Das britische Frachtschiff in der Ostsee zwischen Ystad und der Insel Bornholm, im Hintergrund ist der mit dem Kiel nach oben liegende Frachter zu sehen.  | dpa

Verdacht auf Sabotage Wie gefährlich sind die Nord-Stream-Lecks?

Stand: 27.09.2022 16:03 Uhr

Die drei Lecks in den Nord-Stream-Pipelines sorgen für Diskussionen. Gleichzeitig werfen sie die Frage auf, wie gefährlich sie für Gasversorgung, Schifffahrt und Umwelt sind.

Von Detlev Landmesser, tagesschau.de

Während die Suche nach den Ursachen der drei plötzlichen Gaslecks in den Pipelines Nord Stream 1 und 2 noch in den Anfängen steckt, stellt sich die Frage, welche unmittelbaren Gefahren von den Vorfällen ausgehen.

Da aus den Unterwasserleitungen zuletzt kein Gas geliefert wurde, ist die aktuelle Gasversorgung Deutschlands nicht betroffen. "Auswirkungen auf die Versorgungssicherheit sehen wir nicht", teilte die Bundesnetzagentur mit. "Es fließt seit dem russischen Stopp der Lieferungen Anfang September kein Gas mehr durch Nord Stream 1. Die Speicherstände steigen dennoch weiter kontinuierlich an. Sie liegen aktuell bei rund 91 Prozent."

Luftbild von der Meeresoberfläche der Ostsee mit Luftblasen im Bereich der Nord-Stream-2-Pipeline | AFP

Im Bereich der Lecks sind an der Meeresoberfläche Gasblasen zu sehen. Bild: AFP

Sorge um die Energieinfrastruktur

Aber auch wenn die aktuelle Gasversorgung unberührt bleibt, macht die Aussicht auf aufwändige Reparaturen oder gar eine mögliche Flutung von Nord Stream 1 eine Wiederaufnahme russischer Lieferungen in naher Zukunft noch unwahrscheinlicher.

Für die fertiggestellte, aber nie in Betrieb genommene Trasse Nord Stream 2 befürchtet Konsortium-Sprecher Ulrich Lissek tatsächlich, dass die mit 177 Millionen Kubikmeter Gas gefüllte Pipeline in den kommenden Tagen leerlaufen könnte. Dennoch schätzt das für die technische Sicherheit in Deutschland zuständige Bergamt Stralsund das Risiko von Folgeschäden aus den Lecks als niedrig ein. "Eine weitere Schadensausbreitung dürfte aus technischer Sicht - nach gegenwärtigem Stand - unwahrscheinlich sein", heißt es von der Behörde.

Da angesichts der plötzlichen Häufung solcher eigentlich sehr seltenen Vorfälle der Verdacht eines Sabotageakts naheliegt, sehen die beteiligten Behörden die größte Gefahr aber offenbar in weiteren möglichen Anschlägen auf die Energieinfrastruktur. "Ein Zufall ist kaum vorstellbar", sagte Dänemarks Regierungschefin Mette Frederiksen. Zuvor hatte die dänische Energiebehörde zu erhöhter Wachsamkeit im Strom- und Gassektor aufgerufen.

Schiffsverkehr wird umgeleitet

Dänemark schätzt auch die Situation für den Schiffsverkehr als "gefährlich" ein. Die dänische Schifffahrtsbehörde hat zwei Sperrzonen von je fünf Seemeilen rund um die Lecks nahe der Insel Bornholm eingerichtet.

Aufklärungsflugzeuge des dänischen Militärs hatten von Turbulenzen auf der Wasseroberfläche oberhalb des größten Lecks in einem Durchmesser von über einem Kilometer berichtet. Nach Angaben der dänischen Energiebehörde können Schiffe den Auftrieb verlieren, wenn sie in das Gebiet hineinfahren. Während das Erdgas an sich nicht giftig ist, wird zudem von einer erhöhten Explosionsgefahr an der Wasseroberfläche ausgegangen.

"Die Schifffahrt ist zwar unmittelbar von dem Nord-Stream-2-Pipelineleck betroffen", sagte Martin Kröger, Hauptgeschäftsführer des Verbandes deutscher Reeder (VDR). Der Verband gehe aber davon aus, dass der Seeschifffahrt keine unmittelbare Gefahr drohe, solange Schiffe entlang der dänischen Vorgaben ihre Fahrtrouten änderten. "Nach derzeitigem Kenntnisstand wird ein Umfahren nicht zu wesentlichen Verzögerungen der Seeverkehre führen", so Kröger gegenüber tagesschau.de.

Klimaschäden befürchtet

Umweltexperten schätzen die kurzfristigen Auswirkungen der Leckagen auf die Umwelt als lokal begrenzt ein. "Die Lecks in den Nord-Stream-Pipelines stellen nach unserem derzeitigen Kenntnisstand keine erhebliche Gefahr für die Meeresumwelt der Ostsee dar", sagte eine Sprecherin des Bundesumweltministeriums gegenüber tagesschau.de. Dies lehre die Erfahrung aus der Nordsee: "Nach Bohrungen der Öl- und Gasindustrie kam es auch dort zu Methanaustritten, nach denen keine unmittelbaren Folgen für die Meeresumwelt nachgewiesen wurden."

Reines Methan, das sich teils auch im Meer löst, ist zwar ungiftig. Nadja Ziebarth, Leiterin des Meeresschutzbüros des Bundes für Umwelt und Naturschutz (BUND) warnte allerdings, dass die genaue Zusammensetzung des entweichenden Gases, das in der Regel auch noch aus anderen Kohlenwasserstoffen besteht, nicht bekannt sei. "Da unklar ist, welches Gemisch genau in Nord Stream transportiert wird, könnten durch andere Gase unbekannte Schäden im marinen Ökosystem lokal entstehen", so Ziebarth.

An der Luft aber verdünnt sich das Gas recht schnell. Allerdings sei Methan, das den Hauptbestandteil von Erdgas bildet, deutlich klimaschädlicher als CO2, so die Sprecherin des Umweltministeriums. Wie das Ministerium sehen auch die Deutsche Umwelthilfe (DUH) und der BUND vor allem eine Klimagefahr durch das entweichende Methan. Dieses sei 25 Mal schädlicher als CO2.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 27. September 2022 um 14:00 Uhr.