Tanker in den Gewässern des Bosporus in Istanbul. | picture alliance / Zoonar

Sanktionen gegen Russland Welche Folgen hat das Ölembargo?

Stand: 28.11.2022 10:24 Uhr

Ob das demnächst in Kraft tretende Ölembargo gegen Russland die gewünschte Wirkung zeigen wird, ist ungewiss. Dass die Ölpreise wieder steigen werden, ist Experten zufolge hingegen ziemlich wahrscheinlich.

Von Thomas Spinnler, tagesschau.de

Am 5. Dezember tritt das von der Europäische Union beschlossene Ölembargo gegen Russland in Kraft. Von da an fließt kein Öl mehr über den Seeweg in die EU. Außerdem hat die EU gemeinsam mit den G7-Ländern einen Preisdeckel auf russisches Öl beschlossen, der vom selben Tag an gelten soll.

Über die genaue Höhe des Preisdeckels wird noch verhandelt. Derzeit ist eine Höhe zwischen 65 und 70 Dollar je Barrel im Gespräch. In einer dritten Stufe werden vom 5. Februar 2023 an aus Russland auch keine verarbeiteten Ölprodukte mehr importiert.

Bis zum russischen Angriff auf die Ukraine hatte Europa fast die Hälfte der russischen Ölexporte abgenommen. Deutschland deckte rund ein Drittel des Ölbedarfs mit russischem Öl. Aufgrund der Sanktionen sind die russischen Öllieferungen an die EU deutlich zurückgegangen. Was sind die Folgen des Embargos für den Ölmarkt?

Neue Anspannung am Ölmarkt   

In den vergangenen Wochen waren die Ölnotierungen aufgrund der globalen Konjunktursorgen kräftig gesunken. Kletterten die Preise im Sommer noch fast bis auf 120 Dollar, liegt der Brent-Preis aktuell nur noch knapp über der Marke von 80 Dollar. Der Preis für ein Barrel (159 Liter) Rohöl der Sorte WTI notiert aktuell bei weniger als 74 Dollar.

Rohstoffexperten sind der Ansicht, dass das Ölembargo samt Preisbremse die Ursache für künftig wieder steigende Preise setzen wird. "Der Ölmarkt dürfte sich wegen des reduzierten Ölangebots der OPEC+ und des anstehenden EU-Ölembargos gegen Russland merklich anspannen", prognostizieren die Rohstoffanalysten der Commerzbank. Denn das EU-Ölembargo werde zu einer spürbaren Verknappung des Ölangebots in den kommenden Monaten führen, so ihre Einschätzung.

Die Internationale Energieagentur (IEA) schätzt, dass die EU nach dem Inkrafttreten des Embargos etwa eine Million Barell Rohöl pro Tag ersetzen müsse. Hinzu kämen 1,1 Millionen Tonnen Ölprodukte. "Diese Mengen müssen in Kürze anderweitig bezogen werden, während das Ölangebot außerhalb Russlands nicht größer wird", so die Commerzbank-Experten. "Wir erwarten für die kommenden Wochen einen Anstieg des Brent-Ölpreises zurück auf 95 Dollar je Barrel", meint Rohstoffexperte Carsten Fritsch.

Dieselvorräte bald auf Tiefststand  

Für die Auswirkungen auf den Markt für Heizöl und Dieselkraftstoffe ist aber vor allem der 5. Februar 2023 entscheidend, wenn das Embargo für Ölprodukte greift. Nach Angaben der Ökonomen der Bank M.M. Warburg wird gegenwärtig mehr als 14 Prozent des deutschen Gesamtbedarfs durch Importe aus Russland abgedeckt. Laut Commerzbank lasse sich noch nicht absehen, ob es gelingen werde, den Wegfall der russischen Lieferungen adäquat zu ersetzen.

Aktuell erhoffe sich die Politik, die Wintermonate dafür zu nutzen, die Dieselvorräte auszubauen, sodass im Frühling nächsten Jahres durch Verbrauch der angesammelten Dieselvorräte die Preise nicht zu stark ansteigen, schreiben die M.M. Warburg-Fachleute. Nach ihrer Einschätzung handele es sich dabei aber vermutlich um "Wunschdenken".

"Analysen lassen darauf schließen, dass sich bereits im März nächsten Jahres die Dieselvorräte auf einem historischen Tiefstand befinden werden", so die Ökonomen. Das wiederum spricht nach der Funktionslogik der Rohstoffmärkte für steigende Preise im kommenden Jahr. Angesichts der Bedeutung der Energiepreise für die Inflationsentwicklung könnte hier auch neuer Schub für die Verbraucherpreise entstehen.    

Die Wirkung der Preisobergrenze

Russland versucht derweil, das Ölembargo zu umgehen und neue Absatzmärkte für das Öl zu erschließen. Aber die Preisobergrenze soll es Schifffahrts-, Versicherungs- und Rückversicherungsunternehmen weltweit verbieten, russische Rohöltransporte rund um den Globus abzuwickeln, wenn der Preis über dem festgelegten Höchstpreis liegt. Russland will nach eigenen Angaben kein Öl an Länder liefern, die sich an der Preisobergrenze beteiligen. "Die Umleitung des russischen Angebots auf andere Abnehmer wird durch den zeitgleich mit dem Ölembargo in Kraft tretenden Preisdeckel für russisches Öl erschwert", heißt es dazu zwar von den Experten der Commerzbank.

Es sei fraglich, ob die zu erwartenden Einschränkungen dazu führen, dass die Nachfrage nach russischem Öl künftig sinke, meinen dagegen die Fachleute von M.M. Warburg. Schließlich gebe es attraktive Absatzalternativen auf dem asiatischen Markt. In den vergangenen Monaten waren beispielsweise Indien und China als Abnehmer russischen Öls aufgetreten: "China besitzt die zweitgrößte Schiffsflotte der Welt und könnte seine Schiffe selber versichern. Auch Indien könnte seine Schiffe über chinesische oder russische Rückversicherer versichern lassen."

Hat Russland Alternativen?

Russland ist offenbar auch auf der Suche nach Möglichkeiten, um Sanktionen und Preisbremse zu umgehen. Die "Financial Times" zitiert Russell Hardy, Vorstandschef des Rohstoffhändlers Vitol, der erwartet, dass Russland vermehrt auf das Umpumpen von Öl von Schiff zu Schiff auf See baut und dazu eine sogenannte Dunkle Flotte von Tankern einsetzt, um den russischen Ursprung des Öls zu verschleiern.  

Auch die Türkei könnte ein Schlupfloch für Russland sein, denn der Handel zwischen beiden Staaten boomt derzeit. Und einem Bericht des Centre for Research on Energy and Clean Air (CREA) zufolge nutzte Russland Ölexporte in die Türkei, um das Embargo der EU-Staaten zu umgehen.

"Türkische Raffinerien bieten eine Anlaufstelle für russische Ölexporte, indem sie Produkte für Märkte raffinieren, die russisches Rohöl nicht direkt importieren wollen oder es nicht selber weiterverarbeiten können", heißt es darin. So entstehe eine neue Route für russisches Öl in die EU über die Türkei.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 31. Mai 2022 um 20:00 Uhr.