Eine Hand hält in einem Öko-Weizenfeld Bio-Weizenähren. | picture alliance / dpa

Landwirtschaft Öko-Ziel noch weit entfernt

Stand: 30.03.2021 06:09 Uhr

Der Ökolandbau soll deutlich wachsen. Von diesem Ziel der Bundesregierung ist Deutschland noch weit entfernt. Experten fordern deshalb unter anderem, die Nachfrage nach Bio in öffentlichen Küchen anzukurbeln.

Von Oda Lambrecht, Brid Roesner und Christian Baars, NDR

"Wir wollen Landwirtschaft nachhaltiger gestalten", hat Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner im Interview mit dem NDR erklärt. Die Landwirtschaft müsse zwar "ökonomisch tragfähig" sein, "aber auch die Ressourcen schonen, von der sie ja lebt".

Ziel: 20 Prozent Ökolandbau bis 2030

Die Bundesregierung hat sich dafür ein konkretes Ziel gesetzt: Bis 2030 sollen mindestens 20 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche in Deutschland ökologisch bewirtschaftet werden. Dafür hatte sie bereits vor zwei Jahren eine "Zukunftsstrategie ökologischer Landbau" entwickelt, um zum Beispiel die Beratung von Landwirten, die ihre Höfe auf Bio umstellen, stärker zu fördern.

Doch jetzt sagen Kritiker, die bisherigen Maßnahmen reichten nicht. Sie fordern etwa, die Nachfrage nach Bio-Lebensmitteln in öffentlich finanzierten Kantinen anzukurbeln und die Ausgaben für die Forschung im Öko-Bereich deutlich zu erhöhen. Denn das Ziel ist noch weit entfernt.

Julia Klöckner.

Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner will mehr Ökolandbau - 20 Prozent bis 2030.

Bisher weniger als zehn Prozent Ökoflächen

In den vergangenen Jahrzehnten ist der Bio-Anteil bei Lebensmitteln zwar gestiegen, aber langsam. Noch immer werden weniger als zehn Prozent der Flächen ökologisch bewirtschaftet. Der Anteil der verkauften Bio-Lebensmittel ist noch deutlich niedriger. Ihr Anteil am Gesamtumsatz lag 2019 nach Angaben der Agrarmarkt Informations-Gesellschaft (AMI) bei knapp sechs Prozent.

Es sei dringend notwendig umzusteuern, fordert deshalb der Vorsitzende des Bundes Ökologischer Lebensmittelwirtschaft (BÖLW), Felix zu Löwenstein. Die biologische Vielfalt, das Wasser und die Fruchtbarkeit der Böden würden durch die konventionelle Landwirtschaft leiden, sagt der Bio-Lobbyist. Und die Folgen des Klimawandels würden die Notwendigkeit noch verstärken.

Felix zu Löwenstein.

Felix zu Löwenstein vom Bund Ökologischer Lebensmittelwirtschaft fordert umzusteuern. Bio müsse stärker gefördert werden.

Öko-Verband: Zu wenig Forschung für Bio-Landwirtschaft

Aus seiner Sicht müsste das Bundeslandwirtschaftsministerium (BMEL) mindestens 20 Prozent der Forschungsmittel in die Ökolandbau-Forschung stecken, so zu Löwenstein. Auch die Deutsche Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG) fordert aktuell, die "Mittel für Ökoforschung aufzustocken". Und Achim Spiller, Agrarökonom an der Uni Göttingen, kritisiert, zu alternativen Tierhaltungsformen sei in den vergangenen Jahren wenig geforscht worden. Spiller ist auch Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirates des BMEL.

Ministerin Klöckner entgegnet, dass die Grundlagenforschung wie Projekte zur Unkrautbekämpfung oder Pflanzenzucht allen Betrieben zu Gute käme. Deshalb seien diese Forschungsvorhaben nicht extra "mit einem Schild" versehen, das sei jetzt Ökoforschung, so Klöckner.

Experten fordern, Nachfrage nach Bio anzukurbeln

Voraussetzung für mehr Bio sei aber auch, so Spiller, dass die Nachfrage nach Bio-Produkten weiter wachse. Das wäre ein wichtiges Aufgabenfeld für die Bundespolitik, sagt Spiller. Auch zu Löwenstein fordert die Regierung auf, mehr zu tun, um die Nachfrage nach Bio-Lebensmitteln zu erhöhen.

Der größte Entwicklungsbereich sei die Außer-Haus-Verpflegung, also etwa Restaurants, Mensen oder Kantinen. Bis zum Ausbruch der Corona-Pandemie ist ihr Anteil am gesamten Lebensmittelmarkt stetig gewachsen. Immer mehr Menschen essen mittags außerhalb.

Kaum Bio-Lebensmittel in öffentlichen Kantinen

Etwa ein Drittel des gesamten Lebensmittelumsatzes entfiel 2019 auf den Außer-Haus-Bereich. Doch noch spielen in den meisten öffentlichen Einrichtungen Bio-Lebensmittel offenbar kaum eine Rolle. In diesem Bereich mache die Bundesregierung bislang "sehr, sehr wenig", kritisiert zu Löwenstein. "Das Mindeste wäre, dass in allen Kantinen, die der Bund bewirtschaftet, mindestens 20 Prozent Öko-Produkte eingesetzt werden. Da sind wir bei nahezu Null."

