Eine Krankenpflegerin zieht sich auf der Covid-19-Station des Krankenhauses Bethel Berlin eine Schutzausrüstung an. | dpa

Überlastung in Kliniken Pflegekräfte hadern mit ihrem Job

Stand: 08.04.2021 11:22 Uhr

Viele Pflegekräfte würden gerne aus dem Job aussteigen. Noch hindert sie das Pflichtgefühl, es zu tun. Droht nach Corona eine Kündigungswelle?

Von Iris Völlnagel, SWR

Eigentlich habe er den schönsten Job der Welt, meint Christoph Becker. Der 28-Jährige ist gelernter Krankenpfleger und Fachkraft für Intensivpflege. Trotzdem hadert er mit dem Job, möchte am liebsten kündigen und sich etwas anderes suchen. "Ich liebe meinen Beruf, aber man muss immer mehr Aufgaben nebenher erledigen. Es sind immer mehr Patienten, aber immer weniger Zeit für die Patienten".

Iris Völlnagel

Das sei frustrierend. Hinzu kämen die wechselnden Arbeitszeiten, Wochen- und Feiertagsdienste, die sich schlecht mit Familien und Freundeskreis vereinbaren lassen. Vielen Jüngeren fehle auch die Perspektive, so der Krankenpfleger. Oft frage er sich, ob er im Alter diesem Stress noch gewachsen sei. Für ihn gibt es derzeit deshalb nur eine Lösung: sich früher oder später nach einem anderen Job umsehen.  

So wie ihm geht es in der Branche derzeit vielen. Einer Umfrage des Deutschen Berufsverbands für Pflegeberufe zufolge gaben 32 Prozent von knapp 3600 Befragten an, häufiger darüber nachzudenken, ihren Pflegeberuf aufzugeben. Fast ein Drittel der Befragten arbeiten auf einer Intensiv- oder Covid-19-Station. Fachgesellschaften und Politik sind alarmiert. Der Pflegebevollmächtigte der Bundesregierung, Andreas Westerfellhaus, warnt vor "katastrophalen Folgen". Möglicherweise komme die Kündigungswelle auch erst nach Corona, befürchten Berufsverbände. Ob sie kommen wird, hänge auch davon ab, welche anderen Beschäftigungsmöglichkeiten die Pflegekräfte haben, glaubt Irene Maier, Vize-Präsidentin des Deutschen Pflegerats e.V.  

Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit hörten zwischen April und Juli 2020 rund 9000 Krankenpflegerinnen und -pfleger mit ihrem Job auf. Von einer großen Kündigungswelle könne trotzdem keine Rede sein, so ein Agentur-Sprecher. Im Gegenteil: Das Gesundheitswesen und auch die Pflege gehöre zu den wenigen Branchen, die ohne Beschäftigungsverluste durch das letzte Jahr gekommen sei. Aktuell geht die Behörde von rund 1,1 Millionen Krankenpflege- und rund 615 000 Altenpflegekräften aus, Tendenz steigend. Dennoch müsse die Arbeitssituation sich dringend verbessern, fordert der Deutsche Pflegerat e.V., nicht zuletzt auch, weil im Lauf der kommenden zehn bis zwölf Jahre rund eine halbe Million der Pflegekräfte das Rentenalter erreichen werde.

"Man fühlt sich im Stich gelassen" 

Wie viele seiner Kolleginnen und Kollegen hat auch Christoph Becker seinen Job einst mit Überzeugung begonnen. Helfen wollte er, keinen Bürojob haben und für andere da sein. Inzwischen ist der 28-Jährige sehr enttäuscht. "Es gab so viele Versprechungen, dass es anders wird, dass es angegangen wird. Bei Bundes- und Landtagswahlen wird sich für die Pflege stark gemacht, aber es ändert sich nichts." Dabei sei die Situation nicht erst seit Corona belastend, der Frust war schon vorher da.

"Jetzt bekommt man Applaus gespendet, unser Beruf ist so wichtig, man ist systemrelevant, aber es passiert einfach nichts. Man fühlt sich im Stich gelassen, als Alleinkämpfer." Corona habe lediglich gezeigt, dass das System an seine Grenzen kommt: "Wir müssen für die Menschen da sein, das ist, was viele Krankenpfleger motiviert. Aber danach hat man eine Erwartung, dass andere dann auch solidarisch für die Pflegekräfte da sind."

Bis zu 80.000 neue Stellen nötig

Um in seinem Job zu bleiben, brauche es vor allem eines, meint Becker: mehr Kollegen und Kolleginnen und andere Arbeitszeitmodelle - "um die Arbeit stressfreier zu gestalten, damit andere zurückkommen und ich den Beruf wieder gerne ausübe". Natürlich müsse der Beruf auch entsprechend entlohnt werden. Berufsverbände fordern deshalb ein Einstiegsgehalt von 4000 Euro, derzeit liegt es durchschnittlich bei 2200 bis 2700 Euro.

"Jeder hat eine Mutter und einen Vater und möchte die gut versorgt wissen. Warum dann nicht die, die das tun, auch gut bezahlen?", fragt Becker. Darüber hinaus braucht es nach Berechnungen des Deutschen Pflegerats in den Krankenhäusern 40.000 bis 80.000 zusätzliche Stellen. Eine Lücke, die im Moment ohne die Akquise von ausländischen Fachkräften nicht zu schließen sei, meint Irene Maier vom Deutschen Pflegerat. Dennoch ist sie davon überzeugt, dass mit einer besseren Personalausstattung viele Pflegekräfte, die derzeit in Teilzeit arbeiten, weil sie sonst die Belastung nicht aushalten, wieder bereit wären, Vollzeit zu arbeiten. 

Zu wenig Spielraum für eigene Entscheidungen

Es müsse aber auch darüber nachgedacht werden, welche Mitgestaltungsmöglichkeiten die Pflegenden bekommen könnten, so Maier. "Wir haben viele qualifizierte Pflegekräfte, die über ein großes Know-how verfügen, das haben wir noch lange nicht eingebunden, dass die Pflegekräfte dies in eigenverantwortlichen Aufgaben mitgestaltend einbringen können." Auch das könne dazu beitragen, dass Pflegende im Beruf bleiben.

Der Pflegebeauftragte der Bundesregierung, Andreas Westerfellhaus, betont im Interview mit den ARD-Tagesthemen, die Fachweiterbildungen müssen sich lohnen. "Wir haben zertifizierte Wundmanagerinnen und Wundmanager. Sie dürfen aber keine eigenen Entscheidung treffen, welcher Verband kommt drauf, geschweige denn, dass sie dafür ein eigenes Budget haben. Sie müssen dann als Bittsteller zum Arzt gehen, es verschreiben lassen und hoffen, dass das Verständnis dafür auch da ist." Das sei keine Form der Wertschätzung, kritisiert Westerfellhaus. 

Auch Christoph Becker wünscht sich eine Perspektive. "Vielleicht ist es besser, nicht andere zu pflegen, sondern sich selbst." So wie das System derzeit ist, müsse er aufpassen, nicht selbst krank zu werden.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 07. April 2021 um 22:15 Uhr.