Paul R. Milgrom und Robert B. Wilson | Bildquelle: Nobel Media. Ill. Niklas Elmehed.

Nobelpreis für Auktionsforscher Mehr als eBay und Sotheby's

Stand: 12.10.2020 13:49 Uhr

Die Auktion ist eine der häufigsten Verkaufsformen der Welt - und weit mehr als Versteigerungen im Internet. Für die Optimierung von Auktionen bekommen zwei US-Forscher den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften.

Die US-Ökonomen Paul R. Milgrom and Robert B. Wilson erhalten in diesem Jahr den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften. Das gab die Königlich-Schwedische Akademie der Wissenschaften bekannt. Die Forscher würden für Verbesserungen der Auktionstheorie und Erfindungen von neuen Auktionsformaten geehrt.

Jeden Tag würden mit Auktionen "astronomische Werte zwischen Käufern und Verkäufern bewegt. Sie haben Auswirkungen auf uns alle, vielleicht mehr, als wir denken", sagte der Vorsitzende des zuständigen Komitees, Peter Fredriksson. Die Arbeit von Milgrom und Wilson ermögliche es, bessere Versteigerungen zu konzipieren, so Fredriksson weiter. Sie hätten die Auktionstheorie an realistischere Umgebungen angepasst und mit ihrer Forschung erlaubt, völlig neue Auktionsformate zu erfinden. Davon profitierten Gesellschaften rund um den Globus.

Vielfältige Vergabeformen

Wer heute an Auktionen denkt, dem kommt wahrscheinlich zweierlei in den Sinn: einerseits altehrwürdige Auktionshäuser wie Christie's und Sotheby's - und andererseits eBay. Doch Auktionen sind längst mehr als Kunst, die per Hammerschlag an den Meistbietenden verkauft wird - mehr als "drei - zwei - eins - meins" im Internet.

Allein an den Börsen werden heute unzählige Produkte in Auktionen gehandelt. Elektrizität, Lebensmittel, Verschmutzungsrechte - eine gängige Verkaufsform ist die einer Auktion. Die diesjährigen Nobelpreisträger der Wirtschaftswissenschaften haben jahrzehntelang zur Theorie der Auktion und zu neuen Auktionsformaten geforscht.

Die Wirtschaftswissenschaft geht davon aus, dass es zwei Arten von Werten gibt, die bei Auktionen versteigert werden können. Da sind zunächst rein private Werte, wie sie beispielsweise bei ebay oder eben Christie's versteigert werden. Diese privaten Werte haben die Eigenschaft, dass sie subjektiv von Käufern und Verkäufern eingeschätzt werden: Während der eine Unsummen in eine teure Uhr zu investieren bereit ist, steckt der andere sein Geld lieber in einen Flug zum Mond.

Der "Fluch des Gewinners"

Im Gegensatz dazu stehen die allgemeinen Werte: Hier geht die Wissenschaft davon aus, dass sie für alle Käufer und Verkäufer gleich hoch sind. Allerdings spielen hier neue Faktoren eine Rolle: Möglicherweise haben nicht alle Bieter, die an einer Auktion teilnehmen, dieselben Informationen über den tatsächlichen Geldwert der zu versteigernden Ware. Wenn nun ein Auktionsteilnehmer mehr als den Geldwert bietet, mag er zwar die Auktion für sich entscheiden; er hat die Ware aber überteuert gekauft. Das nennt man den "Fluch des Gewinners".

Robert Wilson war der Erste, der zu diesem Problem eine wissenschaftliche Theorie entwickelt hat. Er hat beschrieben, wie sich Auktionsteilnehmer in solch einem Fall verhalten und was die optimale Strategie in solch einer Auktion ist: Laut Wilson bieten potenzielle Käufer desto weniger, je unsicherer sie sich über den tatsächlichen Wert einer Ware sind. Dadurch wird der Erlös, der bei solch einer Auktion erzielt wird, niedriger. Zudem sorgt die Angst vor dem "Fluch des Gewinners" dafür, dass sich Bieter, die weniger Informationen über den tatsächlichen Wert der angebotenen Ware haben, schneller zurückziehen. Wer also mehr Informationen hat, hat größere Chancen, etwas zu einem angemessenen Preis zu ersteigern.

"Gemischte" Auktionen am häufigsten

Meist aber vermischen sich bei Auktionen der allgemeine und private Wert. Wer beispielsweise ein Haus ersteigern will, lässt sich einerseits von seinen Präferenzen leiten ("Gefällt mir das Haus? Die Lage? Der Garten?"), wird sich andererseits aber auch die Frage stellen, wie der allgemeine Wert sich entwickelt (Wiederverkaufswert? Wertsteigerung?). Hier das Bieterverhalten zu analysieren, ist umso komplizierter.

Hierzu hat Paul Milgrom geforscht und sich in diesem Zusammenhang auch mit unterschiedlichen Auktionsformaten auseinandergesetzt. Er hat herausgefunden, wie man auch in komplizierten Auktionen das Risiko, Opfer des "Fluchs des Gewinners" zu werden, minimieren kann. Eine Möglichkeit besteht im Eingreifen des Verkäufers: Je mehr Informationen er den potenziellen Käufern über den tatsächlichen Wert der Ware zur Verfügung stellt, desto kleiner die Angst der Käufer, Opfer des "Fluchs des Gewinners" zu werden - und desto höher am Ende der Verkaufspreis.

Der bekannteste wissenschaftliche Beitrag der beiden Forscher ist ein Auktionsmodell, das erstmals 1993 bei der Versteigerung von US-Radiofrequenzen an Telekommunikationsunternehmen zur Anwendung kam, nachdem andere Vergabemodelle wie Verkäufe oder Verlosungen zuvor gescheitert waren.

"Ich denke, das war eine Auktion"

Das Nobelpreiskomitee hat die jahrzehntelange Forschung der beiden US-Ökonomen nun mit der höchsten wissenschaftlichen Ehrung ausgezeichnet. Milgrom ist 1948 in Detroit geboren, Wilson 1937 in Geneva im US-Staat Nebraska. Wie bei US-Preisträgern üblich, erreichte sie die Nachricht von der Auszeichnung wegen der Zeitverschiebung am frühen Morgen. "Das sind sehr erfreuliche Neuigkeiten", sagte Wilson, als ihn die Stockholmer Akademie bei der Bekanntgabe telefonisch zuschaltete. Er verriet, dass er selbst niemals aktiv an einer Auktion teilgenommen habe, schränkte dann später jedoch ein: "Meine Frau weist mich darauf hin, dass wir Skischuhe auf eBay gekauft haben. Ich denke, das war eine Auktion."

Die Auszeichnungen für Wilson und Milgrom sind die letzten Nobelpreise dieses Jahres. Bereits in der vergangenen Woche waren die Preisträger in den Kategorien Medizin, Physik, Chemie, Literatur und Frieden bekanntgegeben worden. Alle Preise sind diesmal pro Kategorie mit zehn Millionen schwedischen Kronen (rund 960.000 Euro) dotiert - das ist eine Million Kronen mehr als 2019.

Überreichung am 10. Dezember

Der Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften geht als einzige der Auszeichnungen nicht auf das Testament des Dynamit-Erfinders und Preisstifters Alfred Nobel zurück. Er wird vielmehr seit Ende der 1960er-Jahre von der schwedischen Zentralbank gestiftet und gilt somit streng genommen nicht als klassischer Nobelpreis. Trotzdem wird er gemeinsam mit den anderen Preisen an Nobels Todestag, dem 10. Dezember, überreicht.

Diesmal finden die sonst so feierlichen Nobelpreisverleihungen in Stockholm und Oslo wegen der Corona-Pandemie in anderem und deutlich kleinerem Rahmen statt.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 12. Oktober 2020 um 12:00 Uhr.

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