Broadway-Tänzer treten während einer Pop-up-Performance am Times Square in New York (USA) auf. | EPA

New York hilft Kunstschaffenden Ein "New Deal" für die Kunst

Stand: 23.05.2021 15:19 Uhr

Künstler, Musiker und Performer in New York haben während der Pandemie besonders gelitten. Um ihnen wieder auf die Beine zu helfen, investiert die Stadt Millionen - etwa in Auftritte oder Wandbilder.

Peter Mücke, ARD-Studio New York

Schon vor mehr als einem Jahr wagte New Yorks Bürgermeister Bill De Blasio einen bemerkenswerten historischen Vergleich. Anfang April 2020 war das. Die Corona-Pandemie hatte die Stadt fest im Griff. New York im Lockdown. Hunderte Menschen starben jeden Tag, Zehntausende verloren ihren Job. Das Ausmaß von Arbeitslosigkeit und wirtschaftlichem Elend könne man nur mit der Großen Depression der 1930er-Jahre vergleichen. Und das mache ihm Todesangst, bekannte der Bürgermeister.

Peter Mücke ARD-Studio New York

Erinnerungen an die 1930er Jahre

In der Tat haben rund eine Million New Yorker während der Pandemie ihren Job verloren. Was in einem Land wie den USA häufig bedeutet, auf einen Schlag nicht mehr genug Geld für Essen und Miete zu haben. Besonders hart getroffen hat es den Kultur-, Unterhaltungs- und Freizeitbereich: Hier sind zwei Drittel aller Jobs vernichtet worden. Was auch Lilly Tuttle, die Kuratorin des Museums of the City of New York, an die Jahre nach dem Börsencrash von 1929 erinnert.

"Arbeitslosigkeit war weit verbreitet. Menschen hatten Probleme, genug zu essen zu bekommen", sagt Tuttle. "Und nicht nur in der bildenden Kunst: Musiker, Schauspieler, Autoren - alle waren arbeitslos. Das ist ein interessante Parallele zur heutigen Situation, in der praktisch die ganze Welt der darstellenden Künste seit über einem Jahr in der Warteschleife steckt."

Postämter und Gefängnisse als Orte der Kunst

Die Lösung Mitte der 1930er-Jahre hieß: "Federal Art Project" - ein Teil des "New Deal", mit dem die Regierung von US-Präsident Franklin D. Roosevelt große Infrastrukturprojekte auflegte und auch die Künstler nicht vergaß.

"Es gab viele, viele Projekte in der ganzen Stadt und natürlich auch in den ganzen USA. Sie haben die Künstler sind raus ihren Studios und Galerien geholt und in den öffentlichen Raum gebracht", sagt Tuttle. "Postämter, Bibliotheken, Gefängnisse, Schulen und andere öffentliche Gebäude wurden zu Orten der Kunst von diesen phantastischen Künstlern."

Dokumente einer Stadt im Umbruch

Unter ihnen Jacob Lawrence, Lee Krasner und ihr Partner Jackson Pollock, Stuart Davis, Willem de Kooning - und die Fotografin Berenice Abbott. "Finanziert von der Regierung ist sie in das Projekt 'Changing New York' eingestiegen", so die Kuratorin. "Sie ist auf die Straße gegangen und ist auf Dächer und Feuerleitern gestiegen, um die Veränderung New Yorks in den 1930er-Jahren zu dokumentieren."

Die Fotos sind bis heute im Museum of the City of New York zu sehen - eines der eindrucksvollsten Projekte des staatlichen Kunstprogramms. Ein anderes: Die Wandbilder, die auf Auftrag des Federal Art Projects in New Yorker Stadtteil Harlem entstanden sind, sagt Elizabeth Hutchinson, Kunsthistorikerin an der Columbia Universität.

Georgette Seabrooke arbeitet an einem Wandgemälde für den Aufenthaltsraum der Krankenschwestern im Krankenhaus von Harlem. | picture alliance / akg-images

Die Künstlerin Georgette Seabrooke arbeitet an einem Wandgemälde für das Krankenhaus von Harlem. Bild: picture alliance / akg-images

"Wundervolle Künstler sind engagiert worden, um Wandbilder in der Bibliothek oder im Harlem Krankenhaus zu malen, wo damals nur weiße Ärzte arbeiteten", so Hutchinson. "Schwarze Künstler. Sie haben dafür gesorgt, dass sich die Menschen in Harlem wiedergespiegelt sahen an den Wänden dieser öffentlichen Gebäude."

Was das alles mit heute zu tun hat? Eine ganze Menge. Schon seit Monaten finanziert New York - zum Teil mit Geldern aus Washington - "Open Culture"- und "NYPopsUp"-Projekte: Künstler und Musiker treten in Parks und auf der Straße auf. Und Bürgermeister De Blasio hat noch mehr vor: mit dem sogenannten "City Artist Corps".

Broadway-Darsteller auf Stelzen nehmen an einer Pop-up-Performance am Times Square in New York (USA) teil. | EPA

Auftritt im Freien: Broadway-Darsteller bei einer Pop-up-Performance in New York. Bild: EPA

"Wir leben noch"

"Wir werden 25 Millionen Dollar investieren, um 1500 Künstlern Aufträge in ganz New York zu geben. Bildende Künstler, Musiker, Performer - sie sollen raus in die Stadtteile und öffentliche Kunst schaffen, Shows geben, auftreten, Wandbilder malen", so der Bürgermeister. "Wir wollen Künstlern die Chance geben, dass die Stadt wieder die Kraft dieser Szene spürt.

De Blasio, der nach zwei Amtszeiten nicht wiedergewählt werden kann und Ende des Jahres ausscheidet, will offenbar, dass er den New Yorkern als Retter der Kunst in Erinnerung bleibt. Und das könnte sogar gelingen, sagt Lilly Tuttle vom Museum of the City of New York: "De Blasio will deutlich machen: New York ist nicht am Ende. Im Gegenteil", sagt sie. "Und ich glaube, diese Kunst im öffentlichen Raum ist genau das richtige Instrument, um zu zeigen: Wir sind eine pulsierende, dynamische Stadt. Wir leben noch und sind definitiv im Aufschwung. "