Spritzen und Ampullen eines Corona-Impfstoffes vor dem Logo des US-Herstellers Moderna | AFP

US-Biotech-Unternehmen Wer steckt hinter Moderna?

Stand: 06.01.2021 16:21 Uhr

Nach der Empfehlung durch die Europäische Arzneimittelbehörde EMA ist nun auch der Corona-Impfstoff von Moderna in der EU zugelassen. Wer steckt hinter dieser erst vor zehn Jahren gegründeten Firma?

Von Lothar Gries, tagesschau.de

Glaubt man Stephane Bancel, dem Chef von Moderna, brauchten seine Forscher nur zwei Tage, um die Grundlagen für den Impfstoff gegen Covid-19 zu entwickeln. Dies sei schon im Januar vergangenen Jahres geschehen, nachdem die chinesischen Behörden die genetische Sequenz des Coronavirus veröffentlicht hatten.

Dass es so schnell ging, ist ein Ergebnis der vorangegangenen jahrelangen Forschungen an der Harvard Universität im US-Bundesstaat Massachussetts. Dort hatte der kanadische Stammzellbiologe Derrick Rossi eine Methode entwickelt, um die sogenannte Boten-RNA so zu modifizieren, dass sie Nachrichten an die menschlichen Zellen übermitteln kann, etwa um im Fall eines Eindringlings wie des Coronavirus das Immunsystem zu aktivieren.

Tragweite erkannt

Rossi erkannte schnell die Tragweite seiner Entdeckungen und begann Geld für die Gründung einer eigenen Biotechnologiefirma mit dem Namen "ModeRNA" zu sammeln. Im September 2010 war es dann so weit, das Unternehmen wurde ins Handelsregister eingetragen. Der Immunologe Tim Springer, ebenfalls Harvard-Professor, wurde der erste Investor. Auch andere Wissenschaftler und Gelehrte zögerten nicht lange und stiegen bei der neuen Firma ein.

Dazu gehörte auch der libanesisch-amerikanische Venture-Capital-Investor Noubar Afeyan. Er holte 2011 den Franzosen Bancel zu Moderna und bot ihm schon zwei Jahre später den Chefposten an. Bancel hatte zuvor einige Jahre für den amerikanischen Pharmakonzern Eli Lilly gearbeitet, unter anderem als Landeschef in Belgien.

Moderna-CEO Stephane Bancel

Moderna-Chef Stephane Bancel war anfangs gar nicht von der mRNA-Methode überzeugt.

Moderna-Chef war anfangs skeptisch

Von der unerprobten mRNA-Technologie soll Bancel anfangs allerdings gar nicht überzeugt gewesen sein. Wie die "New York Times" erfahren haben will, habe Bancel vor seinem Einstieg bei Moderna seiner Frau anvertraut, dass er die Erfolgsaussichten der neuen mRNA-Methode auf lediglich fünf Prozent einschätzt. Ginge die Wette aber auf, dürfte sie sich als bahnbrechend für die gesamte Medizin erweisen.

Es dauerte zwar eine Weile, etablierte und prominente Pharmakonzerne von der mRNA-Methode zu überzeugen. Doch im März 2013 konnte Moderna mit einem Deal mit AstraZeneca einen Erfolg vorweisen. Der schwedisch-britische Konzern vereinbarte eine fünfjährige Zusammenarbeit mit Moderna zur Entdeckung, Entwicklung und Vermarktung von mRNA-Therapeutika zur Behandlung von Herz-Kreislauf-, Stoffwechsel- und Nierenerkrankungen sowie bestimmten Krebszielen. Die Vereinbarung beinhaltete zudem eine Vorauszahlung in Höhe von 240 Millionen Dollar an Moderna.

Partnerschaften und Börsengang spülten Geld in die Kasse

Im Januar 2014 schlossen Moderna und der US-Konzern Alexion Pharmaceuticals einen Vertrag über 125 Millionen Dollar. Alexion zahlte Moderna 100 Millionen Dollar für zehn Produktoptionen zur Entwicklung von Arzneimitteln für seltene Krankheiten mithilfe der mRNA-Technologie.

2018 folgte dann der Börsengang, der dem Unternehmen der Harvard-Professoren eine halbe Milliarde Dollar in die Kassen spülte. An der Wall Street wurde die Firma rasch als Geheimtipp gehandelt. So kletterte der Börsenwert bereits Anfang 2020 auf sieben Milliarden Dollar - bei einem Jahresumsatz von lediglich 100 Millionen Dollar.

Aufstieg zum Börsenliebling

Der Aufstieg zum weltweiten Börsenliebling gelang Moderna dann im vergangenen Jahr. Bei einem Treffen mit US-Präsident Donald Trump im März verkündete Konzernchef Bancel, Moderna verfüge bereits über eine mögliche Corona-Impfung. Das Unternehmen erhielt daraufhin von der US-Regierung 950 Millionen Dollar, um die Entwicklung zu beschleunigen. Zudem verpflichteten sich die US-Behörden, 200 Millionen Dosen des neuen Vakzins von Moderna zu kaufen - für mehr als drei Milliarden Dollar.

Seitdem ist das Unternehmen, wie schon BioNTech aus Mainz, zum Börsenliebling aufgestiegen, der Aktienkurs hat sich im vergangenen Jahr mehr als versiebenfacht und kletterte zeitweise auf 50 Milliarden Dollar. Eine gigantische Bewertung für ein Unternehmen, das im dritten Quartal 2020 einen Nettoverlust von 234 Millionen Dollar auswies. Seitdem ist es zwar zu einigen Gewinnmitnahmen an der Börse gekommen, die den Kurs wieder etwas gedrückt haben.

Potenzial zum Global Player

Doch seit der erfolgreichen Entwicklung des Covid-Vakzins gilt die mRNA-Technologie als vielversprechen auch für andere Bereiche, was den Börsenkurs entsprechend hoch hält. Wenn es mit Impfstoffen klappe, dann könne es auch bei anderen Anwendungen funktionieren, meinen Fondsmanager.

Tatsächlich testet das Unternehmen inzwischen gut ein Dutzend Produkte in klinischen Studien, darunter neben dem Covid-Vakzin eine Reihe weiterer Impfstoffe, Krebsmedikamente und auch Arzneien gegen seltene Stoffwechselstörungen. Es ist also nicht allein der Erfolg des Covid-Impfstoffs, der das Unternehmen so wertvoll erscheinen lässt.

Die meisten Experten bescheinigen Moderna das Potenzial zu einem globalen Player in der Pharmabranche - falls sich die mRNA-Technologie durchsetzt. Die Firmengründer hat der Kursanstieg zu Milliardären gemacht. Allein das Vermögen von Vorstandschef Bancel wird inzwischen auf 3,5 Milliarden Dollar geschätzt, weil er rund neun Prozent der Moderna-Aktien hält.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 05. Januar 2021 um 13:35 Uhr.