Medaille für den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften | Bildquelle: dpa

Nobelpreis für Wilson und Milgrom "Das sind sehr erfreuliche Neuigkeiten"

Stand: 12.10.2020 16:55 Uhr

Milliarden Euro für Mobilfunkfrequenzen: Auch der deutsche Fiskus hat von den Forschungsergebnissen der beiden US-Ökonomen profitiert, die jetzt den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften bekommen.

Von Sandra Scheuring, HR

"Das sind sehr erfreuliche Neuigkeiten", sagte Robert B. Wilson, als ihn die Stockholmer Akademie bei der Bekanntgabe telefonisch zuschaltete. Er verriet, dass er selbst noch nicht aktiv an einer Auktion teilgenommen habe, schränkte dann später jedoch ein: "Meine Frau weist mich darauf hin, dass wir Skischuhe auf eBay gekauft haben. Ich denke, das war eine Auktion."

In der Tat, und für die sind Preisträger Wilson und sein Kollege Paul R. Milgrom von der Stanford University weltweit anerkannte Theoretiker. Jeder kennt Auktionen aus dem Alltagsleben und kann, je nach Größe des Geldbeutels, an ihnen teilnehmen: auf eBay ein Fahrrad ersteigern - oder ein wertvolles Gemälde bei Sotheby’s. Viele klassische Auktionen folgen dem Modell, dass es mehrere Bieter auf einen Gegenstand gibt. Der Preis steht nicht fest, der Meistbietende bekommt den Zuschlag.

Christian Stichler, ARD Stockholm, zur Vergabe des Nobelpreises für Wirtschaftswissenschaften
tagesschau 12:00 Uhr, 12.10.2020

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Digital und nach komplexen Regeln

Heute finden die meisten Auktionen digital statt und funktionieren nach immer komplizierteren Regeln. Ob Emissionsrechte, Strombörsen oder die Vergabe von Mobilfunkfrequenzen - es gibt eine Vielzahl von Möglichkeiten. Die US-Ökonomen Milgrom und Wilson haben die Theorie der Auktionen erforscht und neue Auktionsformate erfunden.

Dafür bekommen sie den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften, wie die Königlich-Schwedische Akademie der Wissenschaften in Stockholm bekannt gegeben hat. Die Auszeichnung heißt übrigens offiziell Alfred-Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften. Im Gegensatz zu den anderen Nobelpreisen geht er nicht auf Alfred Nobel zurück, der Preis wird von der schwedischen Notenbank gestiftet und ist mit zehn Millionen Kronen (rund 960.000 Euro) dotiert.

"Auktionen sind enorm wichtig. Täglich bewegen sie astronomische Summen zwischen Verkäufern und Käufern", so begründet der Komitee-Vorsitzende Peter Frederiksson die Entscheidung. "Sie haben Auswirkungen auf uns alle, vielleicht mehr, als wir denken." Die beiden Preisträger Milgrom und Wilson hätten mit ihrer Grundlagenforschung entscheidend dazu beigetragen, dass bessere Auktionen konstruiert werden konnten, "zum Wohle von Gesellschaften auf der ganzen Welt."

Experten loben die Preisvergabe

Nach Einschätzung von Achim Wambach, Präsident des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW), geht der Preis an die Richtigen. Er hat die beiden US-Forscher schon länger als würdige Kandidaten für den Nobelpreis favorisiert.

"Die beiden Preisträger haben grundlegende Arbeiten im Bereich der Auktionstheorie geleistet und entscheidend dazu beigetragen, dass Auktionen heute in vielfältiger Weise eingesetzt werden. Erwähnt seien die Frequenzauktionen im Telekommunikationssektor, aber auch die Auktionen, die Google durchführt, um Werbung zu platzieren."

Der Grundgedanke von Milgrom und Wilson ist, dass es nicht einen statischen Markt gibt, sondern es auf die Regeln ankommt, die für den Markt zur Anwendung kommen. Ob es Interessenten für eine Auktion gibt, hängt von den Regeln ab. Besonders gut erforscht ist der Handel von Mobilfunkfrequenzen. Früher wurden sie an den vergeben, der sie brauchte - oft kostenlos und zum Nachteil der öffentlichen Hand.

Modelle auch schon in Deutschland angewandt

"Die Frequenz-Auktionen sind das beste Beispiel dafür, dass die Auktionstheorie auch in Deutschland erfolgreich angewendet wird. Die letzte Auktion für die 5G-Netze brachte einen Erlös von mehr als sechs Milliarden Euro. Das kommt dem Steuerzahler zugute", sagt Markus Reisinger, Industrie- und Mikroökonom an der Frankfurt School of Finance and Management. "Zum ersten Mal wurde die Mobilfunkfrequenz-Versteigerung 1999 gemacht, mit Hilfe von Auktionstheoretikern, die sich zu einem großen Teil auf die Theorien von Milgrom und Wilson stützten. Auch das war ein voller Erfolg mit viel höheren Erlösen als geplant."

Heute werden Frequenzen weltweit vergeben - und dabei kommt es genau auf das Marktdesign der Ausschreibung an. Bietet man beispielsweise auf das landesweite Mobilfunknetz? Oder kann man auf einzelne Frequenzblöcke bieten? Diese weitere Verästelung hat konkrete Auswirkungen auf den möglichen Bieterkreis, so ZEW-Experte Wambach: Die Frequenzauktion, die in Deutschland angewandt werde, die "simultaneous ascending auction", basiere auf den Erfahrungen der amerikanischen Frequenzauktion aus den 1990er-Jahren.

Die öffentliche Hand profitiert

"Neuerdings werden in vielen Ländern sogenannte 'kombinatorische Auktionen' eingesetzt, die von Paul Milgrom mitentwickelt wurden", so Wambach. "In einer kombinatorischen Auktion können Bieter auf Pakete bieten - ein Bieter möchte etwa die Frequenzen A, B und D, aber nur, wenn er sie gleichzeitig bekommt."

Kluges Auktions-Design kann hohe Summen in die öffentlichen Kassen spülen, wenn der Staat der Auktionator ist. Wie das Auktionsformat verbessert werden kann, darauf haben Milgrom und Wilson die Antworten geliefert.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 12. Oktober 2020 um 12:00 Uhr.

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