Opel-Werk in Bochum
Interview

Analyst Pieper rechnet mit Aus für Bochum "Opel ist fundamental krank"

Stand: 14.05.2012 17:29 Uhr

Opel kämpft noch immer mit großen Problemen. Die Werke sind schlichtweg nicht ausgelastet genug. Jürgen Pieper, Analyst beim Bankhaus Metzler, prophezeit im Gespräch mit tagesschau.de das Aus für den Standort Bochum und Kostenoptimierungen. Vermutlich werde Opel künftig eher Fahrzeuge entwickeln als bauen.

tagesschau.de: General Motors hat sich 2009 durch die gezielte Insolvenz gesund geschrumpft, viel Ballast abgeworfen und steht nun wieder gut da. Opel hat nach Einschätzung von Marktbeobachtern deutliche Überkapazitäten in der Produktion. Führt noch ein Weg an Werksschließungen vorbei?

Jürgen Pieper: Ich denke nicht. Opel ist letztlich doch fundamental krank. In der Vergangenheit wurden immer die entscheidenden Schritte vermieden, die Opel wieder auf gesunde Füße gestellt hätten. Man muss leider sagen, dass die Produktionskapazitäten bei Opel zu groß sind und die werden auch in den kommenden Jahren nicht gefüllt werden können. Pro Werk kommen einfach nicht genügend große Stückzahlen zustande. Nach meiner Ansicht führt nichts an der Schließung eines Standortes vorbei.

tagesschau.de: Es gibt ja nun eine Bestandsgarantie für die deutschen Werke bis 2014. Wie wird das Management die Zeit bis dahin überbrücken?

Pieper: Zunächst wird man wohl versuchen, mit traditionellen Methoden die Kosten weiter zu senken. Man wird also die Einkaufskonditionen neu verhandeln, man wird die Fluktuation bei den Mitarbeitern nutzen, um den Personalbestand leicht zu verringern. Aber auch auf der Produktseite wird man Einsparungen vornehmen. Doch das braucht lange Vorlaufzeiten. Bis der große Schnitt von Opel kommt, der in dieser Situation einfach kommen muss, in diesen zwei bis drei Jahren wird man versuchen, an den Kostenschrauben zu drehen.

Billig reicht langfristig nicht

tagesschau.de: Apropos Kostenschrauben. Dann besteht doch die Gefahr, dass das Billig-Image wieder stärker wird, das Opel ja immer loswerden wollte und dabei mit dem Insignia ja auch vergleichsweise erfolgreich war.

Pieper: Im Moment bleibt Opel leider keine andere Wahl. Um aus dieser Billigecke rauszukommen, braucht der Konzern in noch viel größerem Umfang attraktive Produkte. Die gesteht ihnen der Kunde aber nicht mehr wirklich zu. Opel ist von seiner Positionierung im Markt eher zu einem Billiganbieter geworden und steht im Wettbewerb mit den Franzosen und den Koreanern wie Hyundai. Da kommt Opel von heute auf morgen nicht raus, der Wille alleine reicht da leider nicht. Deswegen muss sich das Unternehmen aufstellen, wie es ein Preiswert-Anbieter eben tut: Das heißt Kostenoptimierung. Auf lange Sicht wird man als deutsches Unternehmen so aber auch keinen echten Erfolg haben können.

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Zur Person

Jürgen Pieper ist Analyst bei der Privatbank Metzler in Frankfurt/Main. Sein Arbeitsschwerpunkt ist die Automobilbranche.

GM will seine eigenen Marken schützen

tagesschau.de: Das große Problem von Opel sind ganz klar die strengen Vorgaben des US-Mutterkonzerns. So darf der Autobauer nur in Europa verkaufen, wobei die Wachstumsmärkte doch in Asien und Südamerika liegen. Man hat das Gefühl, GM hält Opel systematisch klein. Warum macht die Mutter das?

Pieper: Wirklich verständlich ist das in der Tat nicht. Denn Konzerne wie Volkswagen machen seit einiger Zeit vor, dass man am besten damit fährt, wenn man allen Marken freie Hand lässt. Natürlich steckt dahinter der Gedanke, dass die Amerikaner damit ihre eigenen Marken schützen wollen. So ganz schlüssig sind mir die Strategien von GM aber nicht.

tagesschau.de: Zur großen Krisenzeit bei GM, hieß es: Die Amerikaner brauchen Opel wegen des technologischen Know-hows der Deutschen. Gilt das inzwischen nicht mehr?

Pieper: Doch, das denke ich schon. Deswegen wir dein Standort Rüsselsheim auch in einer Krisensituation nicht in Frage gestellt. Man will die Entwickler an Bord halten. Opel hat ja auch klar gemacht, dass es da keine Abstriche geben wird. Diesen deutschen Touch will man so weit wie möglich retten. Für die Produktionsstandorte gilt das aber nicht.

Nur noch Entwicklung bei Opel?

tagesschau.de: Sieht die Zukunft der deutschen Opelaner so aus, dass sie zusehends nur noch entwickeln werden, aber nicht mehr produzieren?

Pieper: Ja, der Akzent wird ganz klar verschoben auf die Entwicklung. Die Herstellung wird in Ostdeutschland bestehen bleiben, in einem gewissen Umfang auch in Rüsselsheim. Das wird auch nicht in Frage gestellt werden, zumal es sich bei Eisenach um ein sehr modernes Werk handelt. Bochum hingegen, wo ja seit einiger Zeit immer wieder Verluste eingefahren werden, wird in dieser Krise wohl geopfert werden.

tagesschau.de: Im Gespräch ist, dass für einen Abzug der Entwicklung des Zafira nach Frankreich im Gegenzug Projekte von Peugeot und Citroen nach Rüsselheim verlagert werden. Das klingt wie ein bizarrer Rundtausch. Ist so etwas sinnvoll?

Pieper: Es ist eine Kooperation vereinbart zwischen Opel und Peugeot, und da ist schon sinnvoll, wenn man Aktivitäten konzentriert. Peugeot hat beispielsweise eine ganz gute Expertise bei Kleinwagen, sie sind Opel in diesem Bereich sogar etwas überlegen. Peugeot konzentriert sich also mehr auf Kleinwagen, vielleicht auch die Entwicklung von Dieselmotoren. Opel wiederum steht etwas besser da, wenn es um Limousinen geht, wie der Insignia zeigt. Eine Neuverteilung erscheint da durchaus sinnvoll. Ich glaube nicht, dass Opel dabei etwas zu verlieren hat.

tagesschau.de: Mal hypothetisch gefragt: Wäre Opel damals tatsächlich verkauft worden, stünde das Unternehmen heute besser da?

Pieper: Allein hätte Opel derzeit sicher keine Chance, so wie das Unternehmen aufgestellt sind. Das ist eine Illusion, die man ganz schnell vergessen sollte. Dafür ist Opel viel zu klein und viel zu wenig leistungsfähig. Ein idealer Partner wäre nach meiner Einschätzung ein asiatischer Konzern, der Opel als seine große Vertretung in Europa positioniert. In Frage käme da einer der koreanischen Konzerne oder ein japanischer, vielleicht auch einer oder zwei der leistungsfähigen Hersteller aus China. Ein europäischer Partner wie Fiat wäre eventuell noch gegangen. Die Konstellation mit dem kanadisch-österreichischen Zulieferer Magna, die ja lange favorisiert wurde, die habe ich schon damals für abenteuerlich gehalten. Inzwischen ist Magna ja selber auch etwas in die Krise geraten.

Das Interview führte Patrick Döcke.

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KOMMENTARE

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EinPragmatiker 15.05.2012 • 00:57 Uhr

Zum VW-Vergleich: Selbe Taktik wie GM

Hat VW neulich nicht den Vorstand von Skoda ausgetauscht, weil Skoda zu erfolgreich geworden ist und die Absaetze von VWs in Gefahr bringt? Skoda solle sich in Zukunft auf billige und kleine Autos konzentrieren. So viel zur freien Hand. Ich sehe da keinen grossen Unterschied zu GM. Man macht erfolgreiche Firmen oder Unternehmen mit Potential kaputt, um sein Stammgeschaeft kuenstlich konkurrenzfaehig zu halten.