Ein Junge löst am Computer in seinem Zuhause seine Schulaufgaben.

Privatstunden für Schüler Online-Nachhilfe boomt

Stand: 01.08.2021 09:08 Uhr

Weil viele Schüler nach mehreren Corona-Wellen große Lernrückstände haben, ist Online-Nachhilfe zu einem lukrativen Geschäft geworden. Doch nicht alle Eltern können sich die Angebote leisten.

Von Paul Materne, WDR

Wenn Alexandra Ludwig ihren Laptop in Heidelberg aufklappt, startet sie eine Tour durch ganz Deutschland. Die 24-jährige Studentin aus Heidelberg arbeitet als Nachhilfelehrerin in den Fächern Deutsch und Englisch. Vor Corona hat sie fest an einem Ort gearbeitet, doch mittlerweile läuft alles online, und sie hat Schüler in ganz Deutschland. Die Nachhilfe funktioniert trotz Distanz mindestens genauso gut. "Gerade weil die Schüler nicht, wie sie es gewohnt waren, vor einem Buch sitzen, sondern interaktiv vor einem Gerät, finden vor allem jüngere Schüler Online-Nachhilfe sogar interessanter", sagt Ludwig.

Obwohl viele Schüler gerade Ferien haben, hat die Nachhilfelehrerin gut zu tun. Es liegt schließlich ein Corona-Jahr mit Distanz- und Wechselunterricht hinter ihren Schützlingen, und die haben immer noch viel aufzuholen. In den Hochphasen des Homeschoolings war sie für Eltern teilweise die letzte Rettung: "Viele Eltern waren für jede Online-Hilfe dankbar, als in Präsenz gar nichts mehr ging."

Qualität schwer nachzuprüfen

Wegen den Corona-Wissenslücken wächst das Geschäft mit der Online-Nachhilfe: Allein der Anbieter Studienkreis Online-Nachhilfe verzeichnete 2020 viermal so viele neue Anmeldungen wie in den Vorjahren. "Insgesamt merken wir vor allem, dass die Skepsis in Bezug auf Online-Nachhilfe stark gesunken, wenn nicht sogar verschwunden ist", sagt Tobias Lampe vom Studienkreis Nachhilfe. Auch andere Anbieter wie zum Beispiel die interaktive Lernplattform "Sofatutor" bestätigen das: Die Nutzerzahl liege mittlerweile bei über einer Million, heißt es dort. Seit Beginn der Pandemie habe sich die Zahl mehr als verdoppelt. 

Neue Anbieter für Online-Nachhilfe kommen stetig dazu. Die Versprechen der Anbieter: preiswert, unverbindlich, große Lernerfolge. Bildungsforscher Michael Kerres sieht diesen Trend kritisch: "Bei manchen Online-Anbietern ist überhaupt nicht erkennbar, was das wirklich kostet, und es ist schwierig, etwas über die Qualität herauszukriegen." Denn: Anbieter von Online-Nachhilfe müssen sich nicht als Bildungsanbieter zertifizieren lassen.

Regierung plant Förderung

Schon vor fünf Jahren ergab eine Studie der Bertelsmann-Stiftung, dass in Deutschland etwa 880 Millionen Euro jährlich in Nachhilfeunterricht investiert werden. Aktuelle Zahlen, wie sich Corona auf das Geschäft mit der Nachhilfe ausgewirkt hat, gibt es noch nicht. Doch egal ob online oder vor Ort: Nachhilfe kostet Geld. Das kann zum Problem werden für Kinder, deren Eltern sich die privaten Stunden nicht leisten können. Bildungsforscher Kerres befürchtet, dass das die soziale Ungleichheit noch zusätzlich verschärft: "Die bisherigen Zahlen zeigen, das sich das Leute leisten, die sich das eben leisten können".

Im Frühjahr hatte Bildungsministerin Anja Karliczek (CDU) deshalb bereits ein großes Nachhilfeprogramm angekündigt, das im neuen Schuljahr starten soll. Das Geld dafür kommt vom Bund. Bis zu zwei Milliarden Euro hat die Ministerin in Aussicht gestellt. Michael Kerres hält es für den richtigen Weg, die Schulen miteinzubeziehen - sei es durch zusätzlichen Nachmittagsunterricht oder eben digitale Nachhilfe, die nicht privat finanziert werden muss.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 21. Juli 2021 um 07:49 Uhr.