Ein Kantinenmitarbeiter füllt einen Teller auf | dpa

In Kantinen werden bislang kaum Bio-Lebensmittel verwendet. Bild: dpa

Dabei hat auch die Regierung dieses Potenzial durchaus erkannt. "Durch den großen Warenumsatz haben öffentliche Einrichtungen nicht nur einen relevanten Einfluss auf die Nachfrage nach ökologischen Erzeugnissen, sondern auch eine große Vorbild- und Multiplikatorenfunktion für die Privatwirtschaft und private Haushalte," heißt es in der Öko-Zukunftsstrategie des Bundes.

Klöckner startet Lebensmittel-Initiative "BioBitte"

"Wir müssen da ganz klar politisch steuern", sagte Klöckner gegenüber dem NDR. Sie habe deshalb die Initiative "BioBitte" gestartet, die sich speziell an die Außer-Haus-Verpflegung richte. Die Initiative soll Entscheidungsträgerinnen und -träger in der kommunalen Verwaltung und Kantinenleiterinnen und -leiter mit Informationen und Veranstaltungen dabei unterstützen, mehr Bio in öffentliche Küchen zu bringen.

Viele Experten halten diese Informationskampagne allerdings für ambitionslos. Schon 2004 hatte das Bundeslandwirtschaftsministerium eine Informationskampagne gestartet, um mehr Bio-Lebensmittel in Ganztagsschulen, Kindertagesstätten, Kliniken und Heimen zu bringen. Das Motto damals: "10% Bio - Das kann jeder!" Die neue Initiative "BioBitte" hat sich nun sogar 20 Prozent als Ziel gesetzt.

Keine Daten zum Bio-Anteil in öffentlichen Küchen

Doch die Initiative kann nicht einmal sagen, wie hoch der Bio-Anteil heute in öffentlichen Küchen ist. Man könne "keine konkreten Daten für den Einsatz von Bio-Lebensmitteln in der Außer-Haus-Verpflegung nennen", teilte eine PR-Agentur dem NDR im Auftrag von "BioBitte" mit, die Daten würden bisher nicht erhoben. Die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) veröffentlichte aber immerhin Anfang 2020 eine Schätzung. Demnach machten die Ausgaben für Bio-Lebensmittel im Außer-Haus-Verzehr nur einen Anteil von rund 1,3 Prozent aus.

Vorreiter Schweden: Bio-Anteil in öffentlichen Küchen bei 40 Prozent

Dass deutlich mehr möglich ist, zeigen etwa Schweden und Dänemark. Beide Länder haben schon vor Jahren Förderprogramme von Öko-Waren in der Außer-Haus-Verpflegung aufgesetzt. Laut einer aktuellen Studie der Uni Kopenhagen liegt der Bio-Anteil in öffentlichen Einrichtungen in Dänemark mittlerweile bei über 20 Prozent, in Schweden sogar bei knapp 40 Prozent.

Laut der Studie besteht die schwedische Strategie darin, konkrete Ziele festzulegen, wie viel Bio-Lebensmittel von öffentlichen Küchen beschafft werden sollen, die die Kommunen dann einhalten müssen.

Klöckner sieht Kommunen in der Verantwortung

In Deutschland sind solche konkreten Vorgaben derzeit nicht geplant. Auf die Frage, warum Deutschland im Vergleich so hinterherhinke, erklärte Agrarministerin Klöckner dem NDR, sie glaube, viele in der öffentlichen Hand hätten das noch überhaupt nicht auf dem Schirm. Sie sieht die Verantwortung bei den Ländern und den Kommunen. Sie müssten bei der Ausschreibung der Verpflegung entsprechende Kriterien definieren. "Es geht, wenn man will", sagte Klöckner.

Über dieses Thema berichtete NDR Fernsehen am 30. März 2021 um 21:15 Uhr in der Sendung "Panorama 3".

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KOMMENTARE

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andererseits 30.03.2021 • 07:53 Uhr

Statt des ambitionslosen "Bio

Statt des ambitionslosen "Bio bitte" braucht es zielgesteuerte wirksame Initiativen. Aber die sind von Frau Julia Nestlé Klöckner nicht wirklich zu erwarten. Sie hat in ihrer Ministerinnenzeit Etikettkleberei statt Politik betrieben. Da wird wohl erst ihre Nachfolgerin im Ernährungs- und Landwirtschaffsministerium zu einem engagierten effizienten Politikstil finden. Was will man auch von einer Frau erwarten, die sich nachgewiesenermaßen 5 mal häufiger mit Lebensmittel- bzw. Zuckerverarbeitungskonzernen wie Nestlé und Mars und Vertretern der klassischen Agrar-, Fleisch- und Ernährungswirtschaft getroffen hat, aber nur fünf Mal mit Vertretern von Organisationen wie dem Bund ökologische Landwirtschaft.