Ngozi Okonjo-Iweala | Bildquelle: AFP

Kandidatin für Chefposten Wie Okonjo-Iweala die WTO verändern will

Stand: 09.11.2020 16:24 Uhr

Die Welthandelsorganisation hat die Entscheidung über ihre neue Chefin verschoben. Die favorisierte Nigerianerin Ngozi Okonjo-Iweala wäre die erste Afrikanerin an der Spitze der WTO. Wofür steht sie?

Von Caroline Hoffmann, ARD-Studio Nairobi

Einfach gestaltet sich die Besetzung nicht: Die Uneinigkeit, mit der die Welthandelsorganisation (WTO) schon seit Längerem kämpft, hat längst auch die Neubesetzung der Direktorenstelle erreicht. Nur eins ist sicher: Es wird eine Frau werden.

Eigentlich wollte die WTO am Montag tagen, doch jetzt hat sie die Entscheidung verschoben - bis auf Weiteres. Die Begründung: "die Gesundheitslage und aktuelle Ereignisse". Die besten Chancen auf das Amt hat derzeit die Nigerianerin Ngozi Okonjo-Iweala, auch wenn die noch amtierende Trump-Regierung sie nicht unterstützt.

Okonjo-Iweala will Welthandel gerechter machen

Insgesamt sieben Jahre war Okonjo-Iweala Finanzministerin in Afrikas größter Ökonomie Nigeria, verhandelte eine Reduktion der Schulden des Landes. 25 Jahre arbeitete sie als Entwicklungsökonomin für die Weltbank. Derzeit steht die 66-Jährige der Globalen Allianz für Impfstoffe und Immunisierung (Gavi) vor und sitzt im Vorstand von Twitter.

Ihr Ziel für die WTO: Okonjo-Iweala will den weltweiten Handel gerechter machen. "Wir brauchen eine Welthandelsorganisation, die zum Vorteil aller Mitglieder arbeitet, unabhängig von der Größe oder dem Grad ihrer wirtschaftlichen Entwicklung", erklärte sie im Juli den Mitgliedern der WTO bei ihrer Präsentation als Kandidatin. "Die am wenigsten entwickelten Länder sollten teilhaben können an regionalen und globalen Lieferketten." Gerade die Frauen und ihre Rolle im Handel in den Entwicklungsländern habe sie im Blick.

"Ich habe die richtige Kombination an Fähigkeiten"

Kritiker wie die USA werfen Okonjo-Iweala vor, sie habe nicht ausreichend Erfahrung im Bereich Handel. Dem entgegnet sie, ihre bisherige Arbeit habe immer auch Handel beinhaltet. Und Besetzungen aus dem Umfeld der Organisation hätten bisher keine Veränderung erbracht. "Es kann kein Weiter-so geben", sagte sie der britischen Zeitung "The Guardian" im September. "Es braucht niemanden, der nur die Probleme kennt und wie die Organisation arbeitet. Das haben wir versucht. Ich habe die richtige Kombination an Fähigkeiten."

Wie sie genau vorgehen will, lässt sie noch offen. "Ngozi Okonjo-Iweala hätte nicht so breite Unterstützung gefunden, wenn ihr Qualifikationen oder Fähigkeiten fehlen würden", erklärt Marianne Schneider-Petsinger von der Denkfabrik Chatham House. "Die Probleme des globalen Handelssystems sind nicht nur technischer Art, ihr politisches Durchsetzungsvermögen könnte ein wesentlicher Vorteil für die Rolle der Generaldirektorin sein."

USA verhindern bislang Entscheidung für Okonjo-Iweala

Noch blockieren die USA ihre Ernennung. Sie bevorzugen ihre Mitbewerberin Yoo Myung-hee, Handelsministerin in Südkorea. "Die USA lehnen sie nicht ab", erklärt Martha Getachew Bekele, Analystin für Ostafrika bei der Nonprofit-Organisation Development Initiatives. Aber: "Südkorea und die USA sind Verbündete, militärisch und wirtschaftlich. Für mich sieht es so aus, dass es eigentlich um China geht. Südkorea gilt bei der WTO nicht mehr als Entwicklungsland, auf Druck der Trump-Regierung. Das soll Druck auf China ausüben, zu folgen. Die Trump-Regierung glaubt möglicherweise, die südkoreanische Kandidatin könne ein guter Mediator zwischen den USA und China sein."

Eine Ernennung von Okonjo-Iweala gilt dennoch als wahrscheinlich, denn die überwältigende Mehrheit der 164 Mitglieder steht auf ihrer Seite, auch die Europäische Union.

Große Aufgaben für neue WTO-Chefin

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Die WTO steckt in einer tiefen Krise - die neue Chefin wird sich um viele Baustellen kümmern müssen.

Die Herausforderungen, die auf die neue Generaldirektorin warten, sind riesig. Die WTO war zuletzt zunehmend unter Druck geraten. Die Handelskonflikte zwischen China und den USA belasten sie. Bereits seit vergangenen Dezember blockiert die Trump-Regierung die Neubesetzung offener Richterposten, so kann die Berufungsinstanz, die in Streitfällen aktiv ist, ihre Arbeit nicht machen. Das Gremium ist derzeit praktisch ausgehebelt.

Hinzu kommen die Schwierigkeiten, die der Welthandel in der Corona-Krise erlebt. "Die Priorität muss auf der Covid-19 Pandemie liegen und der Unterstützung der wirtschaftlichen Erholung", sagt Schneider-Petsinger. "Den Handel von essenziellen medizinischen Waren offen zu halten, ist entscheidend. Eine bessere internationale Kooperation im Handel könnte eine entscheidende Rolle dabei spielen, die Wirtschaft aus der Krise zu heben." Die Nigerianerin Okonjo-Iweala sieht Corona als Chance für die WTO. Dem "Guardian" sagte sie: "Es muss einen fairen Zugang zu Medikamenten geben und die WTO könnte Teil der Lösung sein. Sie muss die Handelsregeln im Licht von Covid-19 gestalten."

Auf dem afrikanischen Kontinent wird ihre Kandidatur sehr positiv und von vielen mit Stolz gesehen. Der Kontinent hofft auf mehr Mitsprache und Einfluss auf internationaler Ebene. Und Okonjo-Iweala kennt die vielen Probleme sehr detailliert. "Eine afrikanische Kandidatin hat ein tieferes Verständnis für die Nöte und Hemmnisse von weniger entwickelten Ländern, und welche Unterstützung helfen kann, diese zu überwinden", sagt Analystin Getachew Bekele. "Das ist besonders relevant für die 33 der 47 Entwicklungsländer, die in Afrika südlich der Sahara liegen." Schneider-Petsinger ergänzt: "Sie wäre die erste Direktorin aus Afrika. Und auch die erste Frau in dieser Position. Das sendet ein bedeutendes Signal zur Stärkung des Multilateralismus und der Inklusion." Wann die WTO ihre Entscheidung treffen will, ist noch offen.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 09. November 2020 um 13:53 Uhr.

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