Eine Pflegerin schiebt einen Patienten im Rollstuhl. | dpa

Pflegeeinrichtungen Impfpflicht selbstgemacht

Stand: 27.02.2022 05:58 Uhr

Ab Mitte März gilt die Impfpflicht gegen das Coronavirus in Pflege und Medizin. Für Pflegeheime in mehreren Bundesländern gibt es sie schon. Von Einrichtungen selbst eingeführt - mit Erfolg.

Von Markus Pfalzgraf, SWR

Erst wollte er auf den Gesetzgeber warten, doch dann fing er einfach selbst an: Kaspar Pfister ist Inhaber einer privaten Pflegeheim-Gruppe in Baden-Württemberg. Was jetzt im März zur Regel wird, gilt bei ihm schon seit Jahresende: Die BeneVit-Gruppe aus dem schwäbischen Mössingen hat im November eine Impfpflicht gegen das Coronavirus für die eigenen Beschäftigten eingeführt und sie im Dezember durchgesetzt.

Der Gesellschafter und Geschäftsführer würde es wieder tun, mit dem Wissen von heute hätte er sogar noch früher gehandelt. "Ich werde deshalb den richtigen Weg nicht verlassen. Unsere Bewohner wie auch meine Mitarbeiter sind jetzt, so gut es möglich ist, geschützt", sagt Kaspar Pfister. "Obwohl sich Geimpfte anstecken können, bleibt der Verlauf überwiegend symptomfrei. In manchen Häusern führen wir schon Kampagnen für die vierten Impfungen durch."

Immer weniger Freistellungen Ungeimpfter

Die Gruppe betreibt Pflegeheime und ähnliche Einrichtungen in Baden-Württemberg, Bayern, Hessen, Niedersachsen und im Saarland an insgesamt mehr als 30 Standorten. Von den derzeit rund 1700 betroffenen Mitarbeitenden sind laut aktuellen Angaben des Unternehmens 98 Prozent grundimmunisiert oder genesen. Mehr als zwei Drittel der Beschäftigten hatten eine Auffrischungsimpfung.

Im November hatte Inhaber Pfister für seine Einrichtungen beschlossen, dass ungeimpfte Mitarbeitende ab Dezember freigestellt werden würden. Das gilt für alle Beschäftigten - egal, ob sie direkt in der Pflege oder in der Verwaltung arbeiten. Denn alle Mitarbeitenden hätten Kontakt mit pflegebedürftigen Menschen, wie eine Sprecherin der BeneVit-Gruppe erklärt. Ihren Angaben zufolge sind derzeit noch 32 Personen freigestellt, weil sie nicht oder nicht ausreichend geimpft sind oder keine Angaben dazu gemacht haben. Darunter seien neun Pflegekräfte. Nach und nach sinke die Zahl der Freistellungen. Die Freigestellten würden weiterhin bezahlt.

Pflegekräfte kehren zurück

Im Heim "Haus Reichberg" auf der Schwäbischen Alb sind alle vier ungeimpften Pflegekräfte inzwischen wieder zurück - fast schon reumütig. "Die letzte Mitarbeiterin, die jetzt frisch geimpft zurückkam, ärgert sich, dass sie sich nicht schon früher hat impfen lassen," sagte Heimleiterin Corinna Sauter im SWR: "Wir sind jetzt froh, dass sie zurück ist." Sauter meint, Pflegekräfte müssten sich durch die Impfpflicht nicht als Opfer sehen - im Gegenteil: "Wir sind systemrelevant, mehr denn je. Und das sollten wir jetzt beweisen."

Das "Pflegebündnis in der Technologieregion Karlsruhe" sieht das anders. Dort werden Personalausfälle befürchtet. Pflegekräfte fühlten sich außerdem stigmatisiert, wenn nur sie einer Impfplicht unterliegen würden, nicht aber die übrige Bevölkerung. Diese Kritik ist häufiger zu hören: Vor allem solange es keine allgemeine Impfpflicht gibt, fühlen sich Beschäftigte in der Pflege für ihre Arbeit gerade in der Pandemie nicht ausreichend gewürdigt.

"Wichtiger Baustein in der Prävention"

Dass die Impfpflicht jetzt erneut in der Diskussion ist, sieht der BeneVit-Inhaber dagegen als "klatschende Ohrfeige" für "alle, die sich fürs Impfen eingesetzt haben". Pfister meint: "Die Impfpflicht ist ein wichtiger Baustein in der Prävention, und viele haben dies auch so akzeptiert und einfach getan, weil wir uns der Verantwortung für pflegebedürftige Menschen, aber auch für Kolleginnen und Kollegen bewusst sind." Wer sich jetzt verweigere, zwinge den Staat in die Knie, "und die 98 Prozent wie bei BeneVit, die sich haben impfen lassen, werden ignoriert".

Der letzte Anstoß kam durch Fälle in den eigenen Einrichtungen: Dort hatte es Corona-Ausbrüche gegeben. In einem Mannheimer Pflegeheim von BeneVit starben im Dezember 13 Menschen, die dort betreut wurden. Nach Angaben der Leitung hätten Angestellte sich im privaten Umfeld angesteckt und unwissentlich das Virus in die Einrichtung getragen. Die Staatsanwaltschaft nahm Ermittlungen auf. Insgesamt starben 45 Menschen in den Einrichtungen, davon auch ein Mitarbeiter.

Mit der strikten, eigenen Impfpflicht hat der Betreiber gute Erfahrungen gemacht. Trotzdem fragt sich Inhaber Pfister im Nachhinein, ob er durch eine frühere, konsequente Impfpflicht nicht noch mehr Leben hätte retten können.

Über dieses Thema berichtete SWR4 BW (Regional) aus dem Studio Tübingen am 16. Februar 2022 um 16:00 Uhr.