Westsahara-Landschaft bei Assouerd | Bildquelle: imago/blickwinkel

Umstrittene Geschäfte Ökostrom aus der Westsahara

Stand: 18.11.2020 11:32 Uhr

Die Westsahara ist eine umkämpfte Region: Nicht nur dier Anrainerstaaten, sondern auch etliche Unternehmen profitieren dort wirtschaftlich - auch deutsche Firmen machen umstrittene Geschäfte.

Von Alexander Bühler, SWR

Drei Kilometer lang ist die Straße durch das Ödland von der mauretanischen Grenzstation bis zur marokkanischen. Eine der wenigen Straßen, die in der Region von Norden nach Süden verlaufen, führt durch die Wüste. Und genau hier errichteten Sahrauis, die Bewohner der Westsahara, eine Straßenblockade. Damit legten sie den Grenzverkehr lahm. Die Lastwagen, die sonst Güter aus Marokko nach Mauretanien und weiter südlich gelegene Länder wie den Senegal transportierten oder andere Ware aus dem südlichen Afrika Richtung Europa, konnten nicht mehr weiter.

Ein jahrzehntelanger Konflikt bleibt ungelöst

Um zu verstehen, was am westlichsten Rand Afrikas an der Atlantikküste vor sich geht, hilft der Blick auf die Landkarte: Das Gebiet zwischen Mauretanien und Marokko hat sich 1975 von der spanischen Kolonialmacht als Westsahara für unabhängig erklärt, wurde aber dann direkt von Marokko größtenteils annektiert. Völkerrechtswidrig: Kaum ein Land erkennt die Herrschaft Marokkos dort an, auch der Europäische Gerichtshof nicht. Seit Jahrzehnten gibt es in der Bevölkerung Widerstand gegen die marokkanische Besetzung. 

Und mit der Blockade trafen die Sahrauis den marokkanischen Staat dort, wo es am meisten weh tut: am Geldbeutel. Sie wehren sich auch gegen die wirtschaftliche Ausbeutung ihrer Heimat. In die Kritik geraten ist auch ein Windparkprojekt mit deutscher Beteiligung: der Windpark Boujdour, an dem sich Siemens Gamesa Renewable Energy beteiligt. Laut Presseerklärung des spanischen Tochterunternehmens von Siemens Energy soll das Unternehmen 87 Turbinen für Windkraftanlagen liefern und diese fünf Jahre lang warten. Damit will der Betreiber jährlich über 300 Megawatt Strom erzeugen. Siemens Gamesa hat sich auf Anfrage des SWR bis jetzt nicht zu diesem Thema geäußert.

Erneuerbare Energien direkt aus der Wüste

Und das ist längst nicht alles, was Marokko an Ökostrom erzeugen will: 850 Megawatt sollen alleine durch Windkraft erzeugt werden. Zwei der fünf großen Windparks werden dafür in den besetzten Gebieten gebaut; vor allem mit Turbinen von Siemens Energy. Zusammen mit Solaranlagen soll damit bald die Hälfte des marokkanischen Energiebedarfs gedeckt werden. Dafür hat Siemens sogar im Nordteil des Landes eine eigene Fabrik für Windkraft-Technologie gebaut.

Ein Milliarden-Großprojekt, das ein Konsortium aus der italienischen Firma ENEL Green Power, Siemens Gamesa und der marokkanischen NAREVA betreibt. Und die wiederum ist ein Tochterunternehmen der königlichen Holding SNI, der laut der spanischen Zeitung "El País" 30 Prozent an der gesamten Wirtschaft Marokkos gehört.

"Plünderung der natürlichen Ressourcen"

Für Lahcen Dalil, einen sahrauischen Journalisten aus der Hafenstadt Laayoune, ist es klar, dass die Anwesenheit ausländischer Investoren den Konflikt keinesfalls löst. "Jede ausländische Firma legitimiert und perpetuiert die marokkanische Besetzung", sagt er. "Der Hauptgrund für die Besetzung ist wirtschaftlicher Natur, es geht um die Plünderung der natürlichen Ressourcen." Und das würde eben dem marokkanischen König zugute kommen, nicht den Sahrauis - und wohl auch nicht den meisten Marokkanern.

Tatsächlich lässt sich die Liste deutscher Unternehmen noch weiter fortführen. HeidelbergCement hat über die Tochterfirma Ciments du Maroc eigenen Angaben zufolge in Laayoune ein Mahlwerk. Auf dessen Gelände steht ein Windkraftwerk, das den Betrieb mit Strom versorgt. Auch HeidelbergCement hat sich auf SWR-Anfrage bis jetzt nicht zu diesem Thema geäußert.

Die Organisation "Western Sahara Resource Watch", eine internationale Menschenrechtsorganisation kritisiert das wirtschaftliche Engagement von Siemens Energy und anderen: Erst die Hilfe internationaler Unternehmen mache die Besatzung für den marokkanischen Staat profitabel, klagt sie in einer Stellungnahme. "Sie tragen daher eine Mitverantwortung für die jetzt eskalierende Situation, in der sich Marokko abgesichert genug sieht, die Öffnung seiner illegal gebauten Handelsroute militärisch durchzusetzen und so das Waffenstillstandsabkommen zu brechen."

Über dieses Thema berichtete MDR Thüringen-Das Radio am 06. Februar 2020 um 15:00 Uhr.

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