung sogenannte "Kreditferien". Damit sollen Kreditnehmer ihre Zahlungen zeitweise aussetzen und so die Laufzeit ihres Kredites verlängern können. "Jeder wird von acht Monaten 'Kreditferien' Gebrauch machen können - ohne zusätzliche Bedingungen oder Gebühren", so Morawiecki bei der Vorstellung der Pläne vor zwei Wochen.

Begrenzung auf finanzschwächere Haushalte?

Bei den polnischen Banken regt sich dagegen großer Widerstand. Sie befürchten milliardenschwere Belastungen und fordern, die "Kreditferien" auf finanzschwächere Haushalte zu begrenzen. Dass die Regelung von wohlhabenden Personen genutzt werden könnte, sieht auch Finanzanalyst Sadowski, dessen Beratungsfirma Kreditnehmer als Kunden hat. Insgesamt aber sei der staatliche Eingriff sinnvoll: "Wenn wir es zulassen würden, dass viele Menschen ihre Kredite wegen hoher Zinsen nicht zurückzahlen könnten, dann könnte daraus eine Krise entstehen. Das wäre meiner Meinung nach sehr gefährlich."

Außerdem, so argumentiert der Finanzexperte, hätten die Banken in letzter Zeit große Gewinne gemacht. Denn sie hätten zwar die Kreditzinsen stark erhöht, die Sparzinsen auf Einlagen seien hingegen aber kaum gestiegen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk in der Sendung "Studio 9" am 31. Mai 2022 um 05:45 Uhr.