Windkraftanlage in der Ostsee | REUTERS

Offshore-Strom aus Deutschland Kraftlos im Windgeschäft

Stand: 16.11.2021 08:09 Uhr

Die Ampel-Parteien wollen die Windkraft ausbauen. Doch dafür könnte nach jahrelanger Branchenkrise Infrastruktur fehlen, wie der Fall Bremerhaven zeigt. Ein dort geplanter Offshore-Hafen wird wohl nie gebaut.

Von Dirk Bliedtner, Radio Bremen

Nach Jahren der Goldgräberstimmung in einer neuen Industrie kämpft Bremerhaven inzwischen um wenige Hundert verbliebene Arbeitsplätze. In den Boom-Zeiten der Windkraft arbeiteten in der Stadt 4000 Menschen in der Branche. Dann deckelte die Bundesregierung 2013 die Windenergie - weil sie befürchtete, dass der Strompreis wegen der anfallenden EEG-Umlage sonst unkontrolliert steigen würde.

Eine große Delle für die Industrie war die Folge, von der sie sich längst nicht erholt hat. Auch Pläne in Bremerhaven, einen neuen Hafen für die Windkraft-Industrie - den sogenannten Offshore Terminal Bremerhaven (OTB) - zu bauen, sind keine Realität geworden. Heike Winkler, Geschäftsführerin der Windenergieagentur Bremerhaven-Bremen (WAB) ist davon enttäuscht: "Von unserer Seite aus, denke ich, hätten sich die politischen Vertreter noch stärker dafür einsetzen müssen."

Gericht kippt jahrelange Planungen

Erst kürzlich hat das Oberverwaltungsgericht Bremen entschieden, dass das Planfeststellungsverfahren für den mindestens 180 Millionen Euro teuren neuen Hafen unwirksam ist. Der Umweltschutzverband BUND hatte gegen das Projekt geklagt. Schon mehr als sechs Jahre dauert der Rechtsstreit. Der Bedarf für einen solchen Hafen ist aus BUND-Sicht nicht mehr gegeben - außerdem liegt der geplante Standort des Offshore-Terminals in einem EU-Vogelschutzgebiet.

Laut Deutscher Energie-Agentur (dena) muss sich die Produktion aus der Offshore-Windkraft bis 2050 verfünffachen, damit Deutschland ausreichend grünen Strom bekommt und klimaneutral wird. Doch das ist kaum zu schaffen: Aktuell gibt es in der Nordsee 1500 Anlagen. Bis zu 10.000 müssten es danach also werden, um das volle Potenzial auszuschöpfen. "Wie soll das gehen ohne Infrastruktur?", fragt Robert Howe, Chef der Hafengesellschaft bremenports, die für die Weiterentwicklung der Bremischen Häfen zuständig ist. Howe ist überzeugt, dass Deutschland einen solchen neuen Hafen braucht, um Anlagen schnell in die Nordsee bringen zu können.

Große Betriebe sind verschwunden

Der geplante Offshore-Hafen sollte in die Weser hinein gebaut werden, um hier unter anderem die riesigen Rotorflügel und Anlagenfundamente zu lagern. Das Land Bremen überlegt jetzt, beim Bundesverwaltungsgericht Einspruch dagegen einzulegen, dass keine Revision zugelassen wurde. So ganz geschlagen geben will man sich offenbar noch nicht.

Zurückhaltend äußern sich auch Vertreter großer Offshore-Firmen. Da Bremerhaven die großen Windkraft-Betriebe verloren hat, sehen Insider hier "den Zug abgefahren". Immerhin gibt es noch Wissenschaftseinrichtungen: Hier betreibt das Fraunhofer Institut für Windenergiesysteme beispielsweise seine Rotor-Teststände. Die Bremerhavener Wirtschaftsförderer sind sicher, dass sich der Standort für den Rückbau alter Anlagen und Recycling eignet. Der Plan B: ein ehemaliges Flughafengelände umzubauen, um es zu einem Industriehafen zu machen.  

"Kein gutes Zeichen"

Dass der Offshore-Hafen in Bremerhaven nun voraussichtlich nicht mehr gebaut werden kann, sei "für die deutsche Offshore-Branche kein gutes Zeichen; ob sie deshalb zurückfallen wird, wage ich zu bezweifeln", sagt die Windkraft-Expertin Irina Lucke, die den ersten deutschen Offshore-Windpark Alpha Ventus mitentwickelt hat.

Wie viele Windparks vertragen die Meere überhaupt? Meeresschutz-Experten wie Kim Detloff vom Naturschutzbund Nabu warnen davor, die Nordsee zum Industriepark zu machen. Wale und Seevögel würden mehr und mehr aus ihren Schutzgebieten vertrieben. Mehr Windkraft darf seiner Ansicht nach nicht auf Kosten von Naturschutzgebieten gehen. Vielmehr müssten Abstriche beispielsweise bei Fischerei und Schifffahrt gemacht werden. Es bleibt ein Spannungsfeld zwischen Klima- und Meeresschutz.

Kritiker der Offshore-Branche warnen auch aus anderen Gründen davor, zu stark auf die Windkraft zu setzen. Die Energie sei unbeständig, und der Strom könne bislang nicht gespeichert werden.

Appell an die nächste Bundesregierung

Die IG Metall Küste indes hat gemeinsam mit zahlreichen Branchenverbänden an die künftige Bundesregierung appelliert, die Windkraft auch in Verbindung mit geplanter Wasserstoff-Produktion deutlich auszubauen. "Deutschland macht sich so unabhängiger von Energie-Importen und nutzt die Chance für mehr Arbeit und Wertschöpfung durch eine eigene Offshore-Wasserstoffproduktion", sagt der Bezirksleiter Daniel Friedrich.

Der Netzbetreiber Tennet, der für Deutschland zuständig ist, hält Verteilerkreuze für besonders wichtig. Die deutsche Offshore-Windkraft reiche nicht aus, "um die deutschen Klimaziele bis 2045 zu erreichen". Indem mehrere Staaten ihre Offshore-Energie vernetzten, könne die Versorgung gesichert werden.

Während in Deutschland über den richtigen Weg bei der Erneuerbaren Energie und über geplante Stromtrassen diskutiert wird, legt Dänemark schon mal vor. Das Land plant für 28 Milliarden Euro eine künstliche Energieinsel in der Nordsee. Zukünftig soll sie bis zu zehn Millionen europäische Haushalte mit Offshore-Windstrom versorgen.

Über dieses Thema berichtete NDR 1 Niedersachsen, Regional Oldenburg am 03. November 2021 um 15:00 Uhr.