Ein DHL-Mitarbeiter verlädt Päckchen und Pakete von Halle der neuen Zustellbasis des Postzustellers Deutsche Post DHL in Norderstedt (Schleswig-Holstein) in sein Zustellfahrzeug

Gratis-Retouren führen zu Paketflut Bestellwut sorgt für hohe Kosten

Stand: 19.12.2013 18:31 Uhr

Der Onlinehandel boomt, gerade zu Weihnachten. Viele Kunden lockt vor allem eine Option: die Sachen bei Bedarf gratis wieder zurückzuschicken. Doch dieses Modell belastet Umwelt, Einzelhändler, Paketdienste - und die Onlinehändler selbst.

Von Alexander Steininger, tagesschau.de

Dunkle Fensterscheiben statt leuchtender Auslage - aus Protest verhängten zahlreiche Geschäftsleute im Hamburger Grindelviertel vergangene Woche ihre Schaufenster mit Papier. Sie wollten die Menschen so darauf hinweisen, dass der Onlinehandel ihre Existenz bedroht. "Teilweise probieren die Leute Sachen bei uns an, fotografieren dann den Barcode ab, um zu schauen, was der Schuh im Internet kostet. Sowas macht mich schon ein bisschen wütend", sagt der Schuhhändler Jimmy Blum von der Initiative Grindel e.V.

Zwar macht der Onlinehandel nur zehn Prozent des Umsatzes des gesamten Einzelhandels aus. Seit 2008 hat sich sein Anteil daran aber fast verdoppelt. Und Bereiche wie Mode, Unterhaltungselektronik oder Bücher sind besonders betroffen.

Grafik: Einzelhandel im Weihnachtsgeschäft
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Die Umsätze des gesamten Einzelhandels sind in den letzten zehn Jahren nur moderat gestiegen ...

Grafik: Onlinehandel im Weihnachtsgeschäft
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... während der Onlinehandel seine Umsätze im gleichen Zeitraum fast verdreifachen konnte.

Als "Showroom missbraucht"

Die Läden im Grindelviertel haben aber noch ein ganz anderes Problem. "In unserem Haus wohnen 30 Parteien, die alle fleißig online bestellen. Wenn die jetzt aber nicht zu Hause sind, landen die Pakete bei uns", erzählt Blum. So wird er unfreiwillig zur Paketstation der ungeliebten Online-Konkurrenz. "Wir fühlen uns als Showroom missbraucht."

Für seinen Schuhladen hatte Jimmy Blum zeitweise auch einen Onlinehandel mit Gratis-Retour aufgebaut. Er musste ihn nach kurzer Zeit jedoch wieder einstellen - durch die immensen Portokosten war der Versand nicht profitabel. "Einige Pakete kamen ungeöffnet wieder zurück", berichtet der Unternehmer. Sein Eindruck: "Seit es Gratis-Retouren gibt, bestellen viele Menschen einfach drei Pakete, von denen sie zwei wieder zurückschicken - es kostet sie ja schließlich nichts."

Rücklauf von 50 Prozent

Der Onlinehändler Zalando gibt an, dass von den gut eine Million Paketen pro Monat jedes zweite Paket wieder zurückgeschickt wird. Laut einer Studie der Uni Regensburg haben vier von zehn Verbrauchern bereits beim Kauf die Absicht, Pakete wieder zurückzuschicken. Wie stark die Rücknahmen in den Bilanzen zu Buche schlagen, oder was mit den Waren - die gegebenenfalls bis zu 14 Tage in Gebrauch waren - danach geschieht, möchte keines der großen Unternehmen preisgeben.

Die vielen Rücknahmen bedeuten zu allererst mehr Arbeit für die Paketzusteller. Auslieferer von DHL, DPD oder UPS bewegen bis zu fünf Tonnen an Paketen täglich. Dafür erhalten sie oftmals nur einen kargen Stundenlohn von wenigen Euro.

Retouren belasten Umwelt

Die Gratis-Retouren bedeuten aber auch eine stärkere Umweltbelastung. Denn jedes zurückgeschickte Paket bedeutet mehr CO2-Ausstoß. Ein durchschnittliches DHL-Paket, so hat das Unternehmen errechnet, verursacht 500 Gramm CO2. Das entspricht einer Strecke von 3,5 km mit einem durchschnittlichen Pkw. Wenn man aber die Retouren mit einrechnet und bedenkt, dass es häufig mehrere Anläufe braucht, bis eine Sendung ihren Empfänger erreicht, verschlechtert sich die eigentlich gute Ökobilanz des Versandhandels erheblich.

Genaue Studien zur Ökobilanz fehlen zwar bislang, weil dies sehr stark vom konkreten Produkt und der Region abhängt, in die geliefert wird. Experten vom Fraunhofer-Institut für Logistik gehen aber davon aus, dass die zusätzlichen Retouren durchaus eine Umweltbelastung darstellen.

Einkaufszentrum
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Viele Menschen schauen sich Produkte erst im Laden an, bevor sie sie dann doch im Internet bestellen, glauben Experten.

Außerdem fahren viele Menschen trotzdem in die Stadt, um sich die Waren im Laden anzuschauen, bevor sie sie dann häufig doch online bestellen, schätzt der Verkehrsclub Deutschland. Deshalb raten der Bund für Natur und Umweltschutz (BUND) oder Initiativen wie co2online dazu, sich für eine der beiden Einkaufsarten zu entscheiden - und beim Bestellen im Internet die Retourenquote so gering wie möglich zu halten.

Hohe Kosten für Rücknahmen

Letzten Endes könnten die hohen Kosten der Gratis-Rücknahme auch die Händler selbst schädigen. Laut der Regensburger ibi-Studie kostet eine Rücksendung den Händler bis zu 10 Euro. Jedes zehnte Produkt ist nach der Rücksendung zudem unbrauchbar. Der Otto-Versand hat deshalb bereits verschiedene Strategien erarbeitet, die Retourenquote zu senken. "Retouren sind nicht nur ein wirtschaftlicher Faktor, sondern belasten auch die Umwelt. Seit einiger Zeit sensibilisieren wir unsere Kunden dafür deshalb mit einem Umwelthinweis", erklärt der Konzern. 

Ein DHL-Mitarbeiter verlädt Päckchen und Pakete von Halle der neuen Zustellbasis des Postzustellers Deutsche Post DHL in Norderstedt (Schleswig-Holstein) in sein Zustellfahrzeug
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Für die Mitarbeiter der großen Paketdienste bedeutet die Weihnachtszeit häufig zusätzlichen Aufwand.

Der deutsche Onlinehändler Zalando hat seinen Umsatz in den letzten Jahren kontinuierlich gesteigert. Zuletzt lag der Wert bei weit über einer Milliarde Euro. Das Unternehmen dürfte in diesem Jahr jedoch trotzdem rote Zahlen schreiben, schätzen Wirtschaftsexperten. Ein Grund sind die Investitionen in etwa ein neues Logistikzentrum. Aber auch die hohen Kosten für das Geschäftsmodell der Gratis-Retour könnten eine Rolle spielen.

Viele kleinere Online-Händler denken bereits darüber nach, die Gratis-Rücknahmen wieder einzustellen. Dann jedoch, so die Befürchtung, könnten sie von den großen Konzernen wie Amazon oder Zalando aus dem Markt gedrängt werden.

Auch der Hamburger Ladeninhaber Jimmy Blum glaubt, dass Händler, die heutzutage keine Gratis-Retour anbieten, im Nachteil sind. "Das  Einkaufsverhalten hat sich verändert, und wer diesen Service nicht bietet, bekommt das schnell zu spüren." Er glaubt deshalb, dass nicht nur die Händler sondern auch die Kunden anfangen müssten umzudenken.

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