Ein Arbeiter prüft die Leitungen für die Ostsee-Pipeline
Interview

Interview zur Ostsee-Pipeline "Abhängigkeit hat uns nicht geschadet"

Stand: 09.04.2010 15:31 Uhr

Die ersten Rohre sind schon verlegt, nun hat der Bau der Ostsee-Pipeline auch offiziell begonnen. Über 1200 Kilometer soll sie Gas vom russischen Wyborg nach Lubmin bei Greifswald (Mecklenburg-Vorpommern) bringen. Wächst durch die Nord Stream Pipeline die Abhängigkeit von Moskau? Darüber sprach tagesschau.de mit dem Russland-Experten Alexander Rahr.

tagesschau.de: Welche Vorteile hat Deutschland durch die Nord Stream Pipeline?

Alexander Rahr: Deutschland bekommt durch die Pipeline direkt Gas aus Russland. Die Transitprobleme der vergangenen Jahre werden nicht mehr auftreten. Faktisch wird Deutschland zur wichtigsten Drehscheibe zur Verteilung des russischen Gases in Westeuropa. Davon erhoffen sich die beteiligten Energieunternehmen natürlich größere Gewinne. Zugleich soll sie westlichen und vor allem deutschen Firmen ermöglichen, im Nordwesten Russlands gemeinsam mit russischen Firmen Gas zu fördern. Sie sollen sich dort etablieren und irgendwann selbst Gas auf dem Binnenmarkt verkaufen können. Insofern ist die Ostseepipeline auch ein Band nach Russland. Sie führt westliche Firmen in Föderstätten, in denen sie bislang nicht angesiedelt waren.

Russlands Präsident Medwedjew

Festakt zum offiziellen Baustart der Ostseepipeline: Russlands Präsident Dimitri Medwedjew schrieb "Viel Glück" auf eine Röhre.

tagesschau.de: Damit wächst aber auch die Abhängigkeit vom russischen Gas. Ist diese Entwicklung gefährlich?

Rahr: Wir Deutsche sind seit den 70er-Jahren in einer festen Energieallianz mit Russland. Diese Abhängigkeit hat uns nicht geschadet. Die Gaskriege zwischen Russland und der Ukraine bzw. Weißrussland haben das deutsch-russische Verhältnis nicht beschädigt. Deshalb ist Deutschand auch in die Offensive gegangen und hat den Bau der Pipeline vorangetrieben. Die Angst vor der Abhängigkeit ist zudem übertrieben. Auf dem Gasmarkt vollzieht sich eine Revolution. Sollte das russische Gas ausfallen, kann man es aus anderen Teilen der Welt mit Flüssiggastankern herbeischaffen. Außerdem hat man in den USA begonnen, nicht-konventionelles Gas zu fördern. Möglicherweise beginnt man auch in Europa bald damit und kann dann unabhängiger vom russischen Gas werden.

Alexander Rahr
Zur Person

Alexander Rahr ist Leiter des Kompetenzzentrums für Russland, Ukraine, Belarus und Zentralasien bei der Gesellschaft für Auswärtige Politik in Berlin und Mitglied des Lenkungsausschusses des Petersburger Dialogs. Er hat zahlreiche Publikationen über Russland veröffentlicht.

tagesschau.de: Gerade der Gasstreit mit der Ukraine hat aber wiederholt Ängste befeuert, die russische Führung könne im Krisenfall doch am Gashahn drehen. Für wie wahrscheinlich halten Sie das?

Rahr: Das war eine spezielle Variante der russisch-ukrainischen und der russisch-weißrussischen Beziehungen. Diese Länder haben sich geweigert, Weltmarktpreise für Gas zu zahlen. Dafür haben sie die Quittung bekommen, weil Europa zu der Einsicht gelangt ist, dass 80 Prozent der Gaslieferungen nicht über ein unsicheres Transitland wie die Ukraine gehen sollten. Insofern hat der Streit auch Argumente für den Bau der Nord Stream Pipeline geliefert. Aber natürlich haben diese Konflikte Russland in Westeuropa geschadet, weshalb die Bemühungen um Alternativen wie die Nabucco-Pipeline intensiver geworden sind.

Ein Arbeiter prüft die Leitungen für die Ostsee-Pipeline

In Prenzlau in der Uckermark haben die Arbeiten für die Anbindungs-Leitung zur Ostsee-Pipeline begonnen.

Westen muss hysterische Ängste vertreiben

tagesschau.de: Polen und andere mittel-osteuropäische Staaten haben lange gegen die Pipelinepläne gekämpft. Was bedeutet der Bau für sie?

Rahr: Diese Länder sehen das Erdgasgeschäft mit Russland fast ausschließlich unter politischen Aspekten. Hier gibt es eine nahezu hysterische Angst vor einer möglichen Abhängigkeit von Russland. Die "alten" westlichen Staaten in der NATO müssen deshalb das Vertrauen in diesen Staaten wiederherstellen und ihnen klarmachen, dass hinter ihrem Rücken nichts mit Russland vereinbart wird, was sich gegen ihre Interessen richtet.

Polen hat versucht, aus irrationalen Gründen die Ukraine als Puffer gegen Russland zu halten und deshalb einseitig Kiew unterstützt. Jetzt sind Polen und die baltischen Staaten von den unsicheren Transitstaaten Ukraine und Weißrussland abhängig. Aber der Bau der Pipeline gefährdet sie nicht. In Polen vermutet man große Vorkommen nicht-konventionellen Gases. Es könnte sein, dass sich das Land am Ende selbst versorgen kann.

Karte Deutschland Polen Russland

Karte Deutschland Polen Russland

tagesschau.de: Hätte Gasprom aber nicht mehr tun können, um diesen Empfindlichkeiten, die ja eine lange Vorgeschichte haben, zu dämpfen?

Rahr: In den mittel-osteuropäischen Staaten ist das Projekt als eine Neuauflage des Hitler-Stalin-Pakts bezeichnet worden. Das war nicht akzeptabel, und dazu hat auch die deutsche Seite zu lange geschwiegen. Aber diese Probleme sind aus der Welt geschafft. Auch in Polen gibt es nun einen vernünftigeren Blick auf Russland. Man darf auch nicht vergessen, dass ihnen 2002 von Russland angeboten worden ist, das bestehende Gasleitungssystem zu erneuern und dann gemeinsam zu betreiben. Dann wäre Polen zu einer Drehscheibe geworden. Das wurde aber brüsk aus politischen Gründen abgelehnt.

Gasbedarf bleibt langfristig hoch

tagesschau.de: Die Prognosen für den Gasverbrauch sind infolge der Wirtschaftskrise gesunken. Kann es dazu kommen, dass durch die Pipeline mehr Gas transportiert – und dann auch abgenommen werden muss, als der Markt braucht?

Rahr: Dieses Argument hört man seit der Finanzkrise überall. Vor zwei Jahren hat man noch einen Gasmangel vorausgesagt. Der Gasmarkt verändert sich tiefgreifend. Aus allen Teilen der Welt kann Gas nach Europa kommen. Es entwickelt sich ein Spotmarkt - man kann Gas überall kaufen, nicht nur in Russland. Das könnte irgendwann das Ende für die langfristigen Verträge bedeuten. ich glaube, dass wir das Gas weiter in den vereinbarten Mengen brauchen werden, wenn unsere Wirtschaft nach dem Finanzkrach wieder wachsen soll. Die Konzerne werden den Teufel tun und Milliarden in ein Projekt stecken, das auf Sand gebaut ist.

Das Interview führte Eckart Aretz, tagesschau.de