Dr. Michael Grömling
Interview

Interview OPEC-Gewinne landen nicht unter Matratzen

Stand: 27.08.2007 16:25 Uhr

Steigender Ölpreis - der Ruin für die schwach wachsende deutsche Konjunktur? tagesschau.de sprach mit Michael Grömling, Konjunkurexperte des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln über die Belastungen für die Wirtschaft durch hohe Energiepreise.

tagesschau.de: Herr Grömling, wie stark belastet ein hoher Ölpreis die deutsche Wirtschaft?

Michael Grömling: Nach Modellrechnungen dämpft ein Ölpreis, der länger auf einem deutlichen höheren Niveau liegt als angenommen, das Wachstum um 0,25 bis 0,5 Prozentpunkte. Hohe Ölpreise verteuern zunächst einmal die Produktionskosten. Die Unternehmen haben nun zwei Möglichkeiten. Sie können die Kosten auf die Preise abwälzen. Im harten Wettbewerb geht das allerdings oft nicht. Dann führen hohe Kosten zu sinkenden Gewinnen und das ist Gift für die Investitionsnachfrage. Wenn die Unternehmen die Preise erhöhen, laufen sie Gefahr, dass der Umsatz lahmt. Wie man es dreht und wendet, es dürfte dazu führen dass entweder Konsum oder Investitionen gedämpft werden.

tagesschau.de: Ist die Situation schon eingetreten?

Grömling: Die Szenarien gehen davon aus, dass der Ölpreis über eine längere Zeit höher sein muss. Gefahren sehe ich tatsächlich, wenn wir Ölpreise in der Größenordnung von 40 Dollar über mehrere Monate, vielleicht sogar für ein Jahr, haben. Kurzfristig wird man die hohen Benzinpreise merken. Das geht sicherlich zu Lasten des einen oder anderen Konsumguts. Das Geld, was wir an den Tankstellen lassen müssen, können wir an anderer Stelle nicht ausgeben.

Der Kaufkraftentzug und diese dämpfenden Effekte sind die „Erstrunden-Effekte“. Gefahren entstehen durch so genannte „Zweitrunden-Effekte“, wenn hohe Ölpreise zu Nachschlagsforderungen bei Tarifverhandlungen führen und wir in eine Preis-Lohn-Spirale hineinlaufen. Solche Mechanismen konnte man in den 70er Jahren und teilweise auch in jüngster Zeit beobachten. Das ist vor dem Hintergrund der Wettbewerbsfähigkeit ein Problem. Da heißt es behutsam sein, und den Kostschock durch hohe Ölpreise nicht weiter verschärfen, indem wir noch einen Lohnkostenschock hinzufügen.

Dr. Michael Grömling

Dr. Michael Grömling

tagesschau.de: Wen belasten hohe Ölpreise am stärksten, kleinere oder große Betriebe?

Grömling: Ich würde nach Branchen unterscheiden. Es gibt Branchen, die energieintensiver arbeiten, zum Beispiel die Chemieindustrie und die Schwerindustrie. Denen setzt es stärker zu als Dienstleistungsbereichen. Da kann man aber gleichzeitig auch schon eine Abschwächung vornehmen. Die hohen Ölpreise jetzt dürften uns weniger belasten als Anfang der 70er oder 80er Jahre. Da hatte die Industrie ein deutlich höheres Gewicht. Die Dienstleistungen bestimmen heute nahezu 70 Prozent der wirtschaftlichen Aktivitäten. Zudem produziert die Industrie heute weniger energieintensiv als das früher der Fall war. Man hat aus den Ölkrisen gelernt – an vielen Stellen, im Haushalts- wie im Industriebereich.

tagesschau.de: Also sorgt ein höherer Ölpreis auch für energiesparende Investitionen?

Grömling: Er hat zumindest ein energiepolitisches Umdenken in den letzten drei Jahrzehnten ausgelöst – bei der Industrie, aber auch bei den privaten Haushalten. Die sind nach wie vor der größte Energienutzer in allen Industrieländern.

tagesschau.de: Gibt es irgendeine gute Nachricht, wenn die Ölpreise steigen?

Grömling: Die gute Nachricht ist, dass wir mit den Erdöl exportierenden Ländern Überschüsse im Warenverkehr haben. Das heißt ein Teil der Mehrausgaben wird von den OPEC-Ländern "recycelt". Das landet nicht unter deren Matratzen. Die nehmen das Geld und kaufen in Deutschland Maschinen, Fahrzeuge und andere Industriewaren. Es gibt neben dem großen weinenden Auge auch ein kleines lachendes Auge, da unsere Exportkonjunktur durch die Shopping-Tour der Ölscheiche etwas gestärkt wird.

tagesschau.de: Wie stark spielt Spekulation eine Rolle beim Ölpreis. Hängen Förderquote und Preis wirklich so eng zusammen.

Grömling: Nein. Da werden Kontrakte über in Zukunft geförderte Mengen gemacht - die zukünftige Ölnachfrage hat einen starken Einfluss. Damit kommen Erwartungen ins Spiel. Da spielt sicherlich auch ein Schuss Psychologie mit.

tagesschau.de: Wie schätzen Sie die Entwicklung am Ölmarkt ein? Ist das ein übliches Auf und ab, oder geht es künftig mit den Preisen nur noch bergauf?

Grömling: In der Vergangenheit konnte man immer wieder beobachten, dass sich Phasen hoher Ölpreise nie gehalten haben. Die Erdöl exportierenden Länder haben auch früher realisiert, dass eine harte Gangart eine Gefahr für die Weltwirtschaft ist und das ist sicher auch nicht in ihrem Interesse. Man darf ja auch nicht vergessen, dass wir 2003 nur 20 Prozent unserer Öleinfuhren aus dem OPEC-Raum bekamen. Unser größter Öllieferant ist Russland, dann folgt schon das Nordseeöl sprich Norwegen und Großbritannien.

tagesschau.de: Was ist mit dem Ruf nach einer geringeren Mineralölsteuer. Halten Sie das für berechtigt?

Grömling: Die Frage ist nicht leicht zu beantworten. Die Ökosteuer wurde ja eingeführt, um Löcher in der Rentenkasse zu stopfen. Man könnte natürlich sagen, lasst uns die Mineralölsteuer senken, um den Konsum am laufen zu halten. Aber ich traue dem nicht. Ich würde fürchten, man bekommt etwas in die rechte Tasche gesteckt und muss aus schierer Notwendigkeit in die linke Tasche greifen – durch ein Verschieben der Steuerreform oder was auch immer. Der öffentliche Haushalt ist grob defizitär und der Finanzminister muss schauen, dass er die Löcher gestopft bekommt - einem Steuergeschenk würde ich nicht trauen.

tagesschau.de: Was kann die Politik dann tun? Was erwarten sie von den Finanzministern?

Grömling: Kurzfristig ist der Spielraum sicherlich begrenzt. Alles was man tun kann, um die Situation im Nahen Osten nicht weiter zu verschärfen, jeder Einsatz für Stabilität in dieser Region ist sicher eine wichtige Aufgabe. Das ist das, was kurzfristig möglich ist. Langfristig sind sicher Maßnahmen denkbar und gangbar, um die Energieintensivität insgesamt zurückzufahren und auch die Ölabhängigkeit zu reduzieren.