Alexej Mordaschow | imago/Russian Look

Alexey Mordaschow Ein Oligarch rettet TUI

Stand: 05.01.2021 16:17 Uhr

Ohne den Beitrag des russischen Multimilliardärs Alexej Mordaschow wäre TUI der drohenden Pleite kaum entgangen. Wer ist er und was hat der größte TUI-Einzelaktionär mit dem Reisekonzern vor?  

Von Thomas Spinnler, tagesschau.de

Die Aktionäre von TUI haben entschieden: Der Reisekonzern wird durch Finanzspritzen der Aktionäre und des Staates vor einer Pleite bewahrt. Eine wesentliche Rolle spielt dabei der russische Milliardär Alexej Mordaschow.

Die Finanzaufsicht BaFin hatte seine Gesellschaft Unifirm zuvor von der Pflicht freigestellt, bei Überschreiten der Schwelle von 30 Prozent allen Aktionären ein Übernahmeangebot machen zu müssen. Nun wird er bei der anstehenden Kapitalerhöhung neue TUI-Aktien für bis zu 266 Millionen Euro zeichnen.

Stahl ist die Quelle seines Vermögens   

Über das erforderliche Kapital verfügt Mordaschow: Auf der vielbeachteten Forbes-Liste der Milliardäre belegt der 55-Jährige mit seiner Familie aktuell den 54. Rang. Das Vermögen beläuft sich Forbes-Berechnungen zufolge auf knapp 24 Milliarden Dollar. In Russland gehört er zu den fünf reichsten Oligarchen.

Die Quelle seines beachtlichen Reichtums ist Stahl: Mordaschow ist der Sohn eines Stahlarbeiters und einer Stahlarbeiterin und machte eine Ausbildung am Leningrader Institut für Ingenieurwesen und Wirtschaft. Außerdem besuchte er die Newcastle Business School der Northumbria University. Anschließend war er in seiner Geburtsstadt, der Stahlstadt Tscherepowez, in einem Stahlkombinat in der finanziellen Verwaltung und Planung tätig.

Russisches Stahlwerk Severstal

Das Stahlwerk Severstal: die Quelle eines Milliardenvermögens

"Hohe Seriosität und Handschlagfähigkeit"

Während der Privatisierungswelle in Russland nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion zu Beginn der 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts sicherte der Selfmade-Milliardär sich Anteile am Kombinat, aus dem später der Stahlkonzern Severstal werden sollte. Severstal wurde schließlich von ihm kontrolliert und wuchs zu einem internationalen Branchengiganten. Die britische BBC behauptete einmal, Mordaschows Spitzname laute "The Tank", also der Panzer. Auch "Iron Man" werde er genannt - er sei ein Mann, mit dem man sich besser nicht anlege.

Sollte das zutreffend gewesen sein, hat sich das Bild des Oligarchen längst gewandelt. "Herr Mordaschow ist für mich einer der wichtigsten russischen Unternehmer, mit hoher Seriosität und vor allem Handschlagfähigkeit", zitiert die Tageszeitung "Die Welt" Klaus Mangold, der von 2010 bis 2019 TUI-Aufsichtsratsvorsitzender war und eng mit dem größten TUI-Einzelaktionär zusammengearbeitet hat. Mordaschow ist selbst seit 2016 Mitglied dieses Gremiums.

Eine Passantin mit Mund-Nasenschutz geht an einem TUI-Reisebüro vorbei.  | dpa

Der Reisekonzern TUI: wurde von der Corona-Krise hart getroffen. Bild: dpa

Von russischer Reiselust profitieren

Anteile am Touristikkonzern TUI hält er seit 2007. Er hat sie seitdem kontinuierlich bis auf knapp 25 Prozent erhöht und gilt als langfristiger, strategisch interessierter Investor und guter Partner des Managements. Hintergrund des damaligen Engagements war die Idee, dass TUI sich mit seiner Hilfe und seinen Kontakten auf dem riesigen russischen Markt als wichtiger Akteur etablieren und von der wachsenden Reiselust seiner Landsleute profitieren werde.

Natürlich ist der Reisekonzern derzeit ganz besonders von der Corona-Krise betroffen. TUI sei durch die Reisebeschränkungen in der Pandemie über Nacht zu einem Unternehmen ohne Produkt und ohne nennenswerten Umsatz geworden, sagte TUI-Chef Fritz Joussen heute auf der außerordentlichen Hauptversammlung. Im abgelaufenen Geschäftsjahr, das bis Ende September lief, verbuchte der Konzern einen Verlust von mehr als drei Milliarden Euro.

Fritz Joussen, Vorstandsvorsitzender der TUI Group | dpa

TUI sei durch die Reisebeschränkungen in der Pandemie über Nacht zu einem Unternehmen ohne Produkt und ohne nennenswerten Umsatz geworden, so TUI-Vorstandschef Fritz Joussen. Bild: dpa

"Eine sehr gute Perspektive"

Warum stockt der Milliardär ausgerechnet in dieser Lage seinen Anteil auf bis zu 36 Prozent auf? Mordaschow dürfte darauf spekulieren, dass die Tourismusbranche nach dem gigantischen Rückschlag der vergangenen Monate nicht zuletzt auch dank der Zulassung verschiedener Impfstoffe vor einer kräftigen Erholung steht. Joussen unterstrich auf der Hauptversammlung, dass TUI in der besten Ausgangslage sei, um bei Lockerung der Reisebeschränkungen kurzfristig wieder einen profitablen Betrieb zu ermöglichen: "Die TUI hat eine sehr gute Perspektive."

Diese Ansicht hat Joussen nicht exklusiv. Auch viele Experten prognostizieren angesichts des Nachholbedarfs der Kunden künftig ein starkes Wachstum, auch wenn das Niveau der Vorkrisenzeit zunächst eher nicht erreicht wird. Einige Konkurrenten werden die Krise zudem nicht überstanden haben, was sich für die Größen der Branche ebenfalls positiv auswirkt.

In einer solchen Lage ist es plausibel, dass Mordaschow seine Beteiligung an Europas größtem Reisekonzern zu einem möglicherweise günstigen Preis kräftig erhöht. Er wittert einfach ein gutes Geschäft.

Interesse für Kunst, Sport - und Politik

Lukrative Geschäfte sind Mordaschow auch in anderen Bereichen gelungen. Er ist gemeinsam mit zwei seiner Söhne mit einem Anteil von 99,94 Prozent Inhaber des Goldminenbetreibers Nordgold. Außerdem ist er am russischen Turbinenhersteller Power Machines beteiligt.

Power Machines sorgte hierzulande für Schlagzeilen, weil das Unternehmen über ein Joint Venture mit Siemens namens Gas Turbine Technologies an der Lieferung von vier Siemens-Gasturbinen - gegen den Willen von Siemens - auf die von Russland 2014 annektierte ukrainische Krim-Halbinsel beteiligt gewesen war und dadurch auf den Sanktionslisten von EU und USA landete.  

Russischer Milliardär Roman Abramowitsch | picture alliance / dpa

Mordaschows Milliardärskollege Roman Abramowitsch Bild: picture alliance / dpa

Mordaschow lebt in Moskau, pflegt gute Beziehungen zum Kreml und interessiert sich für Poesie, Kunst und Wintersport. Gemeinsam mit dem als Eigentümer des britischen Fußballclubs FC Chelsea bekannten Milliardärskollegen Roman Abramowitsch gehört er dem Kuratorium des Bolschoi-Theaters an.

Über dieses Thema berichtete B5 aktuell am 05. Januar 2021 um 08:41 Uhr.