Eine Luftaufnahme mit einer Drohne zeigt Behälter für Rohöl auf dem Gelände einer Raffinerie in Schwedt (Brandenburg). | dpa
Analyse

Neues EU-Sanktionspaket Wie hart trifft das Öl-Embargo Russland?

Stand: 31.05.2022 17:09 Uhr

Das Öl-Embargo der EU hat erhebliche Folgen für Russland - aber auch für den Ölmarkt und die Versorgung in Deutschland.

Von Detlev Landmesser, tagesschau.de

Wie hart wird Russland durch das teilweise Öl-Embargo der EU getroffen und in seiner finanziellen Handlungsfähigkeit eingeschränkt? Das lässt sich nur ansatzweise abschätzen. Laut der Brüsseler Denkfabrik Bruegel hat die EU inklusive Großbritannien im vergangenen Jahr 3,5 Millionen Barrel Öl pro Tag aus Russland bezogen und dafür rund 88 Milliarden Euro nach Moskau überwiesen.

Könnte die EU wirklich bis zum Jahresende auf 90 Prozent der bisherigen Ölimporte aus Russland verzichten, wie Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen ankündigte, entspräche das einem Volumen von über einer Milliarde Barrel. Legt man die - aktuell sehr hohen - Preise zugrunde, könnten Russland vom kommenden Jahr an mehr als 120 Milliarden Euro an Öleinnahmen aus der EU entgehen.

Einen Teil des Öls kann Russland umleiten

Aber in der derzeit angespannten Marktsituation hat Russland Alternativen. Vor allem seine enge Partnerschaft mit China macht sich hier bezahlt. In den vergangenen Jahren ist die Großmacht als Abnehmer für russisches Öl immer wichtiger geworden. Laut einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) hat sich dessen Anteil an den Rohölimporten Chinas zwischen 2010 und 2020 von 6,4 auf 15,4 Prozent erhöht.

Zuletzt war vor allem Indien als Abnehmer für sanktioniertes russisches Öl aufgefallen. Nach Daten von Refinitiv Eikon hat der Subkontinent seit Beginn der russischen Invasion 34 Millionen Barrel Öl importiert und damit sein Importvolumen gegenüber dem Vorjahreszeitraum mehr als verdreifacht.

Sicher ist, dass Moskau durch die Sanktionen und den sukzessiven Wegfall etablierter Transportwege vor erhebliche logistische Probleme gestellt wird. Dabei ist die Beschränkung der Exporte über die Pipelines deutlich wirksamer als über den Seeweg. Das Öl, das bisher über Pipelines nach Westen gelangt, kann wegen fehlender alternativer Leitungen und Transportkapazitäten nur sehr schwer umgeleitet werden.

Hohe Preise spielen Moskau in die Hände


Einen Teil der wegfallenden Einnahmen kann Russland aber voraussichtlich über den Preiseffekt wieder hereinholen. Die Ölmärkte reagieren stets empfindlich auf drohende Liefereinschränkungen. Schon seit Mitte 2020 erholen sich die Ölpreise von ihren Corona-bedingten Tiefständen. Seit Ende 2021 hat dann der Konflikt um die Ukraine die Märkte unter erheblichen Stress gesetzt. Mit dem zuletzt erreichten Niveau ist Öl der Nordseesorte Brent über 70 Prozent teurer als noch vor einem Jahr. Diese dramatische Entwicklung kompensiert also die anstehenden Exporteinschränkungen zu einem erheblichen Teil.

Das nun beschlossene Teil-Embargo wird Moskau also sicherlich hart treffen. Bleibt aber der Ölmarkt derart angespannt wie jetzt, kann der Kreml auf eine spürbare Entlastung hoffen.

Öl dürfte teuer bleiben

Für nachhaltig fallende Ölpreise gibt es derzeit wenig Raum. Denn das Angebot bleibt trotz der hohen Preise begrenzt. Das Ölförderkartell OPEC hat schon mehrfach erklärt, dass es sich nicht in der Lage sehe, die Lieferausfälle aus Russland zu kompensieren.

Aber auch eine weitere Zuspitzung der Lage ist nicht in Sicht. "Das EU-Embargo ist so ziemlich das Maximum an Belastung für den Markt", betont Andreas Schroeder, Leiter der Energieanalyse beim Energiemarktforscher ICIS. Ganz wesentlich für die Ölpreise bleibe die Entwicklung der Weltkonjunktur. "Zuletzt gab es hier immer wieder Entspannungsmomente", so der Experte.

Was kommt auf Deutschland zu?

Als bisher wichtigstem Abnehmer russischen Öls in Europa kommt Deutschland bei dem nun beschlossenen Embargo eine entscheidende Rolle zu. Zu Beginn des Krieges hat die Bundesrepublik noch 35 Prozent ihres Rohöls aus Russland bezogen. Ende April waren es nur noch zwölf Prozent. Mit dem freiwilligen Verzicht auf die Pipeline-Lieferungen zum Jahresende hat sich die Bundesregierung eine weitere schwere Bürde auferlegt.

Dabei ist der Ölmarkt flexibler als etwa der Gasmarkt, und mit Norwegen, den USA und anderen Förderländern hat Deutschland bereits wichtige Vereinbarungen getroffen - zu höheren Preisen, versteht sich. Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck zeigte sich schon Ende April zuversichtlich, die völlige Unabhängigkeit von russischem Öl schon in wenigen Tagen erreichen zu können.

Neben der Versorgung mit Rohöl muss aber auch die Versorgung mit Ölprodukten wie Benzin, Kerosin oder Heizöl sichergestellt werden. Hier steht insbesondere die große PCK-Raffinerie im brandenburgischen Schwedt im Fokus, die bisher allein russisches Rohöl über die "Druschba"-Pipeline bezogen hat. Habeck sucht für Schwedt nach alternativen Lieferwegen mit Tankeröl über Rostock und Danzig. Doch fürchtet das Land Brandenburg, dass die Raffinerie damit nur zu 60 Prozent ausgelastet wäre.

Verbrauchern drohen weiter hohe Kosten

Neben die Sorge um die rund 1200 Beschäftigten tritt auch die Befürchtung, dass die Belieferung der ostdeutschen Tankstellen, Industrie und Heizöltanks ins Stottern geraten könnte. Im Zuge des Embargos sind also noch einige Probleme zu lösen. Aber auch diese Probleme hält ICIS-Experte Schroeder für lösbar und sieht derzeit auch keine drohenden Engpässe bei Ölprodukten.

Ohne höhere Kosten werden die genannten Anpassungen aber kaum möglich sein. Auf die Verbraucher kommen also mit hoher Wahrscheinlichkeit weitere Belastungen zu. Die meisten Experten sind sich einig, dass der Bund etwa mit seinem Entlastungspaket die Folgen für die Verbraucher zwar lindern, aber nicht vollständig kompensieren kann.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 31. Mai 2022 um 17:10 Uhr.