Eine Hospizmitarbeiterin hält die Hand eines todkranken Menschen, der im Hospiz im Bett liegt. | Bildquelle: dpa

Häusliche Pflege Exodus der Helfer

Stand: 08.04.2020 04:41 Uhr

Viele Betreuer in der häuslichen Pflege haben mit der Corona-Krise das Land verlassen und können nicht mehr einreisen. Hunderttausende Helfer könnten nach den Osterferien in Deutschland fehlen.

Von Lisa Wreschniok und Claudia Gürkov, BR

Der Vater von Damaris Schulz-Pöpel aus Ansbach ist pflegebedürftig. Nur mit Hilfe zweier 24-Stunden-Kräfte aus Polen konnte er bis vor Kurzem trotz seiner fortschreitenden Demenz noch in seinem Zuhause in Bonn leben. "Dann kam Corona nach Europa. Und plötzlich hatten wir niemanden mehr für meinen Vater", sagt Schulz-Pöpel.

Eine Betreuerin wurde panisch, als sie eine Erkältung bekam, und reiste vorzeitig ab. Die Kollegin, die sie ablösen sollte, traute sich aber nicht nach Deutschland. Sie fürchtete, sich auf der rund 1000 Kilometer langen Reise mit dem Coronavirus zu infizieren und den alten Mann anzustecken oder selbst nicht mehr zurück nach Hause zu können. Nur mit viel Glück konnte Schulz-Pöpel für ein paar Wochen einen Kurzzeitpflegeplatz in einem Heim ergattern. Was danach kommt, ist ungewiss.

Viele Pflegehelfer sitzen fest

In Deutschland arbeiten vor allem 24-Stunden-Kräfte aus Osteuropa, etwa aus Polen, Rumänien oder Kroatien. Nun aber gibt es vielerorts strenge Ausgangssperren, Reisebusse fahren nicht mehr, an den Grenzen wird kontrolliert.

Viele Pflegehelfer sitzen fest. Der Verband für häusliche Betreuung und Pflege (VHBP), in dem Vermittlungsagenturen organisiert sind, schlägt Alarm.

Geschäftsführer Frederic Seebohm fürchtet, dass nach den Feiertagen zwischen 100.000 und 200.000 Pfleger in der häuslichen Betreuung fehlen: "Bei den legalen Betreuungspersonen beobachten wir einigermaßen Stabilität", sagt er. "Das heißt, die Betreuungspersonen wissen zu schätzen, dass sie hier krankenversichert sind. Sie können noch überzeugt werden zu bleiben - aufgrund der guten Betreuung und Beratung durch die Agenturen." Im illegalen Bereich, und das sei der größte Teil des Marktes, würde beobachtet, dass zahlreiche Betreuungspersonen Hals über Kopf abreisten und nicht ersetzt werden könnten.

Illegale Beschäftigung rächt sich in der Corona-Krise

Bis zu 300.000 Haushalte in Deutschland beschäftigen 24-Stunden-Kräfte. Allerdings arbeiten 90 Prozent der Betreuerinnen schwarz, schätzen Pflegeexperten. Ohne Arbeitspapiere dürfen sie nach Angaben der Bundespolizei nicht mehr einreisen.

Bleiben die häuslichen Betreuer fern, werde die 24-Stunden-Pflege zusammenbrechen, warnt Professor Michael Isfort vom Deutschen Institut für angewandte Pflegeforschung (dip) in Köln: "Die sind systemrelevant - und zwar unabhängig davon, ob sie legal über Beschäftigungsverhältnisse hier in den Haushalten arbeiten oder ob sie irregulär beschäftigt sind."

Kaum ein Heim hat Quarantänezimmer

Der Pflegeforscher bemängelt, dass ein branchenübergreifender Pandemieplan fehle. Neben den ambulanten Pflegediensten und der ambulanten Intensivpflege habe man auch den großen Bereich der häuslichen Pflege vergessen, kritisiert Isfort. Um einen Pflegenotstand zu verhindern, müssten nun Soforthilfen her. Städte und Landkreise sollten Hotlines für Betroffene und ihre Familien einrichten und die Kapazitäten von ambulanten Pflegediensten und Heimen zentral steuern.

Die Alternativen zur häuslichen Betreuung, wie Alten- und Pflegeheime, fallen zunehmend weg. So haben die Bundesländer Bayern und Niedersachsen bereits einen Aufnahmestopp für Pflegeheime verhängt, um Neuinfektionen mit dem Corona-Virus zu vermeiden. Ausgenommen sind Einrichtungen, die für neue Bewohner eine 14-tägige Quarantäne garantieren können. Nach BR-Recherchen ist das zum jetzigen Zeitpunkt in kaum einer Einrichtung möglich. Selbst Heimbewohner, die vorübergehend im Krankenhaus liegen, dürfen nur in ihr Pflegeheim zurück, wenn sie dort isoliert werden.

Vorbild Österreich

Ein Blick über die Grenze zeigt, dass es auch anders geht: Österreich hat seit 2007 das Hausbetreuungsgesetz, das weitestgehend Rechtssicherheit für Betreuer und Betreute schafft. Außerdem gibt es zusätzlich zum Pflegegeld einen monatlichen Zuschuss von bis zu 550 Euro. Schwarzarbeit in der häuslichen Pflege ist kaum mehr ein Problem.

In der Corona-Krise hat Österreich einen Sonderfonds aufgelegt, mit dem Pflege-Hotlines eingerichtet und in den nun leerstehenden Reha-Kliniken Notplätze für Pflegebedürftige geschaffen werden. Die Regierung in Wien hat außerdem einen Bonus von 500 Euro für jede Betreuungskraft beschlossen, die ihren Vertrag trotz Corona-Krise um mindestens vier Wochen verlängert.

Über dieses Thema berichtete B5 aktuell am 08. April 2020 um 08:36 Uhr.

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