Die Anlagen der Erdölraffinerie auf dem Industriegelände der PCK-Raffinerie GmbH sind abends beleuchtet. | dpa
FAQ

EU-Embargo und Preisdeckel Wie sich der Ölpreis nun entwickeln wird

Stand: 05.12.2022 13:44 Uhr

Seit heute gilt die bisher wohl schärfste Sanktion gegen Russland: das EU-Embargo gegen russisches Öl. Wie genau funktioniert es? Was sind die Folgen für den Weltmarkt - und an der Tankstelle? Antworten auf einige Fragen.

Was sehen die neuen Öl-Sanktionen vor?

Ende Mai hatten sich die EU-Regierungs- und Staatschefs im Rahmen des sechsten Sanktionspakets auf ein Ölembargo gegen Russland geeinigt. Nach einer sechsmonatigen Übergangsfrist gilt ab heute der erste Teil des Embargos. Es betrifft jedoch offiziell nur Tankeröl: Damit werden russische Öllieferungen über den Seeweg in die Europäische Union unterbunden. Die Transporte des Rohstoffs über Pipelines sind davon aber ausgenommen und damit also noch erlaubt, was als Zugeständnis an Ungarn gewertet wurde. Derzeit kommen gut zwei Drittel des importierten russischen Öls in die EU über Tanker, der Rest über Pipelines.

Schifffahrtsunternehmen in der EU dürfen außerdem russisches Rohöl nur noch befördern, wenn es zu Preisen unter oder zu der neuen G7-Preisobergrenze verkauft wird. Das gilt auch für Versicherer, Rückversicherer oder andere Finanzierungen des Ölgeschäfts. Alle 27 EU-Mitgliedstaaten hatten am Wochenende der Preisobergrenze von 60 Dollar pro Barrel zugestimmt.

Da die USA und auch Europa den Versicherungsmarkt für Öltanker dominieren, könnten auch nicht-russische Schiffe Probleme bei der Versicherung ihrer Fracht bekommen. So wird beispielsweise ein großer Teil aller Schiffstransporte über den Versicherungsmarktplatz Lloyd's of London abgesichert, bei den Rückversicherern spielen dagegen deutsche Unternehmen eine große Rolle.

Gibt es Ausnahmen?

Bulgarien darf wegen seiner geografischen Lage bis Ende 2024 weiterhin Roh- und Mineralölprodukte über den Seeweg importieren. Auch Kroatien darf bis Ende kommenden Jahres die Einfuhr von russischem Vakuum-Gasöl genehmigen, einem Zwischenprodukt bei der Erdölverarbeitung.

Was passiert mit der zweiten Stufe des Embargos?

Vom 5. Februar 2023 an sind zusätzlich auch raffinierte Mineralölprodukte vom europäischen Embargo betroffen. EU-Mitgliedsstaaten, die russisches Öl weiterhin aus Pipelines beziehen, dürfen dieses aus Gründen des Wettbewerbs ab Februar nicht mehr an andere EU-Länder oder Drittländer weiterverkaufen.

Wie geht Deutschland mit dem Ölembargo um?

Vor Beginn des Ukraine-Kriegs deckten Ölimporte aus Russland rund 35 Prozent des deutschen Bedarfs, innerhalb weniger Wochen nach Kriegsbeginn sank der Anteil auf zwölf Prozent. Davon kam rund ein Drittel per Tanker, zwei Drittel flossen über die Druschba-Pipeline in die ostdeutschen Raffinerien in Leuna und Schwedt. Diese sind zwar vom Ölembargo ausgenommen - von der Ausnahme wollen Deutschland und auch Polen aber keinen Gebrauch machen. Von Januar an sollen daher die russischen Einfuhren über die Druschba-Pipeline gestoppt werden.

Dadurch könnte die Versorgung mit Rohöl gerade in der PCK-Raffinerie in Schwedt knapp werden. Schwedt ist derzeit unter deutscher Treuhandverwaltung, gehört indes weiterhin dem russischen Staatskonzern Rosneft. Um die Raffinerie in Schwedt angemessen auszulasten, reichen der Hafen Rostock und die Pipeline nach Schwedt aber nicht aus. Die Raffinerie ist auch auf Lieferungen über den polnischen Hafen Danzig und das Pipeline-System dort angewiesen. Deutschland und Polen haben dazu in der vergangenen Woche eine gemeinsame Absichtserklärung unterzeichnet. Die PCK-Raffinerie in Schwedt soll damit in Zukunft Rohöl über den Hafen in Danzig beziehen können.

Wie wirkt sich das Embargo auf die russische Wirtschaft aus?

Noch bis März war Russland der drittgrößte Ölproduzent der Welt und war verantwortlich für rund zwölf Prozent der globalen Ölförderung. Der Energiemarkt steht in Russland für rund 30 Prozent des gesamten russischen Bruttoinlandsproduktes. Das Embargo dürfte die russische Wirtschaft daher stark treffen. Die EU-Kommission geht gar von "erheblichen" Auswirkungen aus. Insgesamt sollen die Ölimporte der Europäischen Union aus Russland bis Anfang 2023 um rund 90 Prozent reduziert sein.

Knapp die Hälfte der gesamten russischen Ölexporte geht in die EU. 2021 importierten die Mitgliedsstaaten Rohöl im Wert von 48 Milliarden Euro und raffinierte Ölprodukte im Umfang von 23 Milliarden Euro. Wie stark sich das Embargo auf die russische Wirtschaft auswirkt, dürfte aber maßgeblich davon abhängen, ob Russland Abnehmer findet, die die europäischen Ausfälle decken.

Welche Folgen hat das Ölembargo auf den Weltmarkt?

Der Mineralöl-Wirtschaftsverband Fuels und Energie verweist darauf, dass die Markt- und Preisentwicklung von vielen Faktoren abhänge, etwa auch vom Dollarkurs und Beschlüssen der großen Förderländer. Die Internationale Energieagentur (IEA) geht aber zumindest davon aus, dass die Sanktionen der westlichen Industriestaaten zu einem Einbruch der russischen Ölförderung führen.

Die ING Bank schrieb jüngst in einer Analyse, dass sich das russische Angebot zumindest bisher besser gehalten habe als viele erwartet hatten. Bei dem nun gültigen Ölembargo laute die Schlüsselfrage, ob Indien und China noch größere Mengen russischen Öls abnehmen können als ohnehin schon. Laut dem Center for Strategic and International Studies gibt es Grenzen dafür, wie viel Öl Indien und China absorbieren können. Russland könne möglicherweise nicht alle 1,6 Millionen Barrel am Tag an Seefrachtexporten, die das Land zuvor nach Europa geschickt hatte, umleiten.

Aufgrund der Verknappung des Ölangebots auf dem Weltmarkt geht die ING Bank davon aus, dass Rohöl im kommenden Jahr teurer als heute gehandelt wird. Für 2023 erwarten die Epxerten einen Preis für ein Barrel der Nordseesorte Brent von 104 Dollar. Aktuell liegt er bei rund 87 Dollar. Falls die USA es schaffen sollten, ihre strategischen Rohölreserven wieder aufzufüllen, könnte dies den Markt stützen.

Was bedeutet das an der Tankstelle und für die Heizöl-Preise?

Experten sind sich uneins, wie sich die Verbraucherpreise für Benzin und Heizöl in den kommenden Monaten entwickeln werden. Der österreichische Energieexperte Walter Boltz rechnet damit, dass das Embargo die Preise für einige Wochen um bis zu 20 Prozent nach oben treiben könnte. "Es ist nicht auszuschließen, dass wir für ein bis zwei Monate höhere Preise bei manchen Produkten wie Diesel, Benzin und Heizöl haben", sagte Boltz.

Thomas Benedix von Union Investment verweist dabei besonders auf den 5. Februar. Ab diesem Tag ist der Import von Benzin und Diesel aus Russland verboten: "Das könnte nochmal ein Faktor werden, wo wir Turbulenzen und Volatilität im Ölpreise sehen können." Allerdings hätten sich beim Heizöl viele bereits für den Winter eingedeckt.

Warum ist neben dem Ölembargo noch eine Preisobergrenze nötig?

Das Ölembargo könnte dazu führen, dass die Weltmarktpreise wegen der steigenden Nachfrage nach nicht-russischem Öl weiter steigen - was gut für Kreml-Herrscher Wladimir Putin und schlecht für die Verbraucher und die Wirtschaft in allen Ländern wäre, die Öl importieren müssen. In den G7-Staaten wird es deswegen derzeit für besser gehalten, wenn Drittstaaten weiter russisches Öl beziehen. Dieses soll aber künstlich günstig gehalten werden. Deswegen haben die EU und ihre G7-Partner den Ölpreisdeckel von 60 Dollar pro Barrel beschlossen. Das wären gut zehn Prozent weniger als der Marktpreis von 67 Dollar für russisches Ural-Öl am Freitag. China hat bereits angekündigt, sich nicht an der Preisobergrenze zu beteiligen.

Mit dem Preisdeckel will der Westen Russland dazu zu zwingen, Öl künftig zu einem deutlich niedrigeren Preis an große Abnehmer wie Indien zu verkaufen. Dies soll erreicht werden, indem westliche Schiffstransporte oder Versicherungen für teurer verkauftes Öl nicht mehr erlaubt sind. Die Hoffnung ist, dass dies zu einer Entspannung an den Märkten führt. Zudem soll dafür gesorgt werden, dass Russland nicht mehr von Preisanstiegen für Öl profitiert und damit seine Kriegskasse füllen kann. Jedoch ist noch nicht klar, ob Russland darauf nicht doch mit einer Drosselung des Angebots reagiert.

Wie reagieren die Ölpreise aktuell?

Die Ölpreise sind heute Morgen leicht gestiegen: Ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent kostet 87,10 US-Dollar und damit rund 1,70 US-Dollar mehr als am Freitag. Der Preis für ein Barrel der US-Sorte West Texas Intermediate (WTI) stieg auf 80,42 Dollar.

DIW-Präsident Marcel Fratzscher hält die moderate Entwicklung der Ölpreise für ein gutes Zeichen: "Der Ölpreis ist in den vergangenen Monaten gesunken und auch trotz dieser Androhung nicht merklich gestiegen", sagte Fratzscher der Nachrichtenagentur Reuters: "Somit dürfte der Preisdeckel für russisches Öl sich als erfolgreiches Instrument erweisen, globale Preise zu stabilisieren."

Über dieses Thema berichtete das ARD-Morgenmagazin am 05. Dezember 2022 um 07:18 Uhr.