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Interview

Interview zum Thema Energiesicherheit "Das Risiko muss gestreut werden"

Stand: 16.03.2006 15:29 Uhr

Eben noch drehte Russlands Staatschef Putin im Streit mit der Ukraine am Gashahn. Nun wollen die Energieminister der G8-Staaten ausgerechnet in Moskau über Energiesicherheit diskutieren. Der Experte des Rheinisch-Westfälischen Instituts (RWI) für Wirtschaftsforschung, Manuel Frondel, warnt im Interview mit tagesschau.de vor der Energie-Macht einiger politisch instabiler Länder.

tagesschau.de: Herr Frondel, es wird viel über Energiesicherheit gesprochen. Was bedeutet das eigentlich? Muss der Bürger um eine ausreichende Versorgung mit Strom und Gas fürchten?

Manuel Frondel: Nein. Die Märkte sind gut ausgebildet und haben in der Vergangenheit gut funktioniert. Ein gewisses Vertrauen in die Märkte kann man auch in der Zukunft haben. Der Verbraucher muss vielleicht mit höheren Preisen rechnen, aber nicht mit eklatanten Schwierigkeiten in der Versorgung mit Energie.

tagesschau.de: Warum wird dann dauernd darüber geredet?

Frondel: Es gibt ja nicht nur das Mengenrisiko. Vielmehr bewegt die Bürger und auch die Industrie das Preis-Risiko. Besonders die Konzentration der Erdölreserven auf die so genannte strategische Ellipse im Mittleren Osten ist angesichts immer wieder auftretender politischer Schwierigkeiten sehr besorgniserregend. Da kann es noch zu erheblichen Preisausschlägen kommen.

tagesschau.de: Wie können sich die Verbraucherstaaten schützen?

Frondel: Erdöl wird hauptsächlich im Verkehrsbereich eingesetzt. Jede nationale Regierung muss sich auf diesen Verkehrssektor kaprizieren und versuchen, den Verbrauch herunterzufahren. Vor allem wäre aber eine einheitliche europäische Benzinsteuer wünschenswert.

Ölfeld in Saudi-Arabien

Schabija-Ölfeld in Saudi-Arabien: "Bedenkliche Konzentration der Erdölreserven auf den Mittleren Osten".

tagesschau.de: Das würde für viele Länder höhere Steuern bedeuten.

Frondel: Der Verbraucher müsste einen Anreiz bekommen, um in effizientere Autos umzusteigen. Die Mittel aus der höheren Benzinsteuer sollten über Einkommenssteuer-Rabatte den Haushalten wieder zufließen. Alternativ dazu könnte Deutschland auf die Erhöhung der Mehrwertsteuer verzichten.

"Putin hat ein strategisches Interesse"

tagesschau.de: Russland zählt auch zu den politisch zumindest fragwürdigen Ländern. Nun hat es 2006 den G8-Vorsitz übernommen. Das Thema Energiesicherheit stehe dabei ganz oben auf der Prioritätenliste, meint Staatschef Wladimir Putin. Klingt das nicht wie ein Hohn, wenn man beobachtet, wie Russland aus machtpolitischen Interessen an der Gasschraube dreht?

Frondel: Das sehe ich genauso. Da besteht ein strategisches Interesse Putins, das Thema Energiesicherheit besonders hoch auf die Agenda zu setzen, weil Russland definitiv einer der Profiteure davon sein wird.

tagesschau.de: Wie kann die Antwort auf drohende Willkür der Energielieferanten lauten?

Frondel: Die beste Antwort auf Energieunsicherheiten ist immer eine Diversifizierung – sowohl bei den Energieträgern als auch bei den Bezugsquellen. Eine alleinige Konzentration auf Russland ist nicht wünschenswert, das Risiko muss gestreut werden. Eine Möglichkeit wäre verflüssigtes Erdgas. Das ist bisher in Deutschland allerdings noch überhaupt keine Option – möglicherweise aber in zehn Jahren. Dadurch könnte man Gas per Tanker aus verschiedensten Ländern beziehen und sich vom Lieferanten Russland unabhängig machen.

Gaspipeline

Flüssiges Gas im Kanister statt des russischen Rohstoffs aus der Pipeline?

"Die Liberalisierung des Strommarktes hakt noch"

tagesschau.de: Sie sprachen von hohen Strompreisen. Wir haben in Deutschland vier große Unternehmen, die fast 100 Prozent des hiesigen Strommarktes kontrollieren. Liegt nicht in diesem mangelnden Wettbewerb das Hauptproblem?

Frondel: Ja, aber dieses Problem betrifft nicht nur Deutschland, sondern die ganze EU. Den vier großen deutschen Unternehmen stehen nicht vier gleich große internationale Wettbewerber gegenüber. Die Liberalisierung des Strommarktes ist nicht so weit vorangeschritten, wie man sich das wünschen würde.

tagesschau.de: Doch auch, weil die Voraussetzungen dafür fehlen.

Frondel: Insbesondere beim Strom fehlen Transportkapazitäten über Ländergrenzen hinweg. Dadurch ist der Wettbewerb zwischen Ländern eingeschränkt. Man kann natürlich keinen privaten Investor dazu zwingen, in solche Netze zu investieren.

tagesschau.de: Investiert werden soll hingen in etlichen Ländern in den Bau neuer Kernkraftwerke: Russland und China wollen in den kommenden Jahren dutzende Meiler bauen. Aber auch Kanada, die Türkei und sogar die Niederlande denken darüber nach. Ein Thema auch für Deutschland?

Frondel: Keiner der großen deutschen Energieversorger denkt momentan darüber nach, ein neues Kernkraftwerk zu bauen. Das wäre unter den gegebenen marktwirtschaftlichen Bedingungen einfach nicht rentabel. Der Bau von Kernkraftwerken ist vor allem in den Ländern zu beobachten, in denen Regierungen sehr stark die nationale Energiepolitik mitgestalten und letztlich als Kraftwerksbetreiber auftreten, etwa in China. Aber das hat mit Liberalisierung nichts zu tun.

Das Interview führte Frank Thadeusz, tagesschau.